Vielfalt in den Medien: Lasst uns unsere eigenen Geschichten erzählen

8. Juni 2016 • Qualität & Ethik • von

Flüchtlinge, die mit Booten die europäischen Strände erreichen, ziehen seit Monaten eine große Medienaufmerksamkeit auf sich. Oft werden sie von Journalisten und Fotografen erwartet, die sich um die Überlebenden versammeln, um Fotos zu schießen und Zitate zu bekommen. Doch das Interesse der Medien hält oftmals nicht lange an. Nachdem die Flüchtenden die Strände verlassen haben, werden ihre Stimmen nur noch selten gehört.

Journalisten fotografieren eine syrische Flüchtende, die gerade in Europa angekommen ist.

Wie ein Panel auf dem International Journalism Festival im italienischen Perugia zum Thema Vielfalt in den Medien kürzlich zeigte, gehören Migranten zu den Minderheiten in den Medien. Weitere Gruppen, die es selten in die Berichterstattung schaffen, sind Frauen, ethnische Minderheiten, Menschen mit Behinderung, Menschen mit psychischen Problemen und LGTB-Personen.

Fast 20 Jahre lang haben Initiativen von verschiedenen europäischen Organisationen, darunter Medien, Behörden und NGOs, versucht, Vielfalt und Anti-Diskriminierung in den Medien zu fördern, doch die Situation hat sich nicht signifikant verbessert. So hat eine Langzeitstudie, die in 140 Ländern durchgeführt wurde, herausgefunden, dass Frauen im Jahr 2015 weniger als ein Viertel (24 Prozent) der Menschen ausmachten, die im Rundfunk und in der Presse gesehen, gehört oder über die informiert wurde – der gleiche Anteil wie im Jahr 2010.

Einer Studie der City University in London zufolge ist der britische Journalismus zu 94 Prozent „weiß“ (ethnische Minderheiten im Land haben einen Anteil von ca. 15 Prozent); Frauen sind unterrepräsentiert und unterbezahlt. Das Centre for Trust, Peace and Social Relations merkte in seinem im Februar 2016 erschienenen Report Victims and Villains: Migrant voices in the British media an, dass fast die Hälfte aller Artikel, die in den britischen Medien erscheinen, Migration als Bedrohung und Migranten als „Bösewichte“ – tatsächliche oder potentielle – darstellten. Nur sehr selten wurden Migranten (übrigens genauso wenig wie Frauen) als Experten ihres Berufs interviewt – sei es als Ingenieure, Lehrer, Architekten oder Ärzte.

Das stellt ein großes Problem dar, weil die Auswahl von Bildern und Akteuren durch die Mainstreammedien einen großen Einfluss darauf hat, was die Öffentlichkeit als relevant wahrnimmt und wem sie das Recht gibt, gehört zu werden. Im Idealfall können Journalisten einem Individuum mehr Attribute zuschreiben als nur eine Kategorie – sei es „Menschen mit Beeinträchtigungen“, „Migrant“ oder „diskriminierte Personengruppe“ – und sie können eine Grundlage für sozialen Wandel schaffen.

Die Würdigung von Vielfalt ist ein Weg, um mit einem größeren Publikum in Kontakt zu kommen, darin war sich das Panel einig. Eine ausgewogene, faire und nichtdiskriminierende Berichterstattung ist nötig, um eine inklusive Gesellschaft aufzubauen. Ein Journalismus, der kulturelle Brücken schlägt, indem er dem Unbekannten die Hand reicht, kann die Grundlage vieler kreativer Möglichkeiten sein. Dafür sei es nötig, eine neue Debatte über die Rolle und Verantwortung der Medien in der heutigen komplexen Gesellschaft anzustoßen, so das Panel.

Kate Coyer, Panel-Teilnehmerin und Forschungsleiterin an der Central European University in Budapest, fokussierte sich in der Diskussion auf den Zugang zu Medien. Sie wies auf Community- und alternative Medien – definiert als der dritte Mediensektor – hin, die eine Möglichkeit bieten, vielfältige Publikumskreise mit einzubeziehen und zu erreichen. Community-Medien spielten eine entscheidende Rolle darin, Partizipation, Training und das Vorantreiben von sozialer Inklusion zu fördern, so Coyer.

Das Recht, eine Stimme zu haben

Larry Macaulay, Gründer und Herausgeber des Refugee Radio Network, ein unabhängiges Netzwerk für Migranten und Flüchtlinge überwiegend in Deutschland, sprach über das Recht, eine Stimme zu haben: wer ist berechtigt, etwas zu sagen, und wer entscheidet, was relevant ist? Sobald Menschen die Beteiligung an der Öffentlichkeit verwehrt werde, würden sie verwundbar für Fanatismus und Ausgrenzung. „Wenn wir anderen erlauben, unsere Geschichte für uns zu erzählen, dann sind wir dem Untergang geweiht“, so Macaulay, der 2011 aus Nigeria über Libyen nach Europa floh.

