Resonanzkörper des Terrors

14. Februar 2006 • Qualität & Ethik • von

Erstveröffentlichung: Frankfurter Rundschau

Der Umgang der Medien mit Terroristen- und Geiselvideos wirft neue Fragen des Berufsethos auf.

Terroristen haben die Massenmedien schon immer als Druckmittel auszunutzen gewusst. Und die Medien haben sich meist schwer damit getan, Enthaltsamkeit zu üben. Allen voran der Überfall der radikalen Palästinenserorganisation “Schwarzer September” auf israelische Sportler bei den Olympischen Spielen 1972 in München.

Bei der Geiselnahme, die jüngst von Steven Spielberg in seinem Film München in Szene gesetzt wurde, gelang es der Terrorgruppe, mit einem Schlag 800 Millionen Fernsehzuschauer auf sich aufmerksam zu machen. Erinnert sei zudem an die RAF-Entführung Hanns-Martin Schleyers am 5. September 1977: Ein flimmerndes, blaustichiges Video, in dem der sichtlich verängstigte Arbeitgeberpräsident vor dem Banner der Rote Armee Fraktion kniend um sein Leben bettelt, wurde nicht nur in der Tagesschau gezeigt, sondern ging weltweit über die Sender. Von Debatten über Medienethik damals keine Spur.Auch beim Geiseldrama von Gladbeck 1988 machte das Fernsehen die beiden Entführer Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner über Nacht zu Medienstars. Besonders prekär war, dass der damalige stellvertretende Chefredakteur des Kölner Express und spätere Bild-Chef, Udo Röbel, im Fluchtwagen mitfuhr – ein Medienskandal, der Röbel den Vorwurf der Beihilfe einbrachte, und der bis heute in Journalistik-Seminaren diskutiert wird – als Negativbeispiel dafür, wie sich die Presse zum Werkzeug von Verbrechern hat machen lassen. Die langwierige Entführung der Göttinger Familie Wallert durch die radikal- islamischen Abu-Sayyaf-Rebellen lieferte vor knapp sechs Jahren ein weiteres Beispiel. Damals waren TV-Journalisten den Entführern auf der philippinischen Insel Jolo so nahe gekommen, dass sich einem als Zuschauer der Eindruck aufdrängte, es handele sich um eine Art sensationslüsternen Geiseltourismus statt um unvoreingenommene Berichterstattung. Vergessen war die journalistische Sorgfaltspflicht. Was allein zählte, waren Exklusiv- Interviews, profitabel für beide Seiten: Medien und Terroristen. Längst ist die Entführungsindustrie im globalen Kommunikationszeitalter angekommen. Das Fernsehpublikum braucht kein besonders geschultes Auge, um zu erkennen, dass die Medienspirale hierzulande derzeit reichlich überdreht wirkt.

So schrecklich die Bilder von Folter und Terror auch jedes Mal sein mögen: Die Programmplaner gehen so vor, dass die meisten Entführungen und Anschläge heute ab der ersten Minute Medienereignisse sind. Vor allem die TV- Medien spielen längst eine unrühmliche Schlüsselrolle in der grausamen Terrortaktik. Dass Terroristen die Medien als Resonanzkörper nutzen, hat spätestens der 11. September 2001 offenbart, ein Anschlag, der den Regeln des Hollywood- Kinos nur allzu perfekt gehorchte. Auch Madrid und London haben aufs Schaurigste demonstriert, dass die Medienlogik den Terrorstrategen vor allem dann in die Hände spielt, wenn ein globales Publikum Zeuge des Geschehens wird.

Auch wenn die Fernsehmacher inzwischen glauben, auf das Schlimmste gefasst zu sein, und bei den Redaktionen selbst in heiklen Krisensituationen unverkennbar Gelassenheit an den Tag gelegt wird, werden die möglichst telegenen und breitenwirksamen Inszenierungen des modernen Terrorismus zusehends brutaler.

