Schwule in den Schlagzeilen

15. Juni 2015 • Internationales, Qualität & Ethik • von

Wie berichten Massenmedien über Homosexualität ? Ein Vergleich zwischen Russland und Deutschland.

"Love is Love" auch in russischen Medien? Nur wenige Veröffentlichungen zum Thema Homosexualität  tauchen dort in Zeitungen auf.

“Love is Love” auch in russischen Medien? Nur wenige Veröffentlichungen zum Thema Homosexualität tauchen dort in Zeitungen auf.

Wenn man in Yandex-News, der meistgenutzten russischen Online-Suchmaschine, „Homosexualität“ oder „Schwule“ eintippt, erhält man kein Suchergebnis. Es entsteht der Eindruck, es gebe dieses Thema in den russischen Massenmedien gar nicht. Das stimmt so aber nicht! Hin und wieder werden Berichte über Homosexualität veröffentlicht – wenn auch in sehr unterschiedlicher Art und Weise. Die größte russische Suchmachine scheint aber so programmiert zu sein, dass diese Beiträge nicht berücksichtigt werden. Für russische Mediennutzer, die nicht gerade das Internet-Portal gay.ru verfolgen, ist das Thema also weitgehend unsichtbar.

Wenn man „Homosexualität“ in der deutschen Version von Google-News eintippt, bekommt man diverse Links zu Dutzenden von Artikeln, die während der letzten Wochen in Deutschland veröffentlicht wurden. Darunter die meistgelesenen Medien wie Bild, Handelsblatt, Die Welt, FAZ oder die Berliner Morgenpost. Auch zur Suchanfrage „Homosexualität in Russland“ tauchen zahlreiche Artikel auf. Spielt das Thema Homosexualität in der deutschen Berichterstattung also eine größere Rolle?

„Die heilige Rus kämpft gegen Barbareuropa“

Nicht unbedingt. Aber in russischen Medien taucht es fast immer im Zusammenhang mit „gayrope“ auf. „Gayrope“ ist eine sprachliche Zusammensetzung aus „gay“ und „Europa“. Der Begriff wird in Russland benutzt, um sich über die europäische Toleranz gegenüber Homosexuellen lustig zu machen. In Talk-Shows wird der Begriff auch als Hauptargument gegen die EU und ihre demokratischen Richtlinien verwendet. Tag für Tag werden folgende Gedanken durchgesetzt: Europa ist eine sterbende Zivilisation; in Europa herrscht Immoralität; die heilige Rus kämpft gegen Barbareuropa; die Perversen wollen Inzest, Zoophilie und Pädophilie legalisieren. „Gayrope“ beinhaltet auch gelegentlich die Behauptung, dass Europa zu 100 Prozent schwul sei.

Der Abgeordnete Witalij Milonow von der Putin-Partei Edinaja Rossia ist mit seinen provokativen und meist absurden Aussagen zum Nationalhelden geworden. Was der Politiker nicht schon alles gemacht hat: Herr Milonow versuchte, Madonna, Rammstein und Lady Gaga wegen „Propaganda für Homosexualität“ zu verklagen. Er wandte sich auch an den russischen Kulturminister: die Oper „Ein Sommernachtstraum“ von Benjamin Britten solle wegen Propaganda für Homosexualität, Pädophilie und Drogen geprüft werden.

Obwohl die meisten dieser Initiativen absurd und haltlos sind, werden sie von umfassenden Medienkampagnen begleitet. Die Folge: Alt und Jung fallen zum Thema Homosexualität nur Schimpfwörter ein. Im gesellschaftlichen Verständnis werden „Gay“, „Pädophile“ und „Verbrecher“ mehr oder weniger gleichgestellt.

Russische Zeitungen: Überwiegend negative Konnotation zum Thema Homosexualität

Beim Untersuchen der meist zitierten russischen Zeitungen online, Kommersant, Izvestia, Vedomosti und Komsomolskaja Pravda, tauchen nur wenige Veröffentlichungen zum Thema Homosexualität auf. Eine Inhaltsanalyse in den letzten zwei Jahren zeigt, dass das meistverbreitete Schlagwort dabei ein diskriminierendes ist: Sexuelle Minderheit. Dieser Begriff wird in Russland mit Krankheiten, etwas „Unnormalem“ oder „Ungesetzlichen“ assoziiert und in der homophoben Rhetorik benutzt.

