Qualität im Journalismus

1. März 2004 • Qualität & Ethik • von

Medien & Kommunikationswissenschaft, Nr. 52, 2004

Fachleute aus Forschung und Medienpraxis stellen in einem Buch Modelle vor, wie sie die Debatte um Qualität vorantreiben wollen. Der Autor eines Fachblatt-Artikels wiederum plädiert für einen «naheliegenden Vorschlag» zur Qualitätskontrolle.

In Amerika seien Chefredakteure und Zeitungsverleger in zwei Lager gespalten, so berichtet Jim Chisholm in der Fachzeitschrift «Newspaper & Technology» (März 2004). Im einen sei man verzweifelt, weil bisher so wenig getan werde, um den Output von Journalisten «quantitativ und qualitativ zu messen». Im anderen werde jeder Versuch, einen klinisch-technischen Begriff wie Messung «mit der Kunst – oder ist es Magie? – des Journalismus» in Verbindung zu bringen, mit grösster Verachtung gestraft.

Auch in der alten Welt gibt es diese beiden Sichtweisen. Seit vor ein paar Jahren Kommunikationswissenschaftler die Diskussion über Qualität in der Publizistik mit angezettelt haben, sind jedoch bei der Messung und Bewertung journalistischer Arbeit und damit auch bei der Eingrenzung, was journalistische Qualität ausmacht und wie sie sich sichern und möglicherweise steigern lässt, beträchtliche Fortschritte gemacht worden. Davon gibt jetzt ein Band Kenntnis, den Hans-Jürgen Bucher (Universität Trier) und Klaus-Dieter Altmeppen (TU Ilmenau) herausgegeben haben.* Rund 20 Autoren aus Forschung und Medienpraxis befassen sich zum einen mit Grundlagen und Dimensionen journalistischer Qualität. Zum anderen stellen sie Überlegungen an und präsentieren Modelle, wie sich in den wichtigsten Mediengattungen – Printmedien, Hörfunk, Fernsehen und im Online-Journalismus – der Qualitätsdiskurs vorantreiben und mehr Qualität einfordern lässt. Dass es keine Patentrezepte gibt, macht Bucher gleich im Vorwort klar: Qualitätsdebatten würden «auch dadurch komplex, dass konfligierende Prinzipien, Massstäbe, Normen, Regelungen ins Spiel kommen» – Medienrecht und Persönlichkeitsschutz, weltanschauliche und religöse Prinzipien, Handwerks- und How-to-do Regeln, redaktionsspezifische Vereinbarungen. Und so dokumentiert der Band auch vor allem eindrucksvoll, wie sich die Fachdiskussion inzwischen verästelt.

Der erste Teil ist den Grundlagen gewidmet. Hans Jürgen Bucher stellt das Thema Qualität in den Kontext von Journalismus-Theorien, Jürgen Wilke befasst sich mit der historischen Perspektive, Wolfgang Wunden, Hans-Heinz Fabris, Rudi Renger und Barbara Thomass stellen die Bezüge zwischen Ethik- und Qualitätsdiskurs her.

Wie sich dieser Diskurs verzweigt, wird insbesondere im zweiten Teil deutlich: Klaus-Dieter Altmeppen beschäftigt sich mit der Frage, ob Journalismus «strukturell qualitätsfähig» ist und setzt sich so mit den Stellenwert von journalistischen Organisationen, journalistischen Produkten und journalistischen Medien im Prozess der Qualitätssicherung auseinander. Vinzenz Wyss befasst sich mit innerredaktionellem Qualitätsmanagement und verordnet den Redaktionen TQM und Iso-Zertifizierung. Susanne Fengler lotet das Potential des Medienjournalismus als Qualitätssicherungs- Instrument aus. Obschon sie eher skeptisch bleibt, gelangt sie zu dem Schluss, dass sich zumindest in den USA der Medienjournalismus in Krisenzeiten als «fünfte Gewalt» bewährt habe: «Während die US-Fernsehsender durch Non-Stop-Berichterstattung die Anthrax-Hysterie schürten, mahnten die Medienkritiker ihre Kollegen in den Redaktionen immer wieder nachdrücklich zu Besonnenheit und mehr Skepsis im Umgang mit den Informationen, die das Pentagon über den Afghanistan-Feldzug veröffentlichte.» Das freilich hat die US-Fernsehsender nicht davon abgehalten, im Vorfeld und während des Golfkriegs neuerlich ziemlich regierungsfromm zu berichten und nach dem ersten BSE-Fall in den USA ein weiteres Mal völlig hysterisch zu reagieren.

