Trumps Wahlsieg ist ein “Weckruf für Journalisten”

8. Dezember 2016 • Internationales, Qualität & Ethik • von

Anders als in jedem amerikanischen Wahlkampf zuvor hatten sich die traditionellen Medien in den USA einstimmig gegen Donald Trump ausgesprochen. Trump konnte dennoch die Wahl gewinnen – geholfen haben ihm dabei vor allem die sozialen Medien. Das mache eine Neuausrichtung des Journalismus dringend nötig, sagte Deutsche-Welle-Redakteur und USA-Experte Michael Knigge bei einer Diskussionsveranstaltung im Erich-Brost-Institut für internationalen Journalismus in Dortmund.  

donald-trumpKnigge hält Trumps Erfolg für eine „schallende Ohrfeige“ für die etablierten Medien, denn die meisten von ihnen hätten nicht ernsthaft mit einem Sieg Trumps gerechnet. Er glaubt,  Trumps Sieg sei „Ausdruck einer seit langem unterschwellig spürbaren tiefen Unzufriedenheit in weiten Teilen der amerikanischen Bevölkerung“. Ohne Twitter aber wäre der erfolgreiche Wahlkampf Trumps nicht möglich gewesen, meint Knigge, der während der US-Wahl als Wahlreporter für die Deutsche Welle vor Ort im Einsatz war. Trump habe Twitter „meisterhaft“ genutzt, indem er dort neue Themen gesetzt habe, auf die die traditionellen Medien angesprungen seien, und dadurch von Themen abgelenkt habe, die für ihn unvorteilhaft gewesen seien.

Trump habe die sozialen Medien beherrscht wie kein anderer Kandidat zuvor, meint auch Melissa Eddy, Deutschland-Korrespondentin der New York Times. Er habe eine Strategie verfolgt, die von den traditionellen Mainstream-Medien unterschätzt worden sei. Zugleich seien die etablierten Medien von Anfang an viel zu unkritisch gegenüber Trump gewesen. Sie nennt als Beispiel die letzte TV-Debatte der Republikaner vor den Vorwahlen: Trump hatte abgesagt und als Gegenprogramm eine Benefizveranstaltung für Veteranen organisiert. „Alle sind ihm mit ihren Kameras hinterhergerannt“, so Eddy.

US-Medien hätten die Auftritte Trumps immer wieder zur Berichterstattung genutzt, sagt auch der frühere WDR-Intendant Fritz Pleitgen, der in den 80ern Leiter der ARD-Studios Washington und New York war. Es sei eine Win-Win-Situation gewesen: Die Medien hätten Trump Aufmerksamkeit beschert und gleichzeitig die eigenen Quoten gesteigert. Für die deutschen sei das Verhalten der US-amerikanischen Medien unverständlich gewesen, meint Eddy, aber in den USA werde nun einmal 24/7 gesendet und Trump sei eben „ein Showman“ und „gut für die Quote“.

Was können die Medien aus der US-Wahl lernen?

Angesichts des überraschenden Wahlsiegs von Trump müssten Journalisten und Politiker den sozialen Medien mehr Aufmerksamkeit widmen, nicht nur in den USA, sondern auch in Europa, waren sich die Experten auf dem Podium im Erich-Brost-Institut einig. Neben Knigge, Eddy und Pleitgen diskutierten auch der Leiter des WDR-Studios Dortmund Gerald Baars, der Anfang der 2000er Chef des ARD-Studios in New York war, und Leonard Novy, Leiter des Instituts für Medien- und Kommunikationspolitik in Köln, über das Phänomen Donald Trump und was die Medien aus der US-Wahl lernen können.

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Julia Lönnendonker führte durch die Diskussion mit Gerald Baars, Michael Knigge, Melissa Eddy, Leonard Novy und Fritz Pleigen (v.l.n.r.).

Auch Obama habe das Internet schon effizient genutzt, sagt Novy, es hätte sich aber keine parallele Öffentlichkeit in den sozialen Medien gebildet. Eigentlich sei der Journalismus doch besser geworden, so der Politikwissenschaftler, der sich in seiner Forschung mit den Auswirkungen des Internets auf Politik und Medien beschäftigt. Es gebe „tolle Recherchen“, immer mehr Journalisten würden Fact-Checking betreiben und Transparenz groß schreiben. Nichtsdestotrotz würden sie oft den sozialen Medien „hinterherhecheln“. So hätten Journalisten jeden Tweet von Trump auseinandergenommen – dadurch aber auch jeden Tweet von ihm in der Öffentlichkeit verstärkt.

