Parallelwelten

2. März 2017 • Aktuelle Beiträge, Qualität & Ethik • von

Journalisten und Medienmanager auf dem Mars, Medienforscher auf der Venus – Praktiker und Wissenschaftler scheinen zunehmend in Parallelwelten und in ihren eigenen Echokammern unterwegs zu sein, die sich ziemlich hermetisch gegeneinander abschirmen.

Wie prekär es um das Ansehen von Journalisten und um die Glaubwürdigkeit von Medien bestellt ist, hätten die Medienpraktiker schon seit Jahrzehnten wissen können – sie hätten dann auch Jahrzehnte mehr Zeit gehabt, angemessen auf den Vertrauensverlust zu reagieren. Stattdessen haben sie einschlägige Erkenntnisse der Medienforscher beharrlich ignoriert, als gingen sie diese nichts an.

Die Alarmglocken hätten bereits schrillen müssen, als ARD und ZDF in Deutschland Mitte der 60er Jahre damit begannen, in der Langzeitstudie Massenkommunikation in Mehrjahresabständen messen zu lassen, wie die Glaubwürdigkeit von Medienberichterstattung wahrgenommen wird. Die ermittelten Werte zeigten schon damals nahezu regelmäßig nach unten. Seit 1998 belegten amerikanische Daten auch, wie weit die Wahrnehmung der Medienschaffenden und der Publika in puncto Glaubwürdigkeit von Journalismus auseinanderklaffte.

Das zweite Beispiel: Georg Mascolo, der den Rechercheverbund von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR leitet, erregte vor einem Jahr branchenweit Aufsehen, als er eine andere Fehlerkultur im Journalismus forderte. Auch das war keine neue Erkenntnis. Bernd Pitz, der heute in Deutschland Medienunternehmen berät, hat dazu 1998 eine Pionierarbeit an der FU Berlin geschrieben. Seither haben Forscher dem Thema immer wieder Aufmerksamkeit gewidmet. Ihre Erkenntnisse waren eindeutig: Verlässliche Korrekturspalten und Ombudsleute, die gelegentlich erklären, weshalb einer Redaktion ein Fehler unterlaufen ist, könnten erheblich dazu beitragen, journalistische Glaubwürdigkeit zu stärken.

Bereits 1998 verblüffte Christine Urban die amerikanische Fachöffentlichkeit mit Befragungsergebnissen, die zeigten, dass die Publika deutlich realistischer als die Journalisten selbst bewerteten, wie fehleranfällig Redaktionsarbeit ist und wie leicht sie sich fremdsteuern lässt. Fast 80 Prozent der Befragten waren der Auffassung, Journalisten ließen sich leicht manipulieren; die Journalisten selbst teilten nur knapp zur Hälfte diese Meinung – ein Ergebnis, in dem sich natürlich Selbstwertgefühl, aber auch die „Kontrollillusion“ des Berufsstands ausdrückt.

Die Medienpraxis hat sich auch hier 18 Jahre lang taub gestellt, und damit die Chance vertan, rechtzeitig etwas zur Rückgewinnung von Vertrauen zu unternehmen. Kaum auszumalen dagegen, welchen Skandal Medien inszenieren würden, wenn sich beispielsweise Ärzte weigerten, Forschungsfortschritte der Medizin zwei Jahrzehnte lang zu ignorieren.

Umgekehrt würden indes auch viele Medienwissenschaftler weit weniger Überflüssiges erforschen, wenn sie ihrerseits engeren Kontakt zu Medienpraktikern hielten. In den Richtlinien der großen Forschungsförderungs-Instanzen wie dem Schweizer Nationalfonds, der Deutschen Forschungsgemeinschaft oder der Österreichische Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung sind Praxis-Kontakte und Wissenschafts-Transfer ja durchaus erwünscht. Weshalb die Fördereinrichtungen so wenig darauf achten, ob diese auch umgesetzt werden und kostbare Forschungsergebnisse auch in der Medienpraxis oder der Gesellschaft „ankommen“, bleibt deren Geheimnis.

PS: Gut, lenken wir zum Schluss noch ein und relativieren ein wenig. Zumindest auf Kongress- und Tagungs-Podien treffen die prominenteren Abgesandten von Mars und Venus ja weiterhin gelegentlich aufeinander. Indes bleiben auch solche Begegnungen erstaunlich folgenlos. Man hört einander höflich zu, gelegentlich kommt es zu einem Schlagabtausch oder auch einem Techtelmechtel. Aber die Gesprächsdramaturgie und die geforderten Info-Häppchen lassen es kaum zu, Zahlen und Statistiken in einen Kontext einzubetten oder gar mit dem Gegenüber in einen wirklichen Dialog zu treten. Das war‘s dann eben auch – Gruezi wohl, tschüss, servus bis zum nächsten gemeinsamen Auftritt…

Erstveröffentlichung: Schweizer Journalist 2+3/2017

Bildquelle: pixabay.de

 

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  • Anja Boettcher

    Das riesige Glaubwürdigkeitsproblem des politischen Journalismus rührt von seiner Ausrichtung auf einen Kampagnenjournalismus her, der sich der sozialen Einbettung von Alphajournalisten in Elitenprojekte und elitären Netzwerken verdankt. Während die ökonomische Asymmetrie zunimmt,sorgt die Identifikation der Journalisten mit der politischen Nomenklatura, denen sie im sozialen Raum der Netzwerker begegnet, dafür, dass sie natürlich mit der Agenda identifiziert werden, der sie ziemlich ungebrochen dienen.

