Terrorberichterstattung muss sich ändern

13. Juni 2017 • Internationales, Qualität & Ethik, Top • von

Medien geraten nach Terroranschlägen regelmäßig in die Kritik, weil sie zu oberflächlich und spekulativ berichten. Journalisten sollten vor allem die komplexen Hintergründe der Anschläge erklären anstatt vereinfachte Stereotypen zu wiederholen.

Die Berichterstattung der Medien über die Terroranschläge in London und Manchester erschien auf traurige Weise vertraut: Smartphone-Videos von schreienden Opfern, Nahaufnahmen von hektischen Erste-Hilfe-Versuchen, Mutmaßungen à la „War es Terror?“, Spekulationen über die Täter. Im Fall Manchester wurde der Horror dadurch verstärkt, dass es sich bei vielen der Toten und Verletzten um junge Menschen handelte.

Seit den Anschlägen in den USA 2001 gehört die Berichterstattung über den Terror von al-Qaida und dem IS zum Standardrepertoire der Medien – und sie verstärkt ein kollektives Gefühl der Verwundbarkeit: Da draußen ist etwas Böses, unberechenbar und grausam, und es wird wieder zuschlagen.

Doch was steckt hinter diesem Bösen? Wenn man sich die Berichterstattung der Mainstream-Medien über die Anschläge anschaut, fällt auf, dass sie dazu neigen, sie als individuelle Ereignisse zu behandeln, ähnlich wie ein Zugunglück oder einen Banküberfall. Man sieht an der Berichterstattung und den aufmerksamkeitsheischenden Schlagzeilen, dass nur wenig über die Komplexität des Terrorismus und des Islams bekannt ist. Wer sind diese Menschen, die so mutwillig morden? Warum tun sie es? Und vor allem, wie könnten ihre Anschläge gestoppt werden?

Um derartige Fragen zu beantworten, bedarf es einer täglichen Berichterstattung, die mehr leistet, als diffuses Chaos abzubilden. Um das Phänomen des Terrors, der unsere Lebensbedingungen – ähnlich wie vor 50 Jahren der Kalte Krieg – verändert, besser zu erklären, bietet sich ein ganzheitlicher Ansatz der Berichterstattung an.

Scheu vor religiösen Themen

Die Berichterstattung westlicher Medien über vom IS inspirierte Terroranschläge verweist fast immer – explizit oder implizit – auf eine Verbindung zum Islam. Doch damit hat es oft sein Bewenden. Viele Journalisten haben offenbar eine Scheu vor religiösen Themen. Dadurch entsteht bei den Mediennutzern eine Wissenslücke, die sowohl Terroristen als auch islamfeindliche Aktivisten und Politiker ausnutzen können.

Das Ergebnis? Eine Religion mit 1,6 Milliarden Anhängern wird im öffentlichen Diskurs über die Taten einiger weniger definiert, die für Blutvergießen in der Manchester Arena oder auf einem Marktplatz in Bagdad sorgen. 55 Prozent der US-Amerikaner geben an, wenig oder nichts über den Islam zu wissen. Aufgrund des begrenzten Verständnisses für den Islam in der nicht-muslimischen Welt akzeptieren viele Nachrichtenkonsumenten bereitwillig die Idee, das „Islam gleich Terrorismus“ sei. Die Ergebnisse einer Studie des Pew Research Center aus dem Jahr 2015 verdeutlichen, welche Überzeugungskraft Stereotype haben: Eine große Anzahl der Amerikaner hält Muslime für antiamerikanisch und gewalttätig.

Wenn Politiker Muslime denunzieren, oder wenn auf einen Terroranschlag eine antiislamische Gegenreaktion folgt, bedeutet das für die Terroristen einen Sieg. Da einige Muslime dies unvermeidlich als Bedrohung ihrer Religion ansehen, werden sie empfänglicher für die Rekrutierung durch Gruppen wie al-Qaida oder den IS, die sich als Verteidiger der Religion darstellen.

Auch anti-extremistische Reaktionen muslimischer Gemeinschaften auf Terrorakte finden in der Berichterstattung von Zeit zu Zeit Beachtung. So ging eine Anti-Terror-Botschaft aus Kuwait, die nach dem Anschlag in Manchester gesendet wurde, in den sozialen Medien schnell viral und wurde von westlichen Nachrichtenmedien aufgegriffen.

Dennoch verschwindet der Islam normalerweise wieder schnell aus den Nachrichten – bis zur nächsten Tragödie. Dabei leben 80 Prozent der Muslime in Ländern außerhalb der arabischen Welt, die zunehmend an Bedeutung gewinnen, zum Beispiel Indonesien, Pakistan oder Nigeria. Die globale politische Schlagkraft des Islam ist in gewisser Weise mit dem des Katholizismus vor einigen Jahrhunderten zu vergleichen. Würden die Medien die Rolle des Islam im Weltgeschehen kontinuierlich thematisieren, würden die Nachrichtenkonsumenten vielleicht erkennen, dass der Islam weit mehr ist als nur Gewalt. Und wenn die Antipathie gegen den Islam abnähme, verlören die Terroristen ein Rekrutierungswerkzeug.

