Über Verpuffungen und Rezepte dagegen

24. November 2014 • Qualität & Ethik, Ressorts • von

Mit mehr als zweihundert Teilnehmenden verzeichnete der Journalismustag am Institut für Angewandte Medienwissenschaft (IAM) in Winterthur dieses Jahr einen Besucherrekord. Die meisten darunter waren Journalisten. Die Jahreskonferenz des Vereins Qualität im Journalismus hat sich damit zum wohl größten Branchentreffen in der Deutschschweiz gemausert. Aber weshalb besuchen Berufspraktiker überhaupt solche Tagungen? Ein Kommentar zum Journalismustag.14 in Winterthur.

Ein Fazit: Der strukturelle Abbau ist und bleibt in den meisten mitteleuropäischen Redaktionen dramatisch, auch wenn Stephan Weichert von der Hamburger Macromedia-Hochschule bei seiner Keynote anhand der Huffington Post und Buzzfeed Gegentrends aufzeigen konnte. Eine bewusste Provokation. Denn das sind lediglich positive Einzelschicksale, die mit der System-Realität wenig zu tun haben.

Ein Aufreger: Der anhaltende Trend der Medienhäuser, Stellenabbau und journalistische Qualitätseinbussen nach Außen als Qualitätsgewinn durch die Schaffung von Synergien zu verkaufen. „Synergien zwischen Redaktionen schaffen, das ist doch begriffliches Bullshit-Bingo“, meinte dazu Ringier-Mann Hannes Britschgi, der gefühlt jede Diskussionsrunde der letzten Journalismustage moderiert hat.

Ein emotionaler Moment: Der via Skype zugeschaltete Oliver Schröm, Leiter des Recherche-Teams beim deutschen Wochenmagazin „Stern“, erzählt den Anwesenden von der Entlassung einer etablierten deutschen Journalistin, deren Ehemann – ebenfalls langjähriger Journalist und guter Freund Schröms – vor kurzem in einem Kriegsgebiet bei der Ausübung seines Berufes getötet wurde. Schröm kämpft mit den Tränen. Was er nicht ausspricht, ihm aber auf der Stirn geschrieben steht: Bleibt im medialen Überlebenskampf die Moral auf der Strecke? Später an der Tagung und ohne von dieser Begebenheit zu wissen, erklärt Tagesanzeiger-Chefredaktor Res Strehle: „Die Medien haben in den vergangenen zehn Jahren fast flächendeckend um die fünfzig Prozent ihres Umsatzes verloren und in den Medienhäusern musste man sich darauf eine Reaktion überlegen. Schröm fordert deshalb eine „dritte Säule“ für den Journalismus und meint damit die Finanzierung durch unabhängige Stiftungen.

Verpufftes Engagement

Zurück zu unserer Ausgangsfrage: Weshalb besuchen Berufspraktiker überhaupt solche Tagungen? Lassen wir das Networking, das Sehen und Gesehen werden sowie das bewusst öffentliche Demonstrieren von Sorge um journalistische Qualität einmal außen vor. Was ist der inhaltliche Anreiz? Die Verlockung brandneu-exklusiver Informationen kann es nicht sein. Häufig sind an solchen Tagungen von den gleichen Akteuren die gleichen Botschaften zu hören. Das ist nicht per se schlecht. Nur was stetig wiederholt wird, bleibt haften. Dass es nach Meinung der Medienwissenschaft um die journalistische Qualität schlecht steht, ist bekannt. Die Situation hat sich in den vergangenen Jahren wenig verändert. Erhoffen sich die Journalisten Anzeichen dafür, dass sich die dunklen Wolken über der Medienbranche lichten? Dass es mit ihrem Beruf aus der Sicht der „Anderen“ wieder bergauf geht? Möglich. Jedenfalls ist es nicht der Anreiz, sich Inputs und personelle Verstärkung zu holen, um gegen den Status Quo aktiv zu werden. Das demonstrierte Interesse am Zustand der Medienbranche und an medienpolitischen Fragen verpufft in den Redaktionen für die restlichen 364 Tage wieder. Botschaften solcher Tagungen finden in den Praxisstuben keinen erkennbaren Widerhall. Weshalb ist das so?