«Um den Journalismus und seine Qualität steht es schlecht – lernen wir durch den Journalismus», konstatiert Siegfried Weischenberg im Folge-Beitrag zur «subjektiven Dimension» der Qualitätsdebatte und bescheinigt den Journalisten insgesamt ein hohes Qualitätsbewusstsein: Sie «akzeptieren und unterstützen die normativen Vorgaben für ihren Beruf und dessen zentrale Standards». Weshalb der Journalismus dennoch immer wieder entgleist und wir es mit dem paradoxen Phänomen zu tun haben, dass wir zwar vom Journalismus etwas lernen dürfen, der Journalismus selbst aber nichts zu lernen scheint, bleibt indes wohl weiterhin klärungsbedürftig. Weischenberg exkulpiert seine Schützlinge, die Journalisten, einmal mehr mit den «Strukturen»: «Qualitätsbewusstsein kann Qualitätsstrukturen nicht ersetzen». Dass Strukturen Menschenwerk sind und Redaktionsstrukturen nicht zuletzt von Journalisten verantwortet werden, sollte sich allmählich auch in der Kommunikationswissenschaft herumsprechen, die allzulange handlungstheoretische und ökonomische Ansätze der Journalismus-Analyse sträflich vernachlässigt hat.

Konzepte, wie sich – trotz «struktureller» Barrieren – Qualität weiterentwickeln und partiell sogar messen lässt, präsentieren im folgenden Abschnitt Michael Haller am Beispiel des Printjournalismus und Ralf Hohlfeld am Beispiel des Fernsehens. Hans-Jürgen Bucher und Christoph Barth widmen sich der Qualitäts-Evaluierung im Hörfunk und Klaus Meier kümmert sich um den Online-Journalismus.

In einem weiteren Kapitel werden Praxismodelle und -erfahrungen vorgestellt: Michael Buss befasst sich mit intermedialem Qualitätsmanagement am Beispiel des SWR. Heinrich Anker stellt die Qualitätssicherung beim Schweizer Radio DRS vor, Miriam Tebert steuert einen Beitrag zum Qualitätsmanagement beim WDR-Fernsehen bei. Diese Auswahl erscheint mir problematisch – sie nährt jedenfalls die Legende, dass sich im audio-visuellen Bereich ausschliesslich die mit Ressourcen reichlich ausgestatteten öffentlich-rechtlichen Anstalten um Qualitätsprobleme kümmern. Last not least: So interessant der abschliessende Beitrag zur Qualitätssicherung bei FAZ.NET von Frank Gaube sein mag – an dieser Stelle hätte man, um Hallers Stichwort vom Benchmarking aufzugreifen, doch zunächst und zuvörderst erfahren mögen, wie denn beim Mutterblatt selbst das Qualitätsmanagement funktioniert.

Auffällig ist, wie hoch unter den Autoren der Anteil derer ist, die entweder in der Schweiz arbeiten oder eine hohe Affinität zur Schweiz haben. Das könnte – ebenso wie der «Verein Qualität», der dort vor anderen, vergleichbaren Initiativen in Deutschland und Österreich gegründet wurde – ein Indiz dafür sein, dass Fragen journalistischer Professionalität dort mit mehr Aufgeschlossenheit begegnet wird als im übrigen deutschsprachigen Raum.

