Ukraine-Krieg: „Es ist unmöglich, neutral zu bleiben“

26. Oktober 2016 • Internationales, Qualität & Ethik • von

Ukrainischen Journalisten fällt es schwer, neutral und unabhängig über den Konflikt in ihrem Land zu berichten. Wie eine aktuelle Studie zeigt, fühlen sich viele zwischen ihren patriotischen Gefühlen und ihrer Rolle als unbeteiligte Beobachter hin- und hergerissen.

ukraine_aDie Mehrheit der befragten ukrainischen Journalisten versucht laut eigener Angabe, ethische und journalistische Standards bei ihrer Berichterstattung über den Krieg in der Ostukraine zu beachten. Zugleich betonen sie aber auch, dass sie die ukrainische Seite nicht durch ihre Berichterstattung „verletzen“ wollen.

Für die Studie The Coverage of the Conflict in the East by the Ukrainian Media von Detector Media, einer in Kiew ansässigen NGO, wurden insgesamt 47 Journalisten aus 42 verschiedenen ukrainischen Medienunternehmen befragt. Die Interviews wurden im Februar und März 2016 geführt.

Wie die Forscher rund um Dariya Orlova feststellten, bieten nur wenige ukrainische Redaktionen ihren Journalisten Beratung oder Unterstützung an, wenn es um die Berichterstattung des Konflikts in der Ostukraine geht. So gebe es keine schriftlich festgelegten Regeln oder ethische Standards, sondern gewöhnlich werde das fachliche Urteilsvermögen den Journalisten selbst überlassen. Ukrainische Reporter, die im Konfliktgebiet arbeiten, folgen eher ihrem Bauchgefühl als Anweisungen ihrer Redaktion, heißt es in der Studie.

Patriotisch versus neutral

Folgende Einstellungen der befragten Journalisten prägen dabei die Berichterstattung über den Konflikt: patriotisch, neutral und ein Mix aus beiden. Die Journalisten, die in der Studie als „patriotisch“ beschrieben werden, beleuchten bewusst nur die ukrainische Perspektive. Sie ignorieren „die andere Seite“ und opfern „im Interesse der Staatssicherheit“ professionelle Standards. Diesen Journalisten sei es vor allem wichtig, mit ihrer Berichterstattung „nicht in die Hände der russischen Propaganda zu spielen“.

„Neutrale“ Journalisten dagegen glauben an die bedingungslose Einhaltung professioneller Standards. Diese Einstellung haben vor allem ukrainische Medienunternehmen, die reklamieren nach westlichen Standards zu arbeiten, sowie westliche Medienunternehmen, die mit Büros in der Ukraine vertreten sind, darunter BBC Ukraine, Deutsche Welle und Radio Free Europe/Radio Liberty.

Die Mehrheit der befragten Journalisten wird nach eigenen Angaben von einem Mix aus Patriotismus und Neutralität geprägt. Ihnen ist zwar bewusst, wie wichtig ethische Standards sind und sie versuchen auch diese einzuhalten, dennoch wollen sie über nichts berichten, was ihrem Land Schaden zufügen könnte.

Im Fokus der Berichterstattung: Soldaten

Den Mitgliedern des ukrainischen Militärs wird in den ukrainischen Medien, vor allem im Fernsehen, die meiste Aufmerksamkeit geschenkt. Als Grund geben die befragten Journalisten das große Interesse des Publikums für diesen Aspekt an. Forschungsleiterin Dariya Orlova aber glaubt, dass es dafür einen anderen Grund gebe. Journalisten, die über den Konflikt berichten, würden vor Ort Soldaten kennenlernen, eine persönliche Beziehung zu ihnen entwickeln und sich dann um ihre Sicherheit sorgen, was sich in der Berichterstattung niederschlage.

Weitaus weniger Aufmerksamkeit in den Medien werde Vertriebenen oder der Bevölkerung vor Ort in der Kriegsregion, sei es im „befreiten“ oder im „besetzten“ Gebiet, geschenkt, heißt es in der Studie. Redaktionen seien der Ansicht, dass sich das Publikum für diese Gruppen weniger interessiere. Laut der befragten Journalisten erschwerten auch sowohl Sicherheitsprobleme als auch ein Mangel an Informationsquellen die Berichterstattung über diese Gruppen.

Ist Objektivität überhaupt möglich?

Viele der befragten Journalisten räumen ein, dass sie nicht fähig seien, sich vom Konflikt loszumachen und geben zu, dass ihre Berichterstattung von „emotionaler Spannung, Mitgefühl und Bedenken bezüglich der Staatssicherheit“ geprägt sei.