TV-Appelle von Angehörigen forcieren die Forderungen

Zumindest hat das Video mit Bildern der Hinrichtung des US-Geschäftsmannes Nicholas Berg vor zwei Jahren hinreichend gezeigt, dass Extremisten im Rausch des Live-Sendens anscheinend immer häufiger auf Schockeffekte setzen, weil sie wissen, dass die Medien in unzähligen Fällen von solchen Effekten leben. TV-Appelle von Angehörigen und Politikern zur besten Sendezeit wie im Fall Osthoff und der beiden entführten Ingenieure schrauben die terroristischen Lösegeldforderungen nur noch mehr nach oben. Der derzeitige Umgang der Medien mit Geiselvideos und Terrorereignissen wirft zweifellos neue Fragen des Berufsethos auf. Bisher lässt die aktuelle Debatte über den Umgang mit Geiselvideos und Krisenereignissen allerdings zu wünschen übrig. Sicher, man kann sich wie der DJV-Vorsitzende Michael Konken über die Vorwürfe von Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier erregen, der unlängst behauptete, die Berichterstattung über Lösegeldzahlungen im Entführungsfall Osthoff habe potenzielle Nachahmungstäter auf den Plan gerufen.

Dringender als gegenseitige Schuldzuweisungen erscheint angesichts der kommenden Fußball-WM und der jüngsten Drohungen von Osama Bin Laden aber die Frage, wie die Medien, vor allem das Live-Medium Fernsehen, künftig über Terror eigentlich berichten sollen? Wege aus der Terrorfalle weist schon seit längerem die britische BBC. Mit einem dickleibigen Leitfaden, den “Editorial Guidelines”, hat der öffentlich-rechtliche Sender Richtlinien aufgestellt, die konkret besagen, wie sich ihre Mitarbeiter in Krisen zu verhalten haben. Echten Modellcharakter für ein journalistische Ethos hat die erst im Juni 2005 – auch wegen der Gilligan-Kelly-Affäre – vollständig überarbeitete “Bibel”, wie sie von den rund 27 000 BBC-Mitarbeitern liebevoll getauft wurde: Um die Zahl der handwerklichen Fehler in Krisensituationen zu reduzieren, werden neben einem allgemeinen Wertekodex praxisnahe Instruktionen zu so ziemlich allem geliefert, was Programmplanern, Journalisten und Moderatoren im Redaktionsalltag begegnen kann.

Eine “Bibel” für das richtige Verhalten in Krisensituationen

Während sich ARD und ZDF weiterhin etwas schwer damit tun, ihre kürzlich verabschiedeten Selbstverpflichtungen auch für das Handwerk im journalistischen Alltag verbindlich zu machen, operiert die BBC schon seit einigen Jahren sozusagen am lebenden Objekt: Nicht erst seit den Londoner Bombenanschlägen gelten für das Krisenfernsehen detaillierte Richtlinien, beispielsweise für den Umgang mit sprachlichen Redewendungen, reißerischen Darstellungen oder Szenarien wie Geiselnahmen, Kidnappings und Erpressungen. Eindeutig ist dort geregelt, dass keine zugespielten Videos oder Live- Interviews mit Terroristen gesendet werden dürfen. Zudem müssen Mitarbeiter umgehend Regierung oder Geheimdienste informieren, wenn sie exklusiv über Aktivitäten mit terroristischem Hintergrund berichten. Auch die Kontaktaufnahme zu Geiselgangstern wird in den “Editorial Guidelines” berücksichtigt: “Jeder Vorschlag, einem inszenierten Ereignis von einer verbotenen Organisation oder Gruppe mit terroristischer Vergangenheit beizuwohnen”, heißt es dort, “muss einem redaktionell Verantwortlichen oder – für freie Mitarbeiter – einem zuständigen Redakteur überantwortet werden.” Zudem wird empfohlen, dass sich Produktionsteams während terroristischer Anschläge notfalls zurückziehen, sobald sich abzeichnet, dass die Anwesenheit von Fernsehkameras und Journalisten das Geschehen in irgendeiner Weise beeinflussen könnte. Wer annimmt, bei solchen Richtlinien handele es sich nur um gut gemeinte Ratschläge, oder wer gar die Pressefreiheit in Gefahr wähnt, verkennt den Ernst der Lage.

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