Qualitätssicherung durch Selbstbespiegelung

1. Februar 2006 • Qualität & Ethik, Ressorts • von

Erstveröffentlichung: Journalistik Journal

Funktionen und Potenziale des Medienjournalismus
Die Bilanz ernüchtert: Nach einer Blütephase Anfang der 1990er Jahre wurde der Medienjournalismus in den letzten Jahren wieder drastisch reduziert. Dass mediale Selbstbespiegelung Qualität sichern und Glaubwürdigkeit steigern könnte, ist bei den Verlegern und Chefredaktoren offenbar (noch) nicht durchgedrungen. Doch wie gehen Medien überhaupt mit sich selber um? Gelten im Medienjournalismus die gleichen Spielregeln wie in anderen journalistischen Bereichen?

Medien berichten über alles, nur nicht über sich selber. Diese Aussage hat in den letzten Jahren wieder deutlich an Substanz gewonnen. Im deutschsprachigen Raum wurden reihenweise Medienressorts aufgelöst. Wer wissen will, was in der Medienbranche vor sich geht, wie Journalismus funktioniert oder was journalistische Qualität bedeutet, bleibt mit seinen Fragen oft alleine. Von Kontinuität ist im Medienjournalismus derzeit wenig zu spüren.

Medien prägen heute mehr denn je den öffentlichen Diskurs in und über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Immer mehr Informationen werden nur noch medial vermittelt. Wie der Medienwissenschaftler Stephan Weichert beschreibt, begegnet uns die Medienmacht im Alltag in Form von journalistischen Bedeutungszuschreibungen, welche uns auf gemeinsame kulturelle Erlebnisse verpflichtet und die immer komplexer werdenden Kommunikationswelten nach ihren Marktbedürfnissen strukturiert. Mit anderen Worten: Die neueste Folge von „Deutschland sucht den Superstar“ ist Gesprächsthema Nummer eins.

Um im Markt zu bestehen, schließen sich Medienunternehmen zu immer größeren Einheiten zusammen. So erstrebenswert Integrations- und Konzentrationsprozesse aus medienökonomischer Sicht sind, so problematisch können sie aus Sicht der Gesellschaft sein. Doch was geschieht mit dem „Produkt“: Wie ist es um die Kontrolle der „Kontrolleure“ bestellt? Wenn immer weniger Unternehmen Medieninhalte produzieren und unternehmerische Interessen immer mehr zählen, ist es umso wichtiger, Transparenz zu schaffen – und genau darin besteht eine zentrale Funktion des Medienjournalismus. Worüber berichten Medienjournalisten? Gemeinhin wird Medienberichterstattung als Berichterstattung der Medien über Medien verstanden. Je nachdem, welche Funktionen dem Medienjournalismus zugeschrieben werden, erweitert sich das Wirkungsfeld. Es reicht von der Präsentation des täglichen TV- und Radio-Programms über Interviews mit Stars und Sternchen bis zur (wenn auch deutlich selteneren) berufseigenen Medienkritik. Auch medienpolitische Fragestellungen werden immer weniger aufgegriffen: Da immer mehr Medienressorts geschlossen werden, fallen solche Themen in den Bereich anderer Redaktionen wie Wirtschaft oder Politik.

Disziplinierende Wirkung

„Der Medienjournalismus verfügt über das Potenzial, Missstände im Journalismus aufzudecken und über die Grenzen der Zunft hinaus publik zu machen“, so der Medienwissenschaftler Stephan Ruß-Mohl. In dieser Funktion kann die Medienberichterstattung disziplinierend auf das Schaffen der Journalisten wirken; nicht zuletzt aus Angst, öffentlich „an den Pranger“ gestellt zu werden und die Glaubwürdigkeit zu verlieren, verpflichten sich Journalisten bereitwilliger auf ethische Normen. Hinzu kommt die Tendenz, dass immer häufiger Journalisten und Verleger selber Thema kritischer Medienberichterstattung sind. Die Gefahr, von Berufskollegen kritisiert zu werden und selbst als „Opfer“ dazustehen, hat einen weiteren qualitätsfördernden Effekt, bringt aber auch Probleme: Häufig kapituliert der Medienjournalismus an der starken Kollegenorientierung – eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.

Dabei könnte mehr Selbstkritik viel zur Glaubwürdigkeit der Medien beitragen. Warum sollten Medien unfehlbar sein? Wie dies zu institutionalisieren wäre, machen große amerikanische Zeitungen wie die „New York Times“ oder die „Washington Post“ seit langem vor.

Mediale Sozialisation

Medienjournalismus stellt nicht nur innerhalb der journalistischen Praxis eine größere Öffentlichkeit her. Er vermittelt auch einem „Laien- Publikum“ kollektives Wissen über Vorgänge im Bereich Medien und Journalismus. Das medienjournalistische Engagement ist Teil der medialen Sozialisation. Der Medienwissenschaftler Matthias Karmasin schreibt, die Berichterstattung der Medien über Medien könne dazu beitragen, in der Gesellschaft Medienkompetenz zu vermitteln. Unterbleibt solche Aufklärung, hat das Publikum kaum eine Chance, eigene Qualitätskriterien zu entwickeln und sich im Mediendschungel zurechtzufinden.

Publizistische Qualitätssicherung beschränkt sich nicht nur auf einzelne Journalisten oder Medienunternehmen, sondern hat überbetriebliche und gesellschaftliche Dimensionen. Qualitätssicherung ist auch keine einmalige Funktion, die sich ohne weiteres im journalistischen Produktionsablauf fixieren lässt. Vielmehr handelt es sich dabei um einen auf Kontinuität angelegten Prozess, der erbracht wird durch ein Netz aus vielfältigen Institutionen und Initiativen, die an verschiedenen Stellen greifen. Dazu zählen beispielsweise die Aus- und Weiterbildung, Presseräte, Ombudsleute, die Medienforschung und eben der Medienjournalismus. Innerhalb des qualitätssichernden Netzwerks spielt der Medienjournalismus eine zentrale Rolle: Da er anderen Akteuren und Institutionen überhaupt erst zur Publizität verhilft, kann er ein Instrument zur Qualitätssicherung sowie ein Resonanzboden für andere Qualitätsinitiativen sein. Durch eine häufigere Thematisierung könnte der Medienjournalismus Abhilfe schaffen und den Diskurs aus der fachöffentlichen Isolation befreien und der allgemeinen Öffentlichkeit zugänglich machen. Nur wenn die Medien selber derartigen Initiativen zu Publizität verhelfen, werden aus „zahnlosen Tigern“ ohne Sanktionspotenzial ernstzunehmende „Wadenbeißer“.

Qualität ist keine Größe, die automatisch wahrgenommen wird. Wer heute Qualitätsjournalismus betreibt, muss dies offensiv kommunizieren. Werbefeldzüge oder PR-Kampagnen genügen nicht mehr, um die gewünschte Rezeption bei den Lesern, Zuschauern oder Hörern zu erreichen. Es bedarf zudem journalistischer Plattformen, die sich glaubwürdig mit Medien und Journalismus beschäftigen und dadurch Orientierungshilfe anbieten. In einer Zeit, in der Journalismus zusehends durch Öffentlichkeitsarbeit bedrängt wird, dient der Medienjournalismus auch dazu, durch die Bespiegelung des eigenen Metiers die Glaubwürdigkeit und Attraktivität des Journalismus zu festigen und den Mehrwert der Qualität zu bewerben. Nur so lässt sich die Nachfrage nach Qualitätsmedien erhalten, vielleicht sogar steigern.

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