Was britische Journalisten über Ethik, Objektivität und Bezahlung denken

18. Mai 2016 • Internationales, Qualität & Ethik • von

Einer aktuellen Studie zufolge denken die meisten Journalisten in Großbritannien, dass sie heutzutage weniger Zeit für die Recherche haben. Die Mehrheit ist aber trotzdem immer noch bereit dazu, Grenzen zu überschreiten, um eine wichtige Geschichte zu veröffentlichen.

UK journalistsBritische Journalisten sind demnach aggressiver in der Verfolgung einer Geschichte als Reporter aus den USA: 81 Prozent von ihnen würden vertrauliche Informationen auch ohne Erlaubnis verwenden, solange es dem öffentlichen Interesse dient. Gleiches würden dagegen nur 58 Prozent der amerikanischen Journalisten tun.

Die Studie „Journalists in the UK“ stammt vom Reuters Institute for the Study of Journalism der Universität Oxford und basiert auf einer umfassenden Befragung, der ein repräsentatives Sample von 700 Journalisten zugrunde liegt. Sie untersucht die Ansichten von britischen Journalisten zu Ethik und journalistischer Praxis, wie sie ihre Rolle, ihr Gehalt und die Vielfalt in ihrem Berufsstand einschätzen, wem sie vertrauen und wie sie den veränderten Druck im Nachrichtengeschäft wahrnehmen.

Die Schlüsselergebnisse sind:

Auch nach der Leveson-Untersuchung überschreiten britische Journalisten immer noch häufig Grenzen, um an eine Geschichte zu kommen.

53 Prozent sind der Meinung, dass es gerechtfertigt sei, für vertrauliche Informationen zu bezahlen, solange sie dem öffentlichen Interesse dienen – verglichen mit nur fünf Prozent der amerikanischen Journalisten. 81 Prozent glauben außerdem, dass es in Ordnung sei, für solche Geschichten vertrauliche Geschäfts- oder Regierungsdokumente ohne Erlaubnis zu benutzen. In den USA stimmen dem nur 58 Prozent der Journalisten zu.

Über die Hälfte der befragten Journalisten arbeitet mittlerweile online.

Seit 2012 ist der Anteil der Journalisten im Vereinigten Königreich, die im Print-Bereich arbeiten, von 56 auf 44 Prozent gefallen, während gleichzeitig die Zahl der Online-Journalisten von 26 auf 52 Prozent gestiegen ist. Allerdings werden die ausschließlich für Online tätigen Journalisten schlechter bezahlt als ihre Print-Kollegen.

86 Prozent der Journalisten denken, dass sie weniger Zeit für die Recherche haben.

Der Studie zufolge könnte der Online-Journalismus zum Teil dafür verantwortlich sein: Journalisten, die auch für Online arbeiten, produzieren 71 Prozent mehr Beiträge als ihre Print-Kollegen und Journalisten, die ausschließlich für Online-Medien arbeiten, sogar 186 Prozent mehr.

Es glauben fast doppelt so viele Journalisten, dass ihre redaktionelle Freiheit mit der Zeit eher zurückgegangen, als dass sie gestiegen ist.

Die Studie argumentiert, dass dies am steigenden Einfluss der Zuschauer und der PR liegen könnte. 41 Prozent der befragten Journalisten gaben an, dass Daten und Untersuchungen über die Wünsche des Publikums „sehr“ oder „extrem wichtig“ seien. 61 Prozent haben den Eindruck, dass der Einfluss der PR-Branche in den vergangenen fünf Jahren gestiegen sei.