Insgesamt irritiert ein wenig, mit wieviel Aufwand Forscher und auch Praktiker Szenarien und Konzepte entwickeln, welche Umwege sie dabei gehen gehen und wie wenig Aufmerksamkeit sie andererseits bisher einem der wichtigsten Probleme journalistischen Qualitätsmanagements widmen: Der Erfassung, Reduktion und Korrektur von Berichterstattungs-Fehlern, die Redaktionen im schnelllebigen Geschäft mit Nachrichten tagtäglich unterlaufen. Die Forschung hierzu steckt noch in den Kinderschuhen.

Dabei könnten die meisten Redaktionen in diesem Bereich sogar ohne wissenschaftlichen Beistand zum grossen Sprung nach vorn ansetzen. Jim Chisholm, der für die World Association of Newspapers weltweit die Fortschritte der Zeitungsredaktionen beim Qualitätsmanagement beobachtet hat, wundert sich in dem eingangs zitierten Beitrag jedenfalls, weshalb sein naheliegender Vorschlag bei Chefredakteuren auf so wenig Gegenliebe stösst: Eine Zeitlang sollten Redaktionen sich bei ihren Informanten rückmelden und mit einem kurzen Fragebogen erkunden, ob ihre «Fakten-Berichterstattung korrekt war, ob Deutungen als fair empfunden wurden und ob es noch wichtige Gesichtspunkte gebe, die nicht in der Zeitung gestanden» hätten. Der Nutzen einer solchen Aktion sei enorm: Sie sei ein «klares Signal, dass die Redaktion sich um die Genauigkeit der Berichterstattung ernsthaft kümmert». Jeder Leser spüre so, dass er ein Recht habe, sich zu Wort zu melden. In kürzester Zeit bekomme man ein Bild, wer in der Redaktion handwerklich fortgebildet werden sollte. «Und ausserdem enthält eine von drei Rückmeldungen eine Anregung für eine Follow up-Geschichte», weiss Chrisholm zu berichten.

Noch zwei weitere, besonders naheliegende Themen werden von der Kommunikationswissenschaft und auch von den Herausgebern des vorliegenden Bandes eher vernachlässigt: Wenn in der Praxis ernsthaft Qualitätssicherung geleistet und damit in der Redaktion so etwas wie eine «Qualitätskultur» entwickelt werden soll, dann ist erstens die regelmässige Programm- bw. Blattkritik ein besonders wichtiges Instrument, um die innerredaktionelle Selbstreflexion zu fördern. Bisher scheint jedoch keine gründliche Untersuchung vorzuliegen, die erfasst oder gar empirisch überprüft hätte, wie von diesem Instrument in Redaktionen Gebrauch gemacht wird. Zweitens wäre einmal genauer und international vergleichend zu untersuchen, welche Funktion Journalistenpreise haben können, um den Qualitäts-Wettbewerb anzuspornen. Die Pulitzer Prices in den USA spielen da jedenfalls eine ganz andere Rolle als etwa der Theodor-Wolff-Preis oder der Egon-Erwin-Kisch-Preis in Deutschland.

An diesem Punkt sind die Schweizer neuerlich bereits einen Schritt weiter. Auch dort steht zwar die systematische vergleichende wissenschaftliche Analyse von Blatt- und Programmkritik sowie des Qualitätsförderungsinstruments Journalistenpreise noch aus. Indes hat der «Verein Qualität» immerhin bereits einen solchen Preis gestiftet, der inzwischen unter Medienschaffenden beachtet und anerkannt ist, und dabei jüngst zwei besonders ausgeklügelte und vorbildliche Modelle der Blatt- und Programmkritik prämiiert: Im letzten Herbst erhielten die Aargauer Zeitung, die derzeit in vielerlei Hinsicht Hinsicht als innovatives Regionalblatt gehandelt wird, und das öffentlich-rechtliche Radio DRS den «Qualitätsaward» des Jahres 2003 zuerkannt. Vielleicht ist das ja ein Ansporn für Forscher, sich einmal von dieser Seite her dem Thema zu nähern.

 

* Hans-Jürgen Bucher/Klaus-Dieter Altmeppen (Hrsg.): Qualität im Journalismus. Grundlagen – Dimensionen – Praxismodelle, Wiesbaden: Westdeutscher Verlag 2003.

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