Sterben in aller Öffentlichkeit

20. April 2009 • Qualität & Ethik • von

Erstveröffentlichung: Message 2/09

Todgeweiht ging Jade Goody mit Jack Tweed vor den Traualtar - öffentlich. Foto: apWas tut eine Redaktion, wenn Todkranke das Scheinwerferlicht suchen und ein Handyvideo über den Selbstmord eines Amokläufers verfügbar ist? Ein Plädoyer für mehr journalismusethische Reflexion.

Im Alltag blenden wir den Tod aus. In den Medien ist er alltäglich; hier wirkt er immer als eine Angelegenheit der anderen, und wir scheinen nicht  genug  bekommen  zu  können  von seinen  vielfältigen Inszenierungen. In den Medien begegnet uns der Tod meist als Gewaltakt – als Folge von Unfall, Mord, Krieg oder Naturkatastrophe. Aus der Distanz nehmen wir  teil  am Schulmassaker in Winnenden, an Aids und Krebs und – wenn es sich um  Prominente  wie  Papst  Johannes  Paul  II.  oder Luciano Pavarotti handelt – auch am ganz normalen Sterben.

Neu kommt hinzu: Sterben wird von den Betroffenen multimedial  inszeniert, und Sterben wird zur Unterhaltung.

Liegestütze und Witze
Erstes Beispiel: der amerikanische Computerwissenschaftler  Randy  Pausch.  Als  bei  ihm  Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert worden war, holte er sich Jeffrey Zaslow an seine Seite, einen Kolumnisten des Wall Street  Journal. Mit  ihm produzierte er auf mehr als 50 gemeinsamen Radtouren das Buch »Last Lecture«: Pausch erzählte, Zaslow zeichnete auf und schrieb nieder.

Pausch nutzte alle Medienkanäle: Internet, Blog, Auftritte in Talkshows, Interviews. Sein Selbsterklärtes Motiv: Es  sollte möglichst viel  lebendig bleiben von dem, was er seinen drei kleinen Kindern nicht mehr selber sagen konnte. Und wenn andere daran ebenfalls  teilhatten  –  so what? Am  18.  September 2007  hielt  Pausch  seine  »Last  Lecture«  an  seiner Hochschule,  der  Carnegie  Mellon  Universität  in Pittsburgh.  Er  sprach  nicht  über  Krebs,  sondern machte  Liegestütze,  riss Witze  und  appellierte  an jedermann,  seine  Lebenszeit  zu  nutzen  und mög-
lichst  viel  davon  im Kreis  jener  zu  verbringen,  die einem am wichtigsten sind.

Von einem Todgeweihten hören das die Menschen gern. Über eine Million Mal wurde die »Last Lecture« heruntergeladen (www.thelast lecture.com). Pausch drehte Spots für Krebsvorsorge und  warb  auf einem Kongress für Krebsforschungsgelder,  die Medien  berichteten. Am 25. Juli 2008 starb er – privat. Time kürte ihn zu einer  der  100 einflussreichsten Personen der Welt. In seinem Fach war er zwar bekannt, berühmt aber wurde er erst als Todgeweihter, der die Medien  an seinem Leid teilhaben ließ.

Der Tod: Ein klassisches Medienthema
Geschichten  Sterbenskranker  sind  ein  klassisches Medienthema. Jan Gassmann verfilmte  gemeinsam  mit  seinem  Freund  Christian  Ziörjen  in  dem Dokumentarfilm  »Chrigu«  (2007), wie  Ziörjen mit 21  Jahren  langsam an Krebs  stirbt. Die Kritiker nahmen  den  Film  begeistert  auf. Ähnliche  Reaktionen hatte schon »Antonia lässt los« (2004) ausgelöst, eine Dokumentation des Schweizer Fernsehens über eine Frau, die an einer tödlichen Muskelkrankheit litt.

Was  ist also neu an Geschichten wie denen von Randy  Pausch  oder  Jade Goody,  die  am  22. März diesen  Jahres  an Gebärmutterhalskrebs  starb?  Sie laufen auf allen Medienkanälen – Print, Rundfunk, Was tut eine Redaktion, wenn Todkranke das Scheinwerferlicht suchen und ein Handyvideo über den Selbstmord eines Amokläufers verfügbar ist? Fernsehen, Online  –,  teils  in  Echtzeit,  erreichen international Aufmerksamkeit. Und die Kamera fährt immer noch ein Stück näher ran.

Randy Pausch steuerte noch, wann er ins Rampenlicht wollte, Jade Goody wollte genau das
nicht. Ihr Sterben sollte  sein  wie jener Teil  ihres Lebens,  der  sie bekannt und reich  gemacht hatte:  wie  die Reality-Show Big Brother.  Die Zahnarzthelferin aus der britischen Unterschicht wurde  durch  sie  zum Medienphänomen, mal gefeiert, mal gehasst wegen vermeintl ich  rassistischer  Äußerungen,  zuletzt gerühmt als Heldin im Kampf gegen Krebs. Vor aller
Augen erfuhr sie ihre Diagnose, ihr Haar fiel aus, sie nahm rapide ab, heiratete und verkaufte die Rechte an den Bildern für 700.000 Pfund (gedacht als Erbe für  ihre  Söhne), warb  für Krebsvorsorge,  ließ  sich und  ihre Kinder taufen. Die britischen Medien, von Sun bis BBC, begleiteten sie. Die Sun sammelte sogar Unterschriften  für  eine  Initiative  zur Herabsetzung
des Alters für Krebsvorsorge.

