Propagandalügen auf der Spur

4. Juli 2014 • Qualität & Ethik • von

Die unverbesserlichen Optimisten werden jetzt sagen, es zeige sich einmal mehr, dass das Internet die Probleme, die es hervorbringt, auch selber löst: Um der unkontrollierbaren Flut von Falschmeldungen und dreister Propaganda entgegenzuwirken, die sich im Netz oftmals in Windeseile verbreiten, sind in den letzten Jahren vielerorts Fact-Checking-Websites entstanden. Sie versuchen, der Wahrheit zu ihrem Recht zu verhelfen.

Eines der jüngsten und zugleich das derzeit vermutlich spannendste Projekt wurde an der Mohyla Journalistenschule in Kiew gestartet– sozusagen im Zentrum des Propaganda-Tornados, mit dem der Kreml seinen ukrainischen Nachbarn in die Knie zwingen möchte. Dozenten und Absolventen haben sich dort zusammengeschlossen, um gemeinsam Falschmeldungen und Lügen in der Medienberichterstattung aufzudecken. Der Schwerpunkt der Aktivitäten richtet sich gegen den Kreml und die von ihm gesteuerten russischen Medien, aber auch die eigene ukrainische Regierung und andere Akteure sind, wenn nötig, im Visier der Ermittler.

Die Website erscheint in russischer und englischer Sprache, und es gibt für ihre Betreiber viel zu tun: Allein in ihrem jüngsten Wochenbericht decken die Rechercheure beispielsweise auf, der Sender Russia Today habe fälschlicherweise vermeldet, die ukrainische Armee töte ihre eigenen Leute, und kampfunwillige Soldaten seien scharenweise fahnenflüchtig. Bei Russia 1 sei zum wiederholten Mal eine „berühmte Schauspielerin“ namens Mariya Tsyko zum Einsatz gekommen.

Sie „bezeuge“ jedes Mal von einem neuen Aufenthaltsort aus als „lokale Residentin“ angebliche Gräueltaten der ukrainischen Armee an der Zivilbevölkerung. Im Web zirkulierten außerdem Fotos verstorbener Kinder – angeblich Opfer ukrainischer Antiterror-Operationen. Eines dieser Bilder stammt von einem zehnjährigen Mädchen, das nachweislich lange zuvor bei einem Unfall ums Leben gekommen war.

Die Website ist interaktiv, soll heißen, die Nutzer werden dazu aufgefordert, bei der Identifikation von Falschmeldungen zu helfen, und auch instruiert, wie man das macht. Außerdem hoffen die Betreiber auf Spenden via „Crowdfunding“: 8 000 Dollar seien so innerhalb kurzer Zeit bereits zusammengekommen, auch wenn das Projekt primär vom ehrenamtlichen Engagement der Beteiligten lebt. Woche für Woche wird – allerdings bislang nur auf Russisch – auch ein Video-Newscast präsentiert, der die schlimmsten Propagandalügen enttarnt.

„Viele Leute schauen gar nicht mehr genau hin“, klagte eine der Initiatorinnen, Margo Gontar, gegenüber dem Berliner Tagesspiegel. „Sie fühlen sich durch die Falschmeldungen in ihrer Meinung nur noch bestätigt und verbreiten die Nachrichten schnell per Mausklick weiter. Das ist natürlich viel bequemer, als solche Nachrichten kritisch zu hinterfragen.“ Auch gibt es in den Redaktionen der Massenmedien immer weniger Auslandskorrespondenten, die vor Ort recherchieren, die jeweilige Landessprache sprechen und sich auskennen – und die wenigen, die noch da sind, werden oftmals nicht in die Kriegsgebiete entsandt. Wo Profi-Journalisten als Filter und Kontrolleure des Nachrichtenstroms fehlen und folglich auch nicht mehr Regierungspropaganda und sonstige hanebüchene Meldungen auf ihren Wahrheitsgehalt abchecken können, werden das Internet und seine sozialen Netzwerke mehr und mehr zu Dreckschleudern.

Da ist es sicherlich vorbildlich, wenn eine namhafte Journalistenschule einsteigt und das aktuelle Tagesgeschehen zum Anlass nimmt, um nicht nur ihren Eleven das beizubringen, was seit jeher unumstritten die wichtigste Grundlage professioneller journalistischer Arbeit ist: angebliche Fakten kritisch zu überprüfen. Wenn unter den sich rapide verändernden, schwieriger gewordenen Arbeitsbedingungen im Journalismus bei der Vorbereitung auf den Beruf etwas auch weiterhin zukunftsweisend ist, dann ist es sicherlich genau diese Prüf- und Aufklärungsfunktion.

Das Projekt hat bereits 1,5 Millionen Besucher monatlich, darüber hinaus gibt es knapp 30 000 „Freunde“ auf Facebook und rund 10 000 „Followers“ auf Twitter  – und all das innerhalb weniger Wochen, denn gegründet wurde Stopfake erst Anfang März 2014. Trotzdem ist das nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Gegen die Heerscharen von Trolls und sonstigen „freien Mitarbeitern“, die Putins Regime in bester leninistisch-stalinistischer Tradition in Stellung bringt, ist von Non Profit-Organisationen wie Stopfake kein durchschlagender Effekt zu erwarten, zumal diese Trolls inzwischen natürlich auch in den Kommentarspalten zu den Medienberichten über Stopfake ihr Unwesen treiben und Zweifel an der Seriosität des Projektes säen.

Immerhin hat sich inzwischen weltweit ausgebreitet, was im angelsächsischen Raum mit Websites wie Truthteller, PolitifactFactcheck und Fullfact seinen Anfang nahm. Politikern und Machthabern wird das Leben etwas schwerer gemacht. Auf einer internationalen Konferenz, die das amerikanische Poynter Institut soeben zusammen mit der London School of Economics veranstaltet hat, trafen sich Aktivisten aus 21 Ländern, darunter Argentinien, Australien, Italien, Serbien und Südafrika. Die Konferenz soll auch zu einer engeren weltweiten Zusammenarbeit der verschiedenen Factchecker-Organisationen führen.

Margo Gontar gab in London zu Protokoll, vor dieser Tagung habe sie sich allein auf weiter Flur gefühlt – jetzt sei sie dagegen mit anderen vernetzt, und das stärke ihr den Rücken. Zumindest eines gelingt den Factcheckern mit ihren Websites: Sie sehen Autokraten wie Putin oder Erdogan auf die Finger, und diese können nicht mehr gänzlich unwidersprochen das Blaue vom Himmel herunter lügen.

Erstveröffentlichung: Die Furche vom 3. Juli 2014 

Die Mohyla-Journalistenschule in Kiew ist Teil des EJO-Netzwerks.

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