Steht Tschechien vor einer Berlusconisierung?

5. September 2013 • Qualität & Ethik • von

Andrej Babiš lautet der Name, der seit ein paar Monaten in aller Munde ist, wenn es um den tschechischen Medienmarkt geht. Der tschechische Milliardär hat im Juni die MAFRA-Gruppe, eines der größten Medienunternehmen des Landes, von der Rheinischen Post Mediengruppe gekauft.

Vergangene Woche hat auch das tschechische Kartellamt die Übernahme bewilligt. Babiš‘ Kauf der MAFRA-Gruppe, seine politischen Verbindungen und seine weitreichenden Geschäftsinteressen lassen die Frage aufkommen, ob der tschechische Journalismus vor einer ‚Berlusconisierung‘ steht.

Zur MAFRA-Gruppe gehören die Tageszeitungen Mlada fronta Dnes und Lidové noviny, die Gratis-Zeitung Metro, ihre jeweiligen Online-Portale, die beiden Radiosender Radio Express und Classic sowie der Musik-Fernsehsender Ocko. Diese Angebote werden insgesamt von etwa 1,75  Millionen genutzt.

„Ich betrachte die MAFRA-Gruppe als einen sehr starken Spieler auf dem tschechischen Medienmarkt, vor allem im Bereich des seriösen Journalismus”, sagte Babiš nach der Übernahme. Der Zukauf bringe für den Medienbereich seines Konzerns Agrofert, der die regionale Wochenzeitschrift 5plus2 herausgibt, viele Synergien und ermögliche Kostensenkungen. Der 1993 gegründete Agrarkonzern Agrofert zählt zu den größten Unternehmen Tschechiens. Ende Februar hatte er den deutschen Großbäcker Lieken übernommen.

Aus Unternehmersicht erscheint der MAFRA-Deal nur logisch, aber Andrej Babiš hegt auch politische Ambitionen – und diese Kombination gibt Anlass für Bedenken. Vor zwei Jahren hat der Unternehmer die politische Bewegung „ANO 2011“ gegründet. ANO ist auf Tschechisch das Akronym für die „Bewegung der unzufriedenen Bürger“ und bedeutet zugleich „Ja“.

Babiš hatte in einem öffentlichen Statement verkündet, dass er sich auf keinen Fall in die Arbeit der Journalisten der MAFRA-Gruppe einmischen werde. Aber nur einige Tage später fragte Babiš einen Journalisten der Zeitung Lidové Noviny, warum er nicht über eine Veranstaltung der „ANO 2011“ berichtet habe, an der Babiš teilgenommen hatte.

Nachdem der Vorfall bekannt geworden war, entschuldigte sich Babiš bei der Belegschaft der Zeitung und schlug die Einführung eines neuen Verhaltenskodex vor, der die Beziehung zwischen dem neuen Eigentümer und seinen Journalisten regeln sollte.

Babiš bekräftigt weiterhin in der Öffentlichkeit, dass er sich keinerlei politische Vorteile vom Besitz seiner Medienunternehmen erwarte: „Ich möchte auf keinen Fall ein tschechischer Berlusconi sein. Ich wäre verrückt, wenn ich versuchen würde, die Medien zu beeinflussen. Das würde sich unter den Journalisten wie ein Lauffeuer verbreiten und würde mein Ende bedeuten.“

Es bleibt abzuwarten, inwiefern Babiš seine Medien für politische Zwecke nutzen wird. Fest steht, dass der gebürtige Slowake sein Medienimperium in den vergangenen Monaten stark erweitert hat. Neben der MAFRA-Gruppe hat er auch den Zeitungsverlag Ecopress in der benachbarten Slowakei gekauft, der die Wirtschaftstageszeitung Hospodarske noviny herausgibt. 

Übersetzt aus dem Englischen von Tina Bettels

Original-Artikel auf Tschechisch: Politicky aktivní miliardář Babiš se stal mediálním magnátem

Bildquelle: Wikimedia Commons

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