So sagt ein Journalist von einer überregionalen Zeitschrift: „… wir würden gern distanziert über den Konflikt berichten, aber das ist unmöglich. Warum? Wenn man persönlich von der PRD (People’s Republic of Donetsk) verfolgt wird und man allein wegen seines Materials zum Kriminellen erklärt wurde, ist es schwierig, über der Situation zu stehen. Wenn Bekannte getötet oder inhaftiert wurden, ist es schwer, über der Situation zu stehen. Wenn es eine militärische Intervention gegen dein Land gibt, ist es auch schwierig, über den Dingen zu stehen. Was bedeutet es außerdem, über den Dingen zu stehen? Wir könnten einige neutrale Aussagen treffen – ohne das Offensichtliche einzugestehen… Es ist unmöglich, hier neutral zu bleiben. Wie kann man zum Beispiel die Annexion der Krim neutral beschreiben? Wir könnten „die Eingliederung der Krim“ und „Referendum“ ohne Anführungszeichen schreiben, aber dann würden wir über die Position Russlands berichten.“

Ein Journalist von einem überregionalen TV-Sender erklärt: „… dieser Konflikt findet in unserem Land statt; unsere Leute sterben; unser Staat und unsere Leute leiden. Ein Journalist kann hier nicht über den Dingen stehen.“

Auch, wenn die Studie feststellt, dass professionelle Standards in den meisten Redaktionen nicht adäquat thematisiert werden, haben alle befragten Journalisten erkannt, wie wichtig ethische Standards bei der Berichterstattung über bewaffnete Konflikte sind. Gleichzeitig aber sprechen die meisten über ethische Standards so, als seien sie eine Selbstverständlichkeit, die nicht explizit definiert und über die nicht unbedingt diskutiert werden müsse.

In vielen Medienunternehmen können Journalisten bei ihrer Berichterstattung über den Konflikt auf ein zusammengestelltes Vokabular mit wichtigen Definitionen zurückgreifen, was sich von Redaktion zu Redaktion aber stark unterscheidet. Einige Medien versuchen neutrale Sprache zu benutzen, während sich andere auf das offizielle Vokabular der Anti-Terror- Operation (ATO) der ukrainischen Regierung beziehen, die die Gegenseite als „russische Besatzungstruppen“ (російсько-окупаційні війська), „Angreifer“ (окупанти) oder „Terroristen“ (Bezeichnung für die Separatisten der sogenannten Volksrepubliken Donbass und Lugansk) bezeichnet.

Die Studie kommt zu dem Schluss, dass die Mehrheit der ukrainischen Medien es vorsätzlich vermeidet, in ihrer Berichterstattung über den Konflikt die Perspektive „der anderen Seite“ zu beleuchten. Viele Medien misstrauen sogar dem offiziellen Diskurs der ukrainischen Regierung und der ukrainischen Heerführer.

Professionelle Unabhängigkeit und Erfahrung

Die große Mehrheit der befragten Journalisten sieht sich in ihrer Konfliktberichterstattung frei von redaktioneller Einflussnahme. Zugleich haben die Forscher einige Einschränkungen erkannt, die sich die Medienpraktiker selbst auferlegen: Selbstzensur sowie redaktioneller und gesellschaftlicher Druck. Viele Befragte geben zu, dass sie manchmal einfach Themen vermeiden, die der ukrainischen Seite Schaden zufügen oder von der russischen Propaganda missbraucht werden könnten.

Vereinzelte Journalisten haben laut eigener Aussage das Gefühl, dass ihre Redaktion eine positive Berichterstattung über das Militär erwarte. Einige geben an, sie hätten Angst vor gesellschaftlicher Kritik und Anschuldigungen des „Verrats“ oder einer „anti-ukrainischen Position“.

„Während das Level der Institutionalisierung von redaktionellen Praktiken in ukrainischen Medien eher gering ist, spielen persönliche Faktoren wie individuelle und professionelle Erfahrungen eines Journalisten und seine Ansichten eine große Rolle“, sagt Forschungsleiterin Dariya Orlova. Zudem seien viele der Journalisten, die über den Konflikt berichten, ursprünglich aus dem Donbass und von der Krim und fänden es so noch schwieriger, distanziert zu berichten.

Die Studie kommt zu dem Schluss, dass die große Mehrheit der befragten Journalisten einen Dialog zwischen der Ukraine und den Regierungen der selbst ernannten Republiken, der Volksrepublik Donbass und der Volksrepublik Lugansk, als wichtig und nötig betrachtet. Nur wenige aber könnten sich vorstellen, wie ein Dialog in der Praxis aussehen solle. Die Journalisten kritisieren, dass in den Medien keine Förderung eines möglichen Dialogs stattfinde, weil es keine deutlich artikulierte Staatspolitik bezüglich der Zukunft der besetzten Gebiete und ihrer Bürger gebe. Demnach fühlten sich die meisten Journalisten zwar nicht in der Lage, solch einen Dialog selbst in Gang zu setzen, wären aber bereit, darüber zu berichten.

Originalversion auf Ukrainisch: Якою журналісти бачать свою роль у висвітленні конфлікту на Донбасі: дослідження

Übersetzt aus dem Englischen von Tina Bettels-Schwabbauer

Bildquelle: Sasha Maksymenko / Flickr CC: Ukraine army cuts off main road to Sloviansk; Lizenzbedingungen: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

 

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  • Lars Werner

    Noch mehr Propaganda braucht wirklich niemand

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