Durch Jane Goody wurde das Bonmot, Reality-TV mache die Wirklichkeit unwirklich, zur Wirklichkeit.
Denn manche  glaubten,  ihr Krebs  sei  gespielt, und hielten  ihre Metastasen  für  einen Spannungsfaktor in  einem  unterhaltsamen Drama. Viele Menschen fürchten  sich, ans Krankenbett eines Krebskranken in  ihrem Bekannten-  oder  Familienkreis  zu  treten; doch  getrennt durch einen Bildschirm,  klickten  sie hunderttausendfach  auf Goody-Storys  und Goody-Videos.

Craig  Ewert  überschritt  eine  andere  Grenze. Der schwerkranke Mann schied mit der Schweizer
Sterbehilfeorganisation  Dignitas  aus  dem  Leben. Er  nahm  eine  tödliche Dosis  eines  Schlafmittels, starb  vor  laufender  Kamera  und  brach  damit  ein Tabu. Die Szene wurde im September 2006 in dem Dokumentarfilm  »Das Recht  zu  sterben« von  John Zaritsky  erstmals  gezeigt  und  in  verschiedenen Ländern wiederholt. Im Dezember 2008 wurde die Szene  vom  britischen  Privatsender  Sky  Real  Lives ausgestrahlt  und  schlug  hohe  Wel len:  Krit iker warnten  vor Nachahmer-Effekten, die Debatte um Sterbehilfe f lammte neu auf.

Ein anderer Tod vor laufender Kamera landete erst jüngst  und  ohne  große Diskussion  auf  den Online-Plattformen  von  Boulevard- wie Qualitätsmedien: Ein  verwackeltes  Amateurvideo,  das  den  letzten Schuss  des Amokläufers  von Winnenden  zeigt, mit dem er sich selbst richtete (s. weiterer Text unten).

Redaktionelle Leitlinien gesucht
Was  heißt  das  al les?  Durch  die  zunehmende Medienpräsenz  verändert  sich  die  Rolle  und  der Stellenwert  des  Todes  in  der  Gesellschaft.  Aber das  ist  bislang  leider  ein  unbewusster  Prozess. Journalistische Prinzipien, nach denen Redaktionen mit  inszeniertem Tod  umgehen,  sind  nicht  erkennbar. Gegenwärtig treffen die meisten Chefredakteure offenbar Bauch- und Rudelentscheidungen: Habe ich ein  flaues Gefühl,  lasse  ich es. Tun es die anderen, ziehe ich mit.

Redaktionen  müssen  aber  für  sich  festlegen: Halten wir die Kamera drauf,  sobald der Betroffene es will?  Legen wir  eigene  Kriterien  an? Welche? Wollen wir  uns mit  Berichten  über  den  Tod  von Krebskranken wie Goody und Pausch  zum Anwalt der  Krebsforschung machen? Was  veröffentlichen wir:  den  vollen  Namen,  ein  Bild,  die  Diagnose? Welche Quellen  nutzen wir, wie  »öffentlich«  sind Youtube oder StudiVZ? Wollen wir den Sarg der ersten beim Amok ermordeten Schülerin zeigen?

Außerdem müssen Medien sich als Forum anbieten  für den Diskurs über die  sich verändernde Art,
wie Menschen  –  und  damit  das Medienpublikum
– heute mit dem Tod und den Toten umgehen.

Youtube ist voll mit Nachrufen
Nach  dem Tod  ist  nicht  Schluss. Auf  youtube.com finden  sich  Gigabyte-Berge  hochgeladener
Erinnerungsf i lme  über  tödl ich  verunglückte Mittzwanziger,  verstorbene  Babys,  Großmütter,
Serienstars und Pferde –  jeder zwischen zehn- und hunderttausendmal angeklickt.

Wer  es  professionell mag,  kann  bei Etos TV  für 2.000 Euro  einen Nachruf  bestellen. Der  deutsche Trauerkanal  ging  vergangenen Herbst  auf  Sendung  und  peilt  den Wachstumsmarkt  der  »Silver Generation«  an,  neben  den  Toten  auch  die  Lebenden, denen  man Produkte anbieten will von der Einst iegshi l fe in  die  Badewanne bis zum Treppenlift . Journal ist isch
gemachte Nachrufe, auch auf Nicht-Prominente, veröffentlicht zum Beispiel der Berliner Tagesspiegel.

