Vermittler und Richter in heikler Position

11. Oktober 2007 • Qualität & Ethik • von

Neue Zürcher Zeitung, 5. Oktober 2007

Der Presse-Ombudsmann im internationalen Vergleich

Seit vierzig Jahren gibt es in der Presse Ombudsleute, die zwischen Publikum und Redaktion vermitteln. In den USA geniessen sie dabei mehr Unabhängigkeit bei der Behandlung heikler Fälle.

Der «New York Times» ergeht es wie dem Klassenprimus: Alle wissen, dass sie sich kaum mit ihm messen können, aber gerade deshalb macht es erkennbar Spass, ihn zu hänseln. Und so wird das Blatt, das es mit hohen journalistischen Standards sehr genau nimmt, in jüngster Zeit immer wieder mit erkennbarer Schadenfreude von anderen Medien skandalisiert. Der jüngste Fall: ein Rabatt, der einer linken politischen Gruppierung für eine Wahlanzeige gewährt wurde. Was für die meisten anderen Medien zum Tagesgeschäft gehören dürfte, wird zur Staatsaffäre hochgespielt, wenn es der Musterknabe macht.
In den USA mehr als ein Feigenblatt
Einer, der oftmals die Wogen glättet, aber mitunter auch Öl ins Feuer giesst, ist Clark Hoyt. Er hat im Mai 2007 seinen Posten als Public Editor der «New York Times» angetreten, und unter den gegebenen Umständen hat er alle Hände voll zu tun. Er ist so etwas wie das öffentliche Gewissen seiner Zeitung. Er nimmt Beschwerden entgegen, setzt sich einmal pro Woche in seiner Kolumne im eigenen Blatt mit Kritik auseinander, die an der «New York Times» geübt wird. Nach innen wirkt er als Qualitätsexperte, der auf das Redaktionsmanagement Einfluss nimmt, einzelne Journalisten auf Fehler aufmerksam macht und so hilft, die redaktionelle Leistung zu steigern. In der Aussenwirkung ist er dagegen Aufklärer, Mediator und Schiedsinstanz. Im konkreten Fall griff Hoyt 4000 E-Mails von Lesern auf, die gegen die Anzeige protestiert hatten. Rigoros argumentierte er, die Anzeigenabteilung habe dem eigenen Blatt geschadet, als sie den Discount gewährt habe.

Hoyt ist einer von weltweit rund 90 Presse-Ombudsleuten. In der Öffentlichkeit wahrgenommen werden sie vor allem im angelsächsischen Raum. Es gibt sie aber auch in kontinentaleuropäischen Ländern, auch in der Schweiz sowie in Lateinamerika. Vor 40 Jahren nahm der Erste von ihnen in den USA beim «Courier-Journal» und bei «The Louisville Times» in Kentucky seine Arbeit auf.

Ombudsleute können einen wichtigen Beitrag zur Qualitätssicherung im Journalismus leisten, schöpfen jedoch dieses Potenzial nur partiell aus. Zu diesem Ergebnis gelangt eine Studie, die kürzlich am European Journalism Observatory (EJO) der Universität Lugano abgeschlossen wurde.* Schriftlich befragt wurden alle Ombudsleute, die in Europa sowie in Nord- und Südamerika ermittelt werden konnten. Geantwortet haben 50, was einem Rücklauf von 60 Prozent entspricht.

Obgleich Ombudsleute in zahlreichen Fällen nachweisbar erfolgreich in Konflikten vermittelt und somit ihren Verlagen auch Kosten für gerichtliche Auseinandersetzungen erspart haben, sind sie selbst in ihrem Kernverbreitungsgebiet, den Vereinigten Staaten, eher eine Rarität. Insgesamt 35 sind es in den USA. Sie haben aber Gewicht, weil sie vor allem für auflagenstarke Zeitungen wie «USA Today», «New York Times», «Washington Post» und «Los Angeles Times» tätig sind. Zusammengenommen haben so immerhin 38 Prozent der US-amerikanischen Zeitungsleser «ihren» Ombudsmann, der auch Readers’ Representative – oder bei der «New York Times» Public Editor – genannt wird.

Mehrere Studien, die in den USA durchgeführt wurden, zeigen, wie positiv sich die Institution auf die Glaubwürdigkeit wie auch auf die Qualität der Zeitungen auswirkt. Der Rest der Welt wurde in den amerikanischen Forschungsarbeiten allerdings kaum registriert. Sind Ombudsleute also ausserhalb der USA wirklich nur eine Randerscheinung? Wie unterscheidet sich die Institution in verschiedenen Journalismus- Kulturen?

