Vorsicht vor falschen Versprechungen

19. April 2010 • Qualität & Ethik • von

Erstveröffentlichung: Medizin&Wissenschaftsjournalist

Herzlichen Glückwunsch. Das war eine gelungene Medienshow, die vor ein paar Tagen aus Genf in unsere Wohnstuben flimmerte:

Die Protonen im milliardenteuren Beschleuniger LHC des CERN erreichten zum ersten Mal ihre Arbeitsenergie. Das Ereignis fand bei den Medien grandiose Resonanz: als wäre Amerika zum zweiten Mal entdeckt worden. Alle Fernsehnachrichten berichteten in ausgiebigen Filmberichten, ZDF-„heute“ sogar als Hauptmeldung des Tages.
Die Reporter ließen die Wissenschaftler überschwänglich schwadronieren und verbreiteten ungeprüft ihre Elogen: Goethe wurde da bemüht, „erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält“, ein neues Zeitalter der Physik eingeläutet oder gar der Urknall erreicht, so nah sei ihm die Menschheit noch nie gekommen. Größer geht’s nimmer.

Der wissenschaftliche Wert des Ereignisses: ein lang erwarteter, notwendiger Arbeitsschritt. Wie ehrbare
Handwerker haben die Forscher in Genf eine aus Steuern bezahlte Maschine mit eineinhalbjähriger Verspätung zum Laufen gebracht. Mehr nicht, auch wenn dieser Beschleuniger große Perspektiven für die Physik eröff net. Die Journalisten hatten offensichtlich den peinlichen Zusammenbruch der Anlage kurz nach ihrer Einweihung schon vergessen, niemand hinterfragte, wie viel Arbeit, Schwierigkeiten und Risiken noch vor den Forschern liegen, bevor auch nur die ersten Ergebnisse herauskommen werden.

Vom Betrieb der modernen Physik, das war schon an Kleinigkeiten zu sehen, hatten die berichtenden Kollegen offensichtlich wenig Ahnung. Mir geht es nicht um die gelungene Medieninszenierung des CERN. Im Gegenteil: Die allzu seriöse Wissenschaft inszeniert sich in unserer Zeit viel zu wenig. Professionelle Pressearbeit, wie sie das CERN betreibt, ist in diesem Feld eben noch selten. Da ist sogar Unterstützung von außen recht. Mir geht es um die Qualität der Berichte.

Am Beispiel des CERN-Events wird deutlich, dass große TV-Anstalten, die bei Sportereignissen oder Unterhaltungsshows keine Million scheuen, kleinlich sparen, wenn es um Wissenschaft geht, dass die großen Nachrichtenressorts kaum mit Sachverstand zu Forschung  besetzt sind, dass sich Journalisten allzu leicht durch gut formulierte Pressemitteilungen blenden lassen. Ist das Wissenschaftsjournalismus, wie ihn die Wissenschaft braucht? Und wie wollen wir selbst ihn haben? Und was können wir selbst tun? Sind wir allzu schüchtern, wenn sich unkundige Kollegen in unsere Themenbereiche einmischen, sind wir professionell konkurrenzfähig, wenn wir mit Kollegen aus anderen Ressorts um den Zugriff auf Themen fechten? Wie gut sind wir wirklich, wie sehen wir uns, sind wir selbstkritisch genug, sehen wir überhaupt unsere Defizite?

Wenn andere uns die Sahne vom Kuchen stibitzen, haben wir selbst genug dagegen getan? Gute Berichte sind nicht nur die, bei denen die Fakten stimmen. Es geht in unserem Beruf vor allem darum, die Leser, Zuhörer und Zuschauer zu erreichen. Und Vorsicht mit falschen Jubelberichten und falschem Jubel: Glaubwürdigkeit wird am schnellsten durch enttäuschte Versprechen zerstört. Das dürfte auch den Profis bei CERN bewusst sein.

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