Mehr Vielfalt für den Journalismus

17. Februar 2015 • Qualität & Ethik • von

Die „Neuen Deutschen“ trafen sich vor einer Woche zum ersten Bundeskongress. Den Anstoß gegeben haben dabei die „Neuen Deutschen Medienmacher“, ein Zusammenschluss von Medienschaffenden mit unterschiedlichen kulturellen Wurzeln und sprachlicher Herkunft. Sie wollen mehr Vielfalt in den Journalismus bringen. Und das tut bitter Not: Noch immer sind deutsche Redaktionen fast ausschließlich weiß. Weniger als fünf Prozent der Redakteursposten sind von Menschen mit Migrationshintergrund besetzt. In Chefredaktionen kommen bunte Biographien gar nicht vor. Der Kongress ist also ein erster Schritt für die Forderung nach gerechter Teilhabe für jenes knappe Viertel der Bevölkerung in Deutschland, das migrantische Wurzeln hat.

Aber im Journalismus geht es nicht nur um – zumeist – ordentlich bezahlte Arbeitsplätze, sondern um die Möglichkeit zu bestimmen, was öffentlich wird und was unbeachtet bleibt. Zahlreiche Studien zeigen, wie Medienberichterstattung stereotype Bilder ‚des Fremden‘ herstellt und Migration als Problem zeigt – verbunden mit Förderbedarf, Kriminalität oder Terror. Bemerkenswert dabei, dass in der Politikberichterstattung der Rückgriff auf Stereotype am intensivsten ausgeprägt ist, im Lokalen tauchen demgegenüber vielfältigere Bilder und Narrative auf. Nähe in der Berichterstattung scheint also den Blick zu schärfen. In der politischen Debatte um Zuwanderungsgesetz oder Asylpolitik müssen dagegen die ewig gleichen Bilder kopftuchtragender Frauen zur Illustration ‚der Anderen‘ herhalten. Die Forderung nach mehr Vielfalt in den Redaktionen ist so zugleich mit der Erwartung an mehr Differenzierung und neue Perspektiven in der Berichterstattung verbunden. Das kann im Umkehrschluss nicht heißen, dass migrantische Journalisten fortan allein für das Themenfeld Zuwanderung zuständig sind. Aber sie bringen veränderte Blickwinkel in die Redaktion: Mehrsprachige und interkulturelle Kompetenz, andere Netzwerke und eigene Expertise.

Zunehmend bemühen sich Redaktionen bei der Rekrutierung ihres Nachwuchses um mehr Vielfalt. Während im Unterhaltungsfernsehen deutsch-türkische Comedians längst ihren festen Platz haben, setzt sich im Journalismus erst langsam die Erkenntnis durch, dass mehr als 16 Millionen Menschen mit nicht nur deutschen Wurzeln eine relevante Zielgruppe sind. Für eine Weiterentwicklung Deutschlands zur Einwanderungsgesellschaft – wie es die „Neuen Deutschen“ formuliert haben – ist deutlich mehr nötig: Vielfalt in die Redaktionen, die Chefetagen, Rundfunkräte und den Presserat!

 

Eine gekürzte Version des Beitrags erschien am 15. Februar 2015 auf Tagesspiegel online

 

Bildquelle: Nemo/pixabay

 

 

 

 

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