Qualität auf dem Prüfstand

13. Dezember 2009 • Qualität & Ethik • von

Erstveröffentlichung: Communicatio Socialis 04/09

Je steiler es mit der journalistischen Qualität und mit der Zahlungsbereitschaft für journalistische Leistungen bergab geht, desto zahlreicher und voluminöser werden offenbar die wissenschaftlichen Analysen, die sich mit journalistischer Qualität befassen und diese zu “retten”, zu sichern oder gar zu verbessern trachten. Klaus Arnolds Habilitationsschrift reiht sich in diese einerseits löblichen, andererseits bislang frustrierend wirkungslosen Forschungsarbeiten nicht nur ein; sie ragt in vielerlei Hinsicht über vorangehende Studien hinaus, die in eine ähnliche Richtung zielten.

Das Opus gliedert sich in vier Teile, von denen, jeder für sich genommen, bereits eine beachtliche Forschungsleistung darstellt. Arnold, der an der Katholischen Universität in Eichstätt forscht und lehrt, unternimmt den ambitiösen Versuch, die bisherigen Forschungstraditionen und den aktuellen wissenschaftlichen Diskurs zusammenzufassen (1. Teil) und die bisherigen Forschungsansätze zu einem „integrativen Qualitätskonzept“ (2. Teil) weiter zu entwickeln. Sodann verengt sich der Fokus, wie vom Untertitel „Die Zeitung und ihr Publikum“ avisiert, auf den Dinosaurier Tageszeitung und deren Leserinnen und Leser, wobei Arnold zunächst neuerlich der Forschungsstand zur Publikumsforschung, also zur Zeitungsnutzung, zum Leseverhalten und zu den Erwartungen der Zeitungsleser präsentiert (Teil 3), um dann im letzten Abschnitt eine eigene empirische Studie zu präsentieren, die anhand von Leitfadeninterviews und einer repräsentativen Telefonumfrage der Frage nachspürt, welche Qualitätskriterien für die Publika mehr oder weniger wichtig sind. Wieviel Forscherfleiss in der Arbeit steckt, davon zeugt allein schon ein rund 60 Druckseiten starkes Literaturverzeichnis.

Wer sich also über die sich verästelnde wissenschaftliche Fachdiskussion zur journalistischen Qualität einen insgesamt soliden Überblick verschaffen möchte, der wird bei Arnold fündig – auch wenn im Detail dann doch das ein oder andere kritisch nachzutragen wäre. So hat sich der Rezensent beispielsweise darüber gewundert, wie seine eigenen Beiträge zum Qualitätsdiskurs in Deutschland rezipiert wurden: Der erste Anstoss von 1992, in dem Qualitätskriterien entwickelt wurden (und der auch jenes Zitat vom Pudding, der sich nicht an die Wand nageln lässt“ enthält, das sich in der Qualitätsdiskussion verselbständigt hat wie kaum ein anderes), findet sich nicht dort, wo er eigentlich aufgenommen werden müsste: weder im Überblickskapitel über den „Qualitätsdiskurs“ noch in einem Abschnitt über die „journalistisch-analytischen Ansätze“ zur Qualitätsforschung. Dafür wird diese Arbeit dann später in einem Kontext gewürdigt, wo sie eigentlich nichts zu suchen hat: in einem Unterkapitel zur „Umsetzung“ und zur redaktionsexternen Qualitätssicherung (S. 123 ff.).

Allenfalls für theoretisch versierte Insider dürfte der zweite Teil mit Gewinn zu lesen sein. Praktiker werden hier eher verwundert den Kopf schütteln, wie weltfern Wissenschaftler auf die Niederungen der Praxis blicken, die sich in zweiter bzw. dritter Generation der Systemtheorie bzw. dem Versuch verschrieben haben, diese in der Tradition von Giddens und Schimank mit Akteurstheorien zu verkoppeln. Vielleicht ist an dieser Stelle die Frage aufzuwerfen, wozu solche Höhenflüge noch gut sein sollen, welchen Erkenntnisfortschritt sie verheissen – und ob es nicht an der Zeit ist, eine „kopernikanische Wende“ herbeizuführen und die Systemtheorie (und den damit verbundenen, allzu deutschen wissenschaftlichen Sonderweg) allmählich durch Ansätze zu ersetzen, die in der Praxis, in der empirischen Forschung sowie international „anschlussfähig“ sind.