Es ist auffallend, dass die meisten dieser Publikationen vor Juni 2013 erschienen, also bevor das Gesetz über die „Propaganda nicht-traditioneller, sexueller Beziehungen unter Minderjährigen“ vom russischen Parlament einstimmig verabschiedet wurde. Journalisten sind verunsichert und berichten deshalb lieber gar nicht.

Dieses Gesetz verbietet „homosexuelle Propaganda“ – und meint jegliche positive (oder neutrale) Äußerung über Themen rund um Lesben, Schwule, Bi-, Trans- und Intersexuelle (LSBTI) in Anwesenheit von Minderjährigen. Auch in den Medien und im Internet darf darüber nicht gesprochen werden. Wer sich widersetzt, dem drohen hohe Geldstrafen bis zu einer Million Rubbel, etwa 17.000 Euro. Wenn die „Propaganda“ in den Medien verbreitet wird, kann der Sender oder die Zeitschrift für 90 Tage geschlossen werden.

Nach 2013 taucht das Wort „Homosexualität“ in den Wirtschaftszeitungen Kommersant und Vedomosti hauptsächlich unter den Kulturnachrichten auf. Meistens handelt es sich um die Handlung von Filmen und Bücher, die rezensiert werden. Die großen Zeitungen Izvestia und Komsomolskaja Pravda berichten öfters über Homosexualität. Der Themenkreis ist dabei folgender: Rügen der Kirche, homophobische Aussagen von Stars, Initiativen des Abgeordneten Milonow und der Staatsduma und Diskussionen darüber, wie stark Homosexuelle bestrafft werden sollten. Begriffe, die in solchen Artikeln unweigerlich fallen, sind „unsittliches Europa“, „Homosexualität ist unser innerer Feind“, „Russland ist die letzte Hochburg der Moral“, „Schluss mit Sodomie“ – wobei Sodomie in Russland als vulgäres und diskriminierendes Synonym für Homosexualität verwandt wird.

Als Beispiel einige aktuelle Titel der Zeitung Izvestia: „In dem Film über Eisenstein geht es viel zu viel um die sexuelle Orientierung des sowjetischen Regisseurs. Das Stück sollte nachgearbeitet werden.“ „Der Abgeordnete warnt: Coming Out von Tim Cook kann Homosexualität unter Jugendlichen zum Trend machen.“ „Die USA fahren fort, die ehemaligen Sowjetrepubliken mit ihrer Kritik des Gesetzes zur ‚Propaganda nicht-traditioneller, sexueller Beziehungen‘ zu zerstören.“ Soll man solche Beiträge ernst nehmen? Man ist versucht, darüber zu lachen. Doch wenn man so etwas täglich liest, verliert man den Blick für die Absurdität und begrüßt irgendwann die Idee.

Deutsche Zeitungen: Zwischen homophoben Aussagen und LSBTI-Servicebeiträgen

Für die größten deutschen überregionalen Zeitungen Bild, Süddeutsche Zeitung, Frankfurter Allgemeine Zeitung und Die Welt ist Homosexualität kein Tabu. Fast jeden Tag erscheinen verschiedene Artikeln, in denen das Thema vielseitig beschrieben wird. Die Nachrichten aus der LSBTI-Community sind ein alltäglicher Berichterstattungsanlass für Journalisten.

Auffallend oft tauchen auf den Seiten von Bild Liebesgeschichten schwuler Paare oder Berichte über das Alltagsleben homosexueller Familien auf. Eine Überschrift lautete etwa: „So spannte er einer Frau den Freund aus!“. Die Bild-Redakteure ergänzen ihre zu anderen Themen geschriebenen Artikel gern mit „homosexuellen“ Details. Zum Beispiel in einem Artikel über die Oscar-Verleihung steht: „Harris [der Moderator, Y.G.] outete sich im Jahr 2006 als schwul und kämpft seither immer wieder für die Anerkennung der Rechte Homosexueller.“ Dies gehört für Bild offensichtlich genauso zu seinem Lebenslauf wie seine Hauptrollen oder Auszeichnungen.