Spurensuche

Möglichkeit 1: Journalisten glauben den Botschaften nicht.
Ähnlich wie bei Verlegern ist bei diversen Journalisten die Fähigkeit zur Selbstkritik noch immer schwach ausgeprägt. „Sie sollten vielleicht mehr Geld für die Forschung verlangen“, wetterte ein anwesender Journalist gegen Mark Eisenegger vom Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Universität Zürich. Dieser hatte anhand von „Bund“ und Tagesanzeiger sowie dem St. Galler Tagblatt und der Thurgauer Zeitung zwei Fallstudien zum Kopfblatt-Mantel-System in der Schweiz vorgestellt. Ergebnis: Durch diese organisationale Zusammenarbeit entstehen bei den Kooperationspartnern deutlich weniger redaktionell eigengeleistete Beiträge, wodurch die publizistische Vielfalt – und damit die journalistische Qualität – weiter sinkt. Wie für Fallstudien üblich, war der Untersuchungszeitraum recht kurz, jeweils nur wenige Tage im Jahr 2008 – vor Einführung des Mantelsystems – und 2013 – nach Einführung des Mantelsystems. Fallstudien liefern anekdotische Evidenzen und Tendenzen, auf deren Grundlage breiter angelegte Forschungsstudien durchgeführt werden können. Sie bieten Anhalts- und Orientierungspunkte. „Aufgrund dieser schwachen Datenlage den Journalismus derart vernichtend zu kritisieren, das geht einfach nicht“, schimpfte der Zuhörer weiter. Ein bewährtes Muster ist hier erkennbar. Verunglimpfe deinen Gegner und seine Methoden, anstatt sich seiner Kritik zu stellen. Die Datenlage ist häufig unbefriedigend in der Forschung. Deshalb verkauft kein guter Wissenschaftler seine Ergebnisse als Wahrheit.

Möglichkeit 2: Journalisten möchten, können aber nicht.
Verleger von relevanten Medientiteln waren nicht anwesend am Journalismustag. Einige ihrer Chefredaktoren schon, aber meist nur punktuell, zu eigenen Podiumsgesprächen. Männer brauchen das Gefühl, dass eine Entscheidung von ihnen selbst stammt, oder sie zumindest massgeblich daran beteiligt waren. Auch wenn das nicht zutrifft. Eine Erkenntnis aus der Paartherapie. An Tagungen wird in Panels häufig über Themen auf redaktioneller Ebene diskutiert; über Chancen des Datenjournalismus, über Privatsphäre bei Bildpublikationen oder über verbessertes Storytelling. Das sind die „kleinen“ Themen. Bei den Keynotes und Plenumsdiskussionen hingegen kommt das „Große“ auf den Tisch: Medienkonzentration, Medienkonvergenz, Personalabbau. Über diese Themenfelder zu entscheiden, fällt nicht in den Kompetenzbereich der meisten Anwesenden. Solange die Entscheidungsträger nicht direkt involviert werden, wird ein Journalist, der in der heimischen Redaktion Inputs aus der Tagung übermittelt, kaum etwas verändern. Durch die anhaltende Medienkonzentration und das dadurch ausgelöste Schwinden potenzieller Arbeitgeber, trauen sich Journalisten zudem immer weniger, ihre Stimme (öffentlich) zu erheben, wenn in den Redaktionen alles beim Alten bleibt.

Lösungsansätze

Medienpraktiker sollten sich intensiver mit Forschungsmethoden und Statistik auseinandersetzen. Ein regelmässiger Methoden-Workshop an den Journalismustagen kann hier Abhilfe schaffen und helfen, das Einordnen von Forschungsergebnissen zu erleichtern. „Redaktions-Panels“ oder „Organisations-Panels“, in denen Leitungspersonen aus Redaktion und Verlag mit ihren Mitarbeitenden und unabhängigen Fachleuten direkt über ein konkretes Praxisproblem in ihrem Unternehmen diskutieren und Lösungsansätze suchen, involvieren Entscheidungsträger und verbessern die inhaltliche Nachhaltigkeit von Konferenzen. Als externe Fachleute fungieren Medienwissenschaftler, Journalisten aus anderen – nicht direkt konkurrierenden – Medienhäusern oder Gewerkschaftsvertreter. Je nachdem, ob es derer „kleine“ oder „große“ Themen sind. So bietet sich die Möglichkeit, gemeinsam erarbeitete Lösungsvorschläge danach im Arbeitsalltag innerredaktionell weiter auszuarbeiten und hoffentlich am Ende umzusetzen. Solcherart gestaltete Panels liefern Lösungsansätze für weitere von Teilnehmern geäußerte Schwächen des Journalismustages und Fachkonferenzen im Allgemeinen. Der Journalismus-Student Janosch Tröhler kritisiert die häufig mangelnde Innovationsfähigkeit der Tagungs-Workshops. Auch wird zu wenig über die Landesgrenzen hinaus geschaut. Gemeint ist damit nicht Deutschland oder Österreich. Journalisten aus vergleichbaren Journalismuskulturen – aus Übersee, Skandinavien oder Südeuropa – einzuladen, lässt neue, unabhängige Blickwinkel und Erfahrungen einfliessen. Ein Plus für die Innovationkraft und den inhaltlichen Austausch.

Bildquelle: Sarah Fluck

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