Nigel Starck untersuchte  in seiner Studie »Death can make a difference« 1.183 Nachrufe, die von März bis Mai 2007 in den britischen Tageszeitungen Times, Daily  Telegraph,  Guardian  und  im  Independent erschienen sind. Auffallend  ist die Rücksichtnahme, wegen  der man  bewusst  von  üblichen  journalistischen  Standards  abweicht:  Die  Nachrufe  werden meist  erst Wochen  nach  dem  Tod  veröffentlicht, die  Todesursache  wird  höchstens  bei  jedem  dritten Nachruf  genannt,  beim  Independent  bei nur 7 Prozent – denn der Tod sei lediglich Anlass für eine
Geschichte über den Lebenden.

Hier  zeigt  sich  eine  bemerkenswerte  Schieflage: Bei »geplanten« Nachrufen ist man zurückhaltend, in Fällen wie dem von Jade Goody hält man die Kamera beinahe  noch  in  den  Sarg.  Sicher  spielt  auch  die Spezifik  der Mediengattungen  eine Rolle:  Schwarz auf Weiß gedruckt als Nachruf in einer Tageszeitung, f lößt  der  Tod  weiterhin  großen  Respekt  ein.  Als
Film scheint er harmloser. Eben wie das Reality-TV-Bonmot sagt: Verfilmt man die Wirklichkeit, scheint sie tröstlich unwirklich – bis der Film aus ist.

Literatur:
Nigel  Starck:  Death  can  make  a  difference.  A  comparative  study  of  »Quality  Quartet«  obituary  practice,  in: Journalism  Studies,  Volume  9,  Issue  6  December  2008,
pp. 911 – 924.
Karl Weilbach:  »Es  sieht  so  aus,  als würde  ich  der Wolf sein.«  Eine  Fallanalyse  zur  Amoktat  von  Zug  (CH)  aus kriminologischer Sicht.

DER AMOKLAUF IN WINNENDEN:  PATZER UND KOLLEKTIV VERDRÄNGTE REGELN

Viel Geplapper, wenig Hintergrund, Pseudoanalysen, Fehler und die  Lust,  anderen  beim  Trauern  zuzuschauen:  Die  Art  und eise, wie über den Massenmord an einer Schule  im schwäbischen Winnenden berichtet wurde, hat  viele Grenzen überschritten, m Boulevard wie im Qualitätsblatt.

Das K-Wort
Jeder Medienmensch weiß, dass man aus ethischen Gründen die vollen Namen von Tätern und Opfern nicht nennt, es sei denn, eine noch aufende  Fahndung  ließe  die  Nennung  von  öffentlichem  Interesse erden. Bei Tim K.  aus Winnenden  fällt  das  als Rechtfertigung  aus.
Aber die Regel wurde kollektiv verdrängt.

Jeder  weiß,  man  sollte  Stereotypen  und  Klischees  vermeiden. Zum Beispiel die vom Bermudadreieck »Ballerspiele – Waffengesetze Amokläufe«. Jedem ist klar, dass Fakten stimmen müssen, auch die Zahl der Geschwister. Bevor man über »Das Einzelkind, das Opern liebte« (Tages-Anzeiger, Zürich) schreibt, müsste man sich also sicher sein, dass es keine jüngere Schwester gibt.

Journalisten  sind  Profis,  aber  auf  ihrem  Gebiet,  nicht  in  der Psychoanalyse. Doch gerade auf dieses Terrain begaben sich manche auf  der  Suche  nach  dem Warum;  sie  zählten  ab:  »Elf  seiner Opfer waren weiblich  (drei Lehrerinnen, acht Schülerinnen)« – so die Bild – und orakelten: »Hatte er ein Frauenproblem?« Auch Regional- und Qualitätsblätter stiegen darauf ein, leicht abgemildert im Ton.

Wir haben Chronistenpflicht,  ja. Doch muss man deshalb Schüler befragen, ob es wirklich schlimm war?

Relevanz  zählt,  beteuern  wir.  Doch  wir  quasseln  weiter,  auch wenn  schon  alles  gesagt  ist. Der  Twitter-Account, wo  sich  Reporter von Focus Online und Leute  vor Ort das Neueste  via  soziales Netz zuzwitscherten«, lieferte nichts weiter als verwirrendes Geschnatter.

Die vier Todsünden
Der  St.  Galler  Kriminologe  Karl  Weilbach  forscht  über  Amok.  Er benennt »vier Todsünden« einer Amoklauf-Berichterstattung:
1.  Vereinfachende Erklärungen über Tatmotive, etwa indem man auf Killerspiele verweist.
2.  Das Tatmuster des Täters oder  technische Details zu konkret aufzeigen.
3.  Die Darstellung von Folgen der Tat vernachlässigen.
4.  In  Interviews  oder  im  Internet  die  Fantasien,  Tagebücher  oder Videos des Täters  veröffentlichen:  Je  spektakulärer  eine Amoktat, desto höher ihr Reiz für Nachahmer.
Im Grunde wissen wir all das  längst. Es scheint, wir wollen uns nur
hin und wieder nicht daran erinnern.

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