Die serbische Journalistin Marina Lalovic von RAI Radio 3 in Italien berichtete von ihrem eigenen beruflichen Weg von der „ausländischen“ Stimme im italienischen öffentlich-rechtlichen Radio bis hin zur Berichterstatterin über ein weites Spektrum an kulturellen und politischen Themen. Sie war auch Botschafterin für MEDIANE, einem Gemeinschaftsprogramm der EU und des Europarats, das das Ziel hat, mehr minderheitsspezifische Perspektiven einzubringen, ohne ausschließlich über minderheitsspezifische Probleme zu sprechen.

Mit Offenheit, Empathie und transkultureller Herangehensweise zu mehr Vielfalt

Mukti Jain Campion, freie Produzentin für die BBC und Gründerin von Culture Wise Productions, betonte wie wichtig es sei, das kreative Potential der Vielfalt in allen Aspekten der Produktion anzuzapfen, bei Geschichten, Orten, Mitwirkenden und so weiter. Sie rät, mit „Offenheit, Neugier, Empathie – und Bescheidenheit“ vorzugehen und den eigenen Blick auf die Welt zu hinterfragen, Menschen aufzusuchen, deren Stimmen normalerweise nicht gehört werden und zuzuhören, was sie zu sagen haben. Auf diese Weise könnten wenig gehörte Perspektiven zu einem größeren Publikum gelangen.

Als Moderatorin des Panels in Perugia habe ich betont, wie wichtig es ist, den eigenen kulturellen Bias zu erkennen. Der eigene Hintergrund, die Ausbildung, die man absolviert hat, Erfahrungen, die man gemacht hat und Netzwerke, die man sich aufgebaut hat, können die Art und Weise beeinflussen, wie man als Journalist die Welt sieht und repräsentiert. Eine transkulturelle Herangehensweise, das heißt sich selbst in dem anderen zu sehen, erlaubt es uns, Identität als etwas Komplexes und Facettenreiches wahrzunehmen, als etwas, dass sich konstant durch Interaktion verändert. Professor Richard Slimbach, Autor von „The Transcultural Journey“, zufolge, zielt Transkulturalismus darauf ab, gemeinsame Interessen und Werte über kulturelle und nationale Grenzen hinaus zu definieren und über den Tellerrand des eigenen Heimatlandes zu schauen.

Journalismus besteht aus Hinterfragen, Erklären, der Entwicklung von neuen Ideen, Aufklären und Überraschen. Auch die Fähigkeit, „das Andere“ zu erfassen, muss Teil des grundlegenden journalistischen Denkens sein oder durch spezielle Projekte gefördert werden. Medienmacher können die Gleichstellung unterstützen, indem sie würdigen, dass Vielfalt viele subtile Nuancen hat und dass Komplexität in der heutigen Gesellschaft die Norm ist. Es ist auch nicht so, dass Vielfalt vom europäischen Medienmarkt ignoriert wird. Sie hat in der TV-Fiktion und Unterhaltung Boden gewonnen – oft als kommerzielle Strategie, um relevant und in Kontakt mit dem Publikum zu bleiben. Die Vielfalt hat auch in die ethischen und beschäftigungspolitischen Leitlinien von öffentlich-rechtlichen Anstalten und Regulierungsbehörden Einzug gehalten, basierend auf der Annahme, dass eine vielfältigere Belegschaft (Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen mit Beeinträchtigungen) zu einer inklusiveren Medienproduktion beiträgt.

Aber es ist nicht ausschließlich eine journalistische Verantwortung – die gesamte Gesellschaft muss sich ihrer Rolle in einer vernetzten Welt mit ihrer Fülle an Kommunikationskanälen und zugänglicher Technik bewusst werden. Es werden im Journalismus neue, kreative Initiativen gebraucht, die für mehr Diversität sorgen, aber diese sollten in einen breiten interkulturellen Dialog eingebunden werden, der eine neue Debatte über die Rolle der Medien in der Gesellschaft in Gang bringt.

Original-Version auf Englisch: Let Us Tell Our Own Stories: Diversity In The Media

Übersetzt aus dem Englischen von Lena Christin Ohm

Bildquelle: Rose Morelli / Flickr CC: “When the Refugees Arrived” / Lizenzbedingungen: https://creativecommons.org/licenses/by-nd/2.0/

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