Über den Umgang mit anonymen Quellen

25. Oktober 2016 • Qualität & Ethik • von

„Jemand Nahestehendes“, „ein Vertrauter“, „ein Freund“, „ein ehemaliger Minister“ – im französischen Politikjournalismus werden gerne anonyme Quellen zitiert.  Die Tageszeitung Libération veröffentlichte kürzlich einen Artikel, der elf Quellen ohne Namen enthielt.  Am Tag darauf publizierte Le Parisien einen anderen Artikel mit fünf unbenannten Quellen.

anonyme-quellenHinter diesen Quellen stehen Politiker, die sich zwar zu einem Thema äußern wollen – aber nicht öffentlich. Ohne Erwähnung ihrer Namen oder ihrer Rolle weiß der Leser allerdings nicht wer spricht, woher derjenige kommt und ob es sich um elf unterschiedliche Quellen oder eine Person handelt. So könnten zum Beispiel „die Regierung“, „jemand aus dem Umfeld des Präsidenten“ und „ein Berater“ immer die gleiche Person sein.

In dem Artikel des Libération habe es sich tatsächlich um fünf oder sechs verschiedene Personen gehandelt, erklärt Chefredakteur Grégoire Biseau, der das Politik-Ressort verantwortet. Er sieht ein, dass zu viele Off-the-Record-Quellen katastrophal sind und spricht sich für ein Gleichgewicht zwischen anonymen und offengelegten Quellen aus.

Ob es vertretbar ist, anonyme Quellen zu benutzen, ist eine ewige Frage im Journalismus. Von besonderer Bedeutung ist sie beim Wahlkampfauftakt in Frankreich, wo 2017 ein neues Staatsoberhaupt gewählt wird. In Frankreich scheint das Spiel der Politik sehr geheim zu sein. Auf der einen Seite findet sich die offizielle Linie, die institutionell gestaltet, oft überprüft und vor der Veröffentlichung genehmigt wird. Auf der anderen Seite gibt es Zitate, deren Quellen nicht immer offengelegt werden.

„Die Ausnahme und nicht die Regel“

„Immer anonyme Quellen zu benutzen ist eine einfache Lösung“, sagt Gerard Leclerc, politischer Journalist und ehemaliger Leiter des Parlamentssenders LCP. „Das ist unverantwortlich vom Journalismus und der Politik. Wer kann mir sagen, dass das alles stimmt? Wir tragen damit bei, Politikdebatten in Schattentheater zu verwandeln.“

Die New York Times hat kürzlich eine Richtlinie verabschiedet, die die Verwendung anonymer Quellen verbietet; mit Ausnahme von Einzelfällen, die die nationale Sicherheit betreffen. Bei der Agence France-Presse (AFP) soll gemäß ihrer Leitlinien die Verwendung von anonymen Quellen „die Ausnahme und nicht die Regel“ sein. Außerdem soll, bevor der Quelle Anonymität gewährleistet wird, nach ihren Beweggründen dafür gefragt werden und ob es dadurch zu Verzerrungen kommen könnte.

Wie werden anonyme Zitate überprüft?

Zitate ohne Quellenangabe sind riskant: Sie sind nicht nur unüberprüfbar; eine scharfe Zunge, die inkognito bleibt, kann auch viel erzählen, ohne dass es Konsequenzen für sie hat. Die anonyme Quelle kann sogar den Journalisten ausnutzen, dem sie Off-the-Record-Kommentare anvertraut. Das sei aber nicht notwendigerweise so, sagt Grégoire Biseau. Anonyme Quellen könnten auch „eine Alternative zur offiziellen Version“ bieten: „Sie können einen Hauch von Ironie, einen unkonventionellen Kommentar oder einen ausgefallenen Aspekt hinzufügen, der nicht unbedingt ausbeuterisch sein muss.“

Gerard Leclerc dagegen glaubt, wir seien Zeugen der Herrschaft der politischen Korrektheit – ein Paradoxon im digitalen Zeitalter: „Offiziell gibt es kein ‚off the record‘ – man weiß und sagt alles – aber in Wirklichkeit gibt es das überall.“

Ungleiche Machtverhältnisse

Ist es nicht auch Aufgabe der Journalisten, ihre Quelle davon zu überzeugen offen zu sprechen? – Eine Sisyphusarbeit, glaubt Grégoire Biseau. „… es gibt einen Machtbereich innerhalb der Regierung, der unzugänglich ist, wo alles extrem kodifiziert ist.“ Die Machtverhältnisse seien nicht zugunsten der Journalisten ausgelegt, fährt er fort. „Sie können mit einer Quelle fünf Jahre arbeiten, aber verlieren sie in fünf Sekunden, wenn sie ein Zitat ohne Erlaubnis verwenden.“

Die Quittung folge unmittelbar, da die Quelle, wenn sie sich verraten fühle, monatelang nicht mit ihnen sprechen werde, so Biseau. „Keine Quelle, keine lohnenswerten Informationen“, fügt er hinzu.

Die Politik der New York Times, anonyme Quellen zu verbieten, würde in Großbritannien nicht funktionieren, meint Roy Greenslade vom Guardian: „Hier bedeutet keine Anonymität keinen Artikel … es ist ein Fluch und ein Segen zugleich.“ In der französischen Zeitungslandschaft zeigt sich das gleiche Bild. Und leider ist es unwahrscheinlich, dass sich dies vor der Präsidentschaftswahl 2017 ändern wird.

Originalversion auf Englisch: Should Anonymous Sources Be Banned In Political Journalism?

zuerst veröffentlicht auf Französisch bei W.I.P (Work In Progress) / Slate.fr

Übersetzt aus dem Englischen von Anna Carina Zappe

Bildquelle: Max Sat / Flickr CC: Suspendu – Moment of doubt; Lizenzbedingungen: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

 

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