Nehmt diesen “Time”-Journalisten fest

11. August 2004 • Qualität & Ethik • von

Erstveröffentlichung: Il Giornale

Kontroverse um Offenlegung von Informationsquellen

Ein Richter hat die Festnahme von Matthew Cooper, einem herausragenden Journalisten des Nachrichtenmagazins «Time», angeordnet und der Zeitschrift bis Prozessbeginn eine Strafe von 1000 Dollar pro Tag angedroht. Was hat sich Cooper zu Schulden kommen lassen? Er weigert sich, eine Informationsquelle offenzulegen.

Die amerikanische Presse tritt wieder einmal ins Zentrum des Geschehens. Am 9. August war es auf den Tag 30 Jahre her, dass Bob Woodward und Carl Bernstein, zwei Journalisten der «Washington Post», US-Präsident Nixon wegen des Watergate-Skandals, den sie durch Nachforschungen aufgedeckt und in ihrer Zeitung veröffentlicht hatten, zum Rücktritt gezwungen hatten.

Heute gibt es keinen derartigen Triumph zu feiern. Ein Richter hat die Festnahme von Matthew Cooper, einem herausragenden Journalisten des Nachrichtenmagazins «Time», angeordnet und der Zeitschrift bis Prozessbeginn eine Strafe von 1000 Dollar pro Tag angedroht. Was hat sich Cooper zu Schulden kommen lassen? Er weigert sich, eine Informationsquelle offenzulegen. Die Strafe ist bis zum Beginn des Berufungsverfahrens ausgesetzt worden. Tim Russert, ebenfalls Journalist und Moderator der NBC-Sendung «Meet the Press», ist einer Strafe nur deshalb entgangen, weil er einer teilweisen Zusammenarbeit zugestimmt hat.

Der Fall ist bemerkenswert, denn seit Mitte der 70er Jahre sind Bundesbehörden und Pressevertreter nicht mehr derart hart aneinander geraten. Besondere Bedeutung verleiht ihm aber die Tatsache, dass erneut das Weisse Haus darin verwickelt ist. Die Ereignisse sind allgemein bekannt: Im Juli 2003 deckte der Ex-Diplomat Joseph Wilson in einem Artikel auf, dass Präsident Bushs Behauptung, Saddam Hussein hätte verucht, in Niger Uran zu beschaffen, auf nicht überprüften Dokumenten beruhte. Die Meldung schlug im Regierungslager ein wie eine Bombe und löste dort heftige Reaktionen aus. Man rächte sich, indem man dem konservativen Kolumnisten Robert Novak eröffnete, Valerie Plame – atemberaubende Blondine und Ehefrau Wilsons – sei in Wirklichkeit eine CIA-Agentin. Das Aufdecken getarnter Geheimagenten ist in den Vereinigten Staaten jedoch eine Straftat. Und genau dieser Sachverhalt war es, der die Untersuchung mit den heiklen Enthüllungen auslöste. Schliesslich waren die Informationen dem Kolumnisten Novak ja nicht von einer x-beliebigen Regierungsstelle, sondern vom Weissen Haus direkt zugespielt worden. Hauptverdächtiger ist Lewis Libby, seines Zeichens Stabschef von Vizepräsident Dick Cheney. Letztendlich mussten sich alle wichtigen Köpfe der Regierung, der Präsident eingeschlossen, zur Sache vernehmen lassen.

Das juristische Nachspiel der Affäre liegt geradezu auf der Hand. Der «Time»-Journalist lehnt jegliche Vernehmung ab und wird deshalb verurteilt; dies ungeachtet der Tatsache, dass er sich auf den ersten Zusatz der US-Verfassung beruft, der einem Journalisten das Recht einräumt, seine Informationsquellen nicht preiszugeben. Wenige Wochen vor den Präsidentschaftswahlen könnte das politische Nachspiel noch zu einem explosiven Thema werden.

Die wichtigere Frage betrifft – zumindest vorerst – jedoch die US-Informationspolitik. Nicht etwa weil die Pressefreiheit in Gefahr wäre, sondern weil diese Affäre zeigt, welch undurchsichtige Rolle den «Spin Doctors», den modernen Hexenmeistern des Nachrichtengeschäfts, zukommt. Es sind Kommunikationsexperten wie Libby oder der persönliche Bush-Berater Karl Rove, welche aus den Fehlern, die Nixon in der Watergate-Affäre gemacht hatte, Lehren gezogen haben. Sie wenden Techniken an, die es dem Weissen Haus ermöglichen, in der Beziehung zur Presse die Oberhand zu behalten. Sparsam eingesetzt, können sie sehr gute Ergebnisse erzielen. Geht man dabei jedoch zu weit, wird die Glaubwürdigkeit der Institutionen aufs Spiel gesetzt. In London musste Alastair Campbell, Imageberater von Tony Blair, vor wenigen Monaten seinen Hut nehmen. Dass in Washington das Gleiche passiert, ist alles andere als unwahrscheinlich.

(Übersetzung: Robert Laber)

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