Osama statt Obama?

4. Januar 2008 • Qualität & Ethik • von

St. Galler Tagblatt, 28. Dezember 2007

Wie ein U-Boot aus dem Film «Titanic» zu Realität – und von einem 13jährigen aus Finnland enttarnt wurde
Jahresende – das ist die Zeit, Bilanz zu ziehen, auch für die Medien. In den USA hält ihnen Craig Silverman auf seiner Website www.regret theerror.com den Spiegel vor.

Rekordverdächtig als «Opfer» journalistischer Verfehlungen im zu Ende gehenden Jahr ist der US-Präsidentschaftskandidat Barack Obama. Sein Vor- und Nachname verursachte vielen Journalisten Kalamitäten – er wurde von den Medien auf ebenso kreative wie vielfältige Weise falsch geschrieben. Der Nachrichtensender CNN und das Boulevardblatt «New York Post» beispielsweise nannten ihn «Osama» – und lieferten damit den Konkurrenten Obamas eine Steilvorlage, um den demokratischen Präsidentschaftsbewerber zu hänseln und mit dem meistgesuchten Terroristen der Welt in Verbindung zu bringen.

Der «Irrtum des Jahres»

Als «Irrtum des Jahres» präsentiert Silverman das Foto eines U-Boots, das der russische Sender RTR im August in Umlauf brachte. Es illustrierte einen Beitrag über eine Expedition der russischen Marine in die Antarktis, wurde von Reuters übernommen und gelangte so in den internationalen Nachrichten-Kreislauf. Erst Tage später stellte sich heraus, dass das Bildmaterial gefälscht war – das Foto war aus dem Film «Titanic» herauskopiert worden.

Ein findiger Finne

Und wer hat die Fälschung entdeckt? Irgendein kluger Redaktor irgendeines Nachrichtenmediums? Ein Marine-Experte, der sich mit U-Booten auskennt? Mitnichten – es war Waltteri Seretin, ein 13jähriger Finne. Silverman zieht aus dem Vorfall eine negative und eine positive Schlussfolgerung: Einerseits führe die Schnelligkeit, mit der unter den heutigen Bedingungen Nachrichten weitergereicht würden, zum Kontrollverlust, andererseits ermögliche eben das Internet es auch, dass Laien, in diesem Fall ein unbekannter Jugendlicher, Fehler korrigierten.

Peinlicher noch als die Fehler, die sich unter den aktuellen Arbeitsbedingungen im Journalismus kaum vermeiden lassen, ist eine andere Spalte auf Silvermans Website: Dort werden entdeckte Plagiate aufgelistet. Leider verging auch 2007 kaum ein Monat, in dem Journalisten nicht dabei ertappt worden sind, wie sie ziemlich hemmungslos von anderen Journalisten abgekupfert haben.

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