    Das sorgt nicht nur dafür, dass große Teile der Gesellschaft weder in Medien noch in der Politik Stimmen finden, die sie repräsentieren, d.h. der Journalismus sorgt mit dafür, dass es keine wahrnehmbare Opposition gegen jenen neoliberalen und geopolitisch aggressiven Kurs gibt, der die Mehrheit zunehmend politisch und sozial marginalisiert, sondern der etablierte Journalismus positioniert sich sogar als Gegener jener Mehrheit und greift aktiv das Selbstwertgefühl jener Mehrheit an. Die Identifikation des medialen Mainstreams mit einer Gestalt wie Hilary Clinton, die einen weit verbreiteten Widerwillen gegen die sozial desintegrierende Politik des nur an der Oberfläche libertären, politisch-ökonomisch aber neoliberalen und neokonservativen politischen Establishments verächtlich als “Deplorables” beschimpft, spricht Bände. Da nur die vulgäre Ausgabe eben jenes politischen Establishments als Projektionsfläche zum Ausdruck von Protest möglich war (die Möglichkeit der Wahl einer alternativen, zumindest keynesianischen Politik durch den Kandidaten Bernie Sander eliminierte ja das Team um Clinton selbst), wurde dieser gewählt.

    Die Trivialität des hiesigen politischen und medialen Establishments zeigte sich deutlich im leitdmedialen Mainstream: In Zeit, FAZ, WDR und Deutschlandfunk fanden sich ernsthaft Beiträge schockierter Journalisten, die angaben, sie hätten doch sehr gedacht, dass alleine Trumps Geschmacklosigkeit (erkennbar an Toupé, schlecht sitzenden Kravatten und vulgärer Diktion) seine Wahl hätte verhindern müssen. Es ist bezeichnend für eine so stark sozial marginalisierte Journalistenklientel, dass sie gar nicht merkt, dass Trump just wegen dieser Verletzung des guten Geschmacks gewählt wurde. Wenn die Leute eine für sie destruktive Elite gar nicht mehr abwählen, keinen politischen Wandel zum besseren mehr wählen können, dann konnten sie durch die Wahl Trumps diese Klientel zumindest blamieren – und das taten sie auch.

    Der deutsche Journalismus aber hat nichts gelernt. Er setzt auch in Europa auf die hysterische Dämonisierung und Deklassierung von Rechtspopulisten, statt kritisch die politisch-ökonomische Dynamik der aktuellen Politik zu untersuchen, Raum zu geben, für die Suche nach Alternativen und diskursiv zu diskutieren. Erst recht findet kein investigativer Journlismus mehr statt.

    Stattdessen folgt immer aggressiverer Nanny-Journalismus, der die Leute auf Kurs prügeln soll. Und dessen psychologisch invasive Stoßrichtung sorgt dafür, da ja die ökonomische Marginalisierung immer weiter geht, dass nur noch ein zynisch-anarchischer und äußerst destruktiver Anti-Kurs den Menschen als Befreiung erscheinen wird. Nur weg mit einer Klientel, einem bedrängenden und hysterischer werdenden repressiven Geist von Bevormundung – und wenn die Welt in Trümmer fällt.

    Und das wird sie – mit Hilfe eben jenes schrillen Agendajournalismus der selbsternannten medialen Elite: Sie werden Marine Le Pen an die Macht schreiben, in den Niederlanden de Wilders, die EU in den Verfall treiben und vielleicht Europa in den Bürgerkrieg. Aber die eigene Rolle dabei werden sie nicht begreifen.

    Für Mitleid mit den etatblierten Journalisten gibt es dabei wenig Grund. Sie haben endgültig ihre Unschuld verloren, als sie nicht mehr nur noch im sozialökonomischen Bereich nichts von sich gaben als die kriegerische Begleitmusik zu einer zerstörerischen Agenda, sondern auch noch die hegemoniale und endlos destruktive Kriegspropaganda für die NATO betrieben.

    Auch hieran ist der deutsche Journalismus entscheidend Schuld: An der Auflösung und Zerstörung des mittleren Ostens, an der Erosion der im Zuge einer aggressiven NATO-Invasionspolitik zum failed state zerfallenden Ukraine und daran, dass auch der Balkan immer noch ein Pulverfass ist.

    Etablierte Journalisten in Deutschland sollten verdammt werden, Karl Kraus zu lesen und erschrocken festzustellen, wie sehr sie inzwischen ihren Vorgängern von 1914 bis 1945 ähneln.

    Hoffentlich sorgt die Ersosion des Vertrauens der Bürger dafür, dass sie erfolglos bleiben – indem die Mehrheit der Menschen einfach lernt, sie komplett zu ignorieren.

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