An dieser Stelle vermisst zumindest der Rezensent schmerzlich, wie wenig von Arnold Anstösse für den Qualitätsdiskurs aufgenommen wurden, die in jüngster Zeit von der Ökonomik als Forschungsmethode ausgingen (nicht zu verwechseln mit der Medienökonomie als Forschungsfeld, deren Erkenntnisse Arnold in aller Breite aufnimmt): Spannend zwar, wenn gegen Ende des zweiten Abschnitts, in dem Arnold sein integratives Qualitätskonzept entwickelt, er schliesslich der Frage nachspürt, welche Hindernisse es bei der Umsetzung gibt und weshalb Medienorganisationen relativ locker mit einer „Spaltung zwischen formaler Struktur“, die Qualität einfordert, „und tatsächlichem Handeln“ leben können, das allein auf Effizienz und Kostenersparnis zielt. „Offene Konflikte zwischen Struktur und Handeln“, so Arnold, „werden weitgehend vermieden, verschwiegen oder übersehen. Es wird ein Klima geschaffen, in dem alle davon ausgehen, dass Angestellte und Manager ihre Rollen richtig ausführen und ihr Bestes geben…Da alle Organisationen in einem gesellschaftlichen Teilsystem ähnlichen Bedingungen unterliegen, die Mitarbeiter ähnlich sozialisiert sind, es keine sicheren technologischen Erfolgsrezepte gibt und die Anforderungen der Umwelt für eine gewisse Unsicherheit sorgen, gibt es eine Tendenz zur gegenseitigen Nachahmung und somit zur strukturellen Konformität.“ Um möglichst profitabel zu wirtschaften und sich gleichwohl gesellschaftlich zu legitimieren, sei es „einerseits sinnvoll, die Einhaltung von Qualitätsnormen zu inszenieren, andererseits aber möglichst nach ökonomischen Effizienzkriterien zu produzieren.“ (S. 226)

Damit hat Arnold sicher recht, und sein Rückverweis auf den Neo-Institutionalismus von John Meyer und Brian Rowan an dieser Stelle ist hilfreich. Aber andere Forscher, vor allem Ökonomen, bieten eben konkretere Erklärungsmuster an, um solche Diskrepanzen zwischen guten, qualitätssichernden Absichten und tatsächlichem, eben meist eigeninteressiert-zweckrationalem Verhalten der beteiligten Akteure zu erklären – zu nennen sind zum Beispiel Anthony Downs‘ grundlegende Arbeiten, wie eigeninteressierte Akteure bürokratische Apparate aushebeln („Inside Bureaucracy“), sowie zum Herdentrieb („Issue Attention Cycle“), Akerlofs Theorie der „Markets for Lemons“ , aber auch die Prinzipal-Agenten-Theorie und die Spieltheorie („Gefangenendilemma“).

Für Medienpraktiker, die am Qualitätsmanagement und an der Qualitätssicherung interessiert sind, bietet vor allem Arnolds Publikumsbefragung wertvolle Hinweise – allerdings mit der Einschränkung, dass die Daten inzwischen vier Jahre alt sind, was zu „Normalzeiten“ gerade noch verkraftbar wäre, aber in Umbruchphasen, in denen die Publika scharenweise zu neuen Medien und zu „social networks“ überlaufen, eben doch ein sehr langer Zeitraum ist. Immerhin, eine Reihe von Einsichten dürften auch jetzt noch Gültigkeit beanspruchen: So kritisieren Zeitungsleser mangelnde redaktionelle Unabhängigkeit und wünschen sich, dass die Journalisten mehr heisse Eisen anpackten: Gut ein Drittel der Befragten hat den Eindruck, ihre Zeitung sei von politischen, wirtschaftlichen und anderen Gruppierungen beeinflusst, und gut ein Viertel vermisst mutigen Journalismus (S. 429). Entgegen landläufiger Ansicht messen die Befragten ausserdem der inhaltlichen Unterhaltsamkeit sowie dem anregenden Layout eine relativ geringe Bedeutung bei (S. 428).

Die Gesamtwertung: Fraglos positiv, trotz der skizzierten Irritationen. Wissenschaftler stossen bei Arnold auf einen Meilenstein im Forschungsdiskurs, an dem sie bis auf weiteres nicht vorbei können – und der absehbar auch die Qualitätsforschung inspirieren wird. Ein wegweisender Satz sei noch nachgeschoben: „Es reicht nicht aus, wenn journalistische Angebote Qualitäten erfüllen, die eine aktuelle, sozial relevante und faktische Selbstbeobachtung der Gesellschaft mit hoher Anschlussfähigkeit ermöglichen…Es kommt auch darauf an, dass diese Angebote so gestaltet werden, dass sie vom Publikum akzeptiert werden“ (S. 222 f.). Wie nahe sich Qualitätsjournalismus und Qualitätsforschung mitunter sind, mag ermessen, wer dieses Statement von Arnold umformuliert und auf die Qualitäts-Forscher selbst bezieht: Forschung hätte demnach nicht nur „eine aktuelle, sozial relevante und faktische Selbstbeobachtung der Gesellschaft mit hoher Anschlussfähigkeit“ zu ermöglichen, sie sollte vielmehr ihre Angebote so gestalten, dass die Medienpraxis damit etwas anfangen kann. Davon ist der derzeitige wissenschaftliche Qualitätsdiskurs womöglich leider weiter entfernt, als es die ersten systematischen „Gehversuche“ Anfang der 90er Jahre waren.

Klaus Arnold (2009): Qualitätsjournalismus. Die Zeitung und ihr Publikum, Konstanz: UVK, 600 Seiten

Eine kurze Fassung dieser Rezension ist in der NZZ vom 01.12.2009 erschienen.

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