Die Bedrohung ehrlich ansprechen

Die Medien sollten auch staatsfinanzierten Extremismus thematisieren, besonders den Wahhabismus, eine rigide Auslegung des Islams, der zur Gewalt aufruft und dessen Verbreitung vom saudi-arabischen Staat kapitalkräftig gefördert wird. Er fordert dazu auf, Nicht-Muslime ebenso wie gemäßigte Muslime als Feinde anzusehen.

Während westliche Politiker sich bei diesem Thema wegen ihrer Abhängigkeit vom saudi-arabischen Öl und aufgrund der regionalen Geopolitik zurückhalten, könnten die Medien eine stärkere Rolle einnehmen, in dem sie darüber berichten, wie sogar angebliche Verbündete den Terrorismus unterstützen.

Journalisten könnten auch die Raffinesse terroristischer Anschläge tiefergehend untersuchen. Der IS hat beispielsweise gezielt soziale Medien genutzt, um potentielle Terroristen zu rekrutieren, sogar solche, zu denen er keinen direkten Kontakt hatte.

Die Täter der Terroranschläge in einer Sozialeinrichtung im kalifornischen San Bernardino im Dezember 2015 erhielten keine Ausbildung vom Islamischen Staat und agierten nicht in dessen Auftrag. Dennoch schworen sie ihre Treue zum IS.

Die Macht der Medien

Al-Qaida-Anführer Ayman al-Zawahir erkannte die Macht der Medien, als er 2004 schrieb: „Mehr als die Hälfte dieser Schlacht findet auf dem Schlachtfeld der Medien statt, wo wir uns in einem Wettlauf um die Herzen und den Verstand unserer Umma (Gemeinschaft aller Muslime) befinden.“

Der IS nutzt soziale Medien, um seine Botschaft zu verbreiten, Anhänger zu rekrutieren, Kämpfer auszubilden und Gelder zu beschaffen. Regierungen und Nichtregierungsorganisationen sind in letzter Zeit geschickter darin geworden, dagegen anzukämpfen. Das Außenministerium der USA hat über 300 YouTube-Videos veröffentlicht, um den Botschaften extremistischer Gruppen entgegenzuwirken – dennoch tendieren die Medien noch immer dazu, die organisatorischen und militärischen Fähigkeiten terroristischer Gruppen zu herunterzuspielen.

Man denke an die Berichte über die fortwährenden Befreiungsversuche Mosuls, Iraks zweitgrößter Stadt, die der Islamische Staat seit 2014 in seiner Macht hat. Irakische und amerikanische Quellen liefern regelmäßig vage optimistische Lageberichte, über die pflichtgemäß berichtet wird. Aber der Kampf ist seit 2016 im Gange. Trotz der von den USA unterstützten Angriffe sind Teile Mosuls noch immer unter der Kontrolle des IS. Was bedeutet das für zukünftige militärische Unternehmungen des Islamischen Staats und dessen weitreichende Terroranschläge? Sich auf Tagesberichte aus dem Kampfgebiet zu verlassen, verschleiert die langfristige Realität, die Journalisten analysieren sollten.

Allgemeiner ausgedrückt verdienen Anti-Terror-Maßnahmen der USA und anderer Staaten eine genauere Untersuchung. Die Öffentlichkeit muss darüber Bescheid wissen, was funktioniert und was nicht. Um den Terror zu besiegen, braucht es eine Mischung aus „weichen“ und „harten“ Machtmitteln. Entscheidend ist es, die Kanäle zu schließen, über die die Terroristen neue Anhänger rekrutieren. Dafür bedarf es innovativer Programme, die auch jene erreichen, die für extremistische Appelle am empfänglichsten sind.

Terrorismus ist ein so beherrschender Teil unseres Alltags, dass er eine beständige Berichterstattung verdient. Journalisten, die über Terrorismus berichten, müssen Fachkenntnisse zu diesem vielschichtigen Thema erwerben. Es gibt durchaus Journalisten, die sich zu Terrorismus-Experten entwickelt haben, die besten unter ihnen sind Joby Warrik von der Washington Post und Rukmini Callimachi von der New York Times. Aber insgesamt ist die Berichterstattung zum Thema Terror noch immer zu einseitig und zu sehr auf einzelne Anschläge bezogen. Seit dem 11. September 2001 hat es der Journalismus nicht geschafft, mit dem Terrorismus Schritt zu halten. Er sollte dies jetzt aufholen.

Original-Version auf Englisch: Superficial, Speculative, Breathless: Outdated Terrorism Reporting Must Change

Übersetzung: Johanna Mack / Tina Bettels-Schwabbauer

In Kürze erscheint ein Buch des Autors zum Thema Terrorismus: „As Terrorism Evolves: Media, Religion, and Governance” (Cambridge University Press).

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