Nicht erst am Ende der Karriere
Die wenigen Ombudsleute, die es in Mittel- und Nordeuropa gibt, zeichnen sich meist durch langjährige journalistische Erfahrung aus. Mit einem Durchschnittsalter von 68 Jahren sind sie entweder bereits pensioniert oder zumindest auf der Zielgeraden ihrer beruflichen Laufbahn angelangt. In den USA wird dagegen die Position des Ombudsmanns immer häufiger zu einer Karriere-Sprosse, statt die letzte Etappe vor dem Ausscheiden aus dem Beruf zu sein.

Damit ist die Frage aufgeworfen, was nach einer Tätigkeit als Ombudsmann kommen kann: Bei der «Washington Post», die schon seit 1970 einen Ombudsmann hat, sind aus den Mediatoren inzwischen mehrfach Professoren geworden: Ben Bagdikian, Joann Byrd und Geneva Overholser haben ihre Erfahrungen aus ihrer Ombuds-Tätigkeit an erstklassigen Universitäten in der Journalistenausbildung fruchtbar machen können.

Immer öfter eine Frau
Ein weiterer grundlegender Unterschied: In der angelsächsischen Welt ist der Ombudsmann immer öfter eine Frau. Der Frauenanteil liegt dort bei rund 40 Prozent, während er in den anderen Untersuchungsregionen, darunter auch Europa, unter 6 Prozent beträgt.

Mehr als 80 Prozent der Ombudsleute üben in den USA ihre Tätigkeit als Vollzeitbeschäftigung aus. In den anderen untersuchten Regionen sinkt dieser Anteil auf rund 30 Prozent. Diese Zahlen deuten darauf hin, dass die Funktion in Amerika besonders ernst genommen wird und sich auch deshalb weiterentwickeln konnte.

9 von 10 Ombudsleuten kommunizieren direkt mit der Öffentlichkeit: Sie haben in ihrer Zeitung eine eigene Kolumne und tragen somit dazu bei, dass Leser Redaktionsabläufe besser verstehen und Einblick in journalistische Entscheidungsprozesse gewinnen. Ausgerechnet Mittel- und Nordeuropa bilden hier – auch im Vergleich zu romanischen Ländern und zu Lateinamerika – das Schlusslicht. Knapp ein Viertel der Ombudsleute haben hier keine eigene Kommunikationsplattform. Sie sind somit für die eigene Leserschaft weniger sichtbar.

Mehr Freiraum in den USA
Die angelsächsischen Leserschaftsvertreter erfreuen sich bemerkenswerter Unabhängigkeit: Keiner der Befragten in den USA sieht ein Problem darin, wenn nötig auch das eigene Blatt zu kritisieren, während 17 Prozent der mittel- und nordeuropäischen Ombudsleute sowie knapp 18 Prozent aus dem romanischen Sprachraum zu Protokoll geben, sie hätten hierzu nicht den erforderlichen Spielraum.

An diesem Punkt wird der Ombudsmann allerdings zu einem Risikofaktor: Verspürt er – wie etwa Byron Calame, der Vorgänger von Hoyt – einen grossen Drang, sich auf Kosten des eigenen Blatts zu profilieren, können solche Eitelkeiten und Eigeninteressen dem Verlag auch schaden, und es kommt zum Showdown: In einem Fall hatte Calame dem Chefredaktor Bill Keller und seinem Verleger Arthur Sulzberger schriftlich 28 Fragen vorgelegt – und sich dann öffentlich in seiner Kolumne darüber gewundert, dass beide darauf die Antwort verweigert haben.

Für Brent Cunningham, der bei der «Columbia Journalism Review» die US-Medienszene beobachtet, sind Ombudsleute segensreich, weil sie «helfen, die Presse für den Durchschnittsleser zu entmystifizieren». Es zeugt von Grösse und von der Weitsicht des Klassenprimus, dass die «New York Times» die Institution des Public Editor beibehalten hat, über deren Abschaffung hausintern nach Calames Kapriolen noch im Frühjahr nicht ganz geräuschlos nachgedacht worden war.

* Elia, Cristina: Gli ombudsman dei giornali come strumento di gestione della qualità giornalistica. Università della Svizzera italiana, Lugano 2007.

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