Die Süddeutsche Zeitung stellt auf ihren Seiten deutlich schärfere soziale Fragen. Etwa zur Beziehung zwischen Homosexualität und Kirche wie in „Der Herr Pfarrer und sein Mann“, zu Homosexualität und Religion wie in „Homosexualität und Islam – unvereinbar?“ Außerdem führt die Süddeutsche Zeitung seit 2014 ein Projekt durch: „Wie tolerant ist Deutschland?“, in dem es unter anderem auch um Toleranz gegenüber Homosexualität geht. Für dieses Thema hat sich die überwiegende Mehrheit der mehr als 3.500 befragten Leser entschieden. Jede Woche erscheinen Texte, Interviews, Videos oder Grafiken, die Antworten auf die Leserfrage geben.

Im Gegensatz zur Süddeutschen Zeitung kann man in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung häufiger homophobe Artikel finden. Die konservative Tageszeitung hat sich mehrfach in ihren Artikeln dagegen ausgesprochen, dass die Gleichwertigkeit von Schwulen und Lesben in Bildungsplänen der Bundesländer erwähnt wird. Dies war unter anderem als „Umerziehung der Gesellschaftsmitglieder zu Homosexuellen“ und als „Förderung von Kindesmissbrauch“ bezeichnet worden. Obwohl oft die Redewendung „moralische und ideologische Umerziehung“ vorkommt, wird das Thema nicht tabuisiert.

Auf Die Welt online gibt es einen gesonderten Themenbereich „Homosexualität“, produziert vom Ressort Politik. Darin bietet die Website Nachrichten und Hintergründe an zum homosexuellen Leben, zum Coming-Out, zur Heirat und zu Problemen mit der Kirche. Zugleich berichtet die Zeitung über gesellschaftliche Strömungen, die sich gegen Homosexuelle richten, über Homophobie in Europa und der Welt. Ab und zu stößt man auf etwas Besonderes wie dem „Gay Travel Index 2015. Die gefährlichsten Reiseländer für Homosexuelle“ oder auf gemeinsame Projekte mit der Deutschen Aids-Hilfe.

Sensibilität für Begrifflichkeiten

Die Sprache und Kontext der Thematisierung beeinflussen das Bild von Homosexuellen in der Bevölkerung. Auf Youtube sind einige Videos zu finden, in denen ein Reporter Menschen auf der Straße fragt: „Sind Sie heterosexuell?“ Die meisten Befragten reagieren empört und weisen die Eigenschaft weit von sich. Sie glauben, Heterosexualität sei etwas Perverses. Kein Wunder! Wer identifiziert sich schon gern mit einer Vokabel aus dem Medizinwörterbuch? Aus den gleichen Gründen nennen sich Schwule und Lesben selbst eher selten Homosexuelle – zumindest nicht im Alltagsgespräch.

Bildquelle: blu-news.org/flickr.com

 
Weitere Informationen

Begriffsempfehlungen für russische Journalisten

2013 wurde von den Veranstaltern des Internationalen menschenrechtlichen Kinofestivals „Bok-o-bok“ eine Broschüre für Journalisten in Russland herausgegeben. In dieser Broschüre wurden Vorschriften und Empfehlungen gesammelt, wie man korrekt über die LSBTI-Community schreiben sollte.
•    „Homosexualität“ anstatt „Homosexualismus“: Im Suffix „ismus“ verbirgt sich Pathologie und Anomalie (Alkoholismus, Meteorismus). Den Begriff „Heterosexualismus“ gibt es z.B. im Russischen gar nicht (nur „Heterosexualität“)!
•    „Homosexueller“ anstatt „Homosexualist“: Das Suffix „ist“ weist ebenfalls auf eine Pathologie. „Gay“ und „Lesbian“ oder im Deutschen „schwul“ und „lesbisch“, nicht aber „Blauer“ oder „Rosa“, Bezeichnungen, die zur homophoben Rhetorik in Russland gehören.
•    „Heterosexueller“ anstatt „Natureller“: Laut der Weltgesundheitsorganisation (ab 1990) gehören die drei Varianten der sexuellen Orientierung (hetero, homo, bi) zu der Norm, d.h. sie sind „naturgemäß“ und „naturell“.
•    Die Wörter wie „nicht traditionelle sexuelle Orientierung“ oder „sexuelle Minderheiten“ sind nicht korrekt. Besser – „homosexuelle Orientierung“, „Homosexueller“ oder „Gays“
•    Transsexuelle Personen „wechseln das Geschlecht“ nicht, sondern korrigieren es.

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  • Friedensreich

    Super Gegenüberstellung, die an sehr konkreten Beispielen aufzeigt, was Homosexualität in Russland bedeutet.
    Vielen Dank dafür.

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