Journalisten müssten sich gleichzeitig bewusst darüber sein, dass sie im Wettbewerb mit den sozialen Medien ständen, so der Deutsche-Welle-Redakteur Knigge. Er betrachtet es als eine Herausforderung für Medienmacher, dass immer mehr Nutzer Nachrichten online konsumieren und sich auch Nachrichten selbst zusammenstellen könnten. Dies könne Vorteile bieten, berge aber auch das Risiko, dass sie bewusst Informationen außen vor lassen könnten und sich somit nur in ihrer Filterblase bewegten.

Wahlsieg Trumps ist ein „Wake-Up-Call“

Der Journalismus müsse versuchen, Transparenz herzustellen und sich an den Fakten zu orientieren, sagt auch WDR-Studioleiter Baars, denn, so fragt er, „wenn wir Journalisten das nicht mehr machen, wer macht es dann?“ Gerade Journalisten in den USA müssten nun in Hinblick auf den Wahlsieg Trumps Fakten checken, so Knigge. Der designierte US-Präsident habe im Wahlkampf viele Versprechen gemacht. Diese müssten die Journalisten nun prüfen und zeigen, dass Trump nicht alles einhalte, was er versprochen hat – auch wenn die Gefahr bestehe, dass Trump wieder alles so drehen werde, wie er es wolle.

Korrespondentin Eddy hält den Wahlsieg Trumps für einen „Wake-Up-Call“. Fest stehe, sagt sie, dass den Journalisten ein Lernprozess bevorstehe. Die Frage sei, wie sie soziale Medien am besten nutzen können. Hier sei vor allem die nächste Generation von Journalisten, die zu den Digital Natives gehört, gefragt.

Novy fordert von Journalisten ein stärkeres Engagement mit den Mediennutzern, um dem wachsenden Einfluss von sozialen Medien entgegenzuwirken, sowohl in den USA als auch in Deutschland, gerade vor der anstehenden Bundestagswahl. Auch Eddy betont, wie wichtig es sei, mit den Menschen zu sprechen, zum Beispiel in Sachsen, wo die Parolen der Pegida-Bewegung bei großen Teilen der Bevölkerung Anklang gefunden hätten. „Wir müssen uns die Hintergründe anschauen, wir müssen dorthin fahren und herausfinden, was die Menschen dort beschäftigt.“ In der Berichterstattung vor der Bundestagswahl dürfe man sich nicht nur auf Zahlen und Prognosen stützen, so die Korrespondentin der New York Times.

Medien werden den Begriff „Lügenpresse“ nicht los

Das eigentliche Problem in Deutschland sei, so Baars, dass ein bestimmter Prozentsatz der Bevölkerung Journalisten nicht mehr glaube. Auf der WDR-Facebook-Seite lese er regelmäßig Kommentare wie „Sie müssen das ja so schreiben“ – einige Nutzer glaubten tatsächlich, dass Baars und seine Kollegen von der Regierung Anweisungen bekämen, wie sie über ein Thema zu berichten hätten. Der WDR-Studioleiter beobachtet mit Sorge, dass einige Gruppen in den sozialen Medien sehr gezielt versuchten, etablierte Institutionen und auch Medien in Frage zu stellen und gegen sie Stimmung zu machen.

Den Medien hänge der Begriff „Lügenpresse“ an, so Pleitgen. „Sie werden ihn nicht los, auch wenn er nicht gerechtfertigt ist.“ Das müsse auch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk wachrütteln, betont der frühere WDR-Intendant. Zahlreiche Bürger hätten das Vertrauen in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk verloren, weil sie ihre Meinung dort nicht vertreten sehen würden.

Ein Patentrezept, was Journalisten in Deutschland vor dem bevorstehenden Wahlkampf machen können, um nicht wie ihre Kollegen in den USA den Draht zur Bevölkerung vollständig zu verlieren, hatte keiner der Diskutanten. Es sei aber schon ein Anfang gemacht, wenn die etablierten Medien die derzeitige Entwicklung wahrnehmen und die sozialen Medien nicht außer Acht lassen würden, betonten sie.

Bildquellen: Screenshot Twitter / Marcus Kreutler

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