77 Prozent der Journalisten halten die Rolle des außenstehenden Beobachters für „sehr wichtig“ oder „extrem wichtig“.

Die Mehrheit der befragten Journalisten sieht das „Informieren des Publikums“ als wichtigste Aufgabe von Journalisten an. Auf den nächsten Plätzen folgen „Genauigkeit“, „die Mächtigen zur Verantwortung ziehen“, „Unterhaltung“ und „die Wahrheit aussprechen“. Eine Minderheit der Befragten gab an, dass die „Beeinflussung der politischen Agenda“, „Gegner der Regierung zu sein“ oder die „Unterstützung der nationalen Entwicklung“ ebenfalls wichtige Rollen und Aufgaben für Journalisten seien.

Die Hälfte der befragten Journalisten beschreibt ihre politische Position als „links“.

Ungefähr die Hälfte der Journalisten gab an, dass sie sich links der Mitte sehen. Die andere Hälfte verteilte sich auf die Mitte und rechts gerichtet, wobei sich rechtsgerichtete politische Ansichten vermehrt in den höheren Altersgruppen fanden.

45 Prozent der Journalisten im Vereinigten Königreich sehen es als „sehr“ oder „extrem“ wichtig an, Nachrichten zu verbreiten, die ein größtmögliches Publikum anziehen.

Dieser Anteil ist höher als der bei einer Befragung von US-Journalisten vor sechs Jahren. Die Autoren der Studie vermuten, dass dies zum Teil durch den gestiegenen finanziellen Druck auf den Journalismus zu erklären sei. 77 Prozent der Journalisten gaben an, dass sie das Gefühl haben, dass ihr Job mehr vom Druck, Gewinne zu erzielen, beeinflusst wird als noch fünf Jahre zuvor. 66 Prozent sagen dasselbe über Werbung.

Journalisten vertrauen religiösen Anführern und Gewerkschaften kaum.

76 Prozent der Journalisten denken, dass Religion wenig oder gar keinen Einfluss auf ihre Arbeit hat und 61 Prozent gehören keiner formellen Religion an. Dieser Prozentsatz ist geringer als in der übrigen Bevölkerung. Journalisten glauben religiösen Anführern und Gewerkschaften weniger als dem Parlament, der Polizei und dem Militär – obgleich Politiker und politische Parteien ganz am Ende ihrer Liste stehen.

Ein hoher und wachsender Anteil der Journalisten lernt das Handwerk an einer Universität.

64 Prozent derjenigen, die in den vergangenen fünf Jahren im Journalismus angefangen haben, haben einen Abschluss in Journalistik oder einem verwandten Feld – in der vorigen Fünfjahresspanne waren es 51 Prozent der Journalisten. Nur 41 Prozent aller arbeitenden Journalisten haben einen Abschluss mit Bezug zum Journalismus.

83 Prozent der Journalisten in ihren Mit- und Endzwanzigern verdienen weniger als 29.000 Pfund (ca. 37.000 Euro).

Die Befragung zeigt, dass junge Journalisten trotz ihrer formal höheren Qualifikation relativ schlecht bezahlt werden. Ungefähr 20 Prozent von ihnen verdienen jährlich weniger als 19.200 Pfund brutto (ca. 25.000 Euro). Das bedeutet, dass ihr Einkommen nah am oder sogar unter dem Existenzminimum liegt.

„Unsere Studie zeigt den steigenden Druck, dem der Journalismus aufgrund von sozialen, ökonomischen und technischen Veränderungen ausgesetzt ist“, sagt Neil Thurman, Hauptautor der Studie. Allerdings zeige die Studie auch, so Thurmann weiter, dass trotz alledem und auch trotz den Auswirkungen der Leveson-Untersuchung, dass Journalisten im Vereinigten Königreich immer noch aggressiver in ihrer Verfolgung von wichtigen Geschichten sind als die US-Medien.

Neben Dr. Neil Thurman, Professor für Kommunikationswissenschaft an der LMU in München waren Dr. Alessio Cornia, Research Fellow am Reuters Institute for the Study of Journalism an der Universität Oxford, und Dr. Jessica Kunert, Post-Doc Forscherin an der LMU, an der Studie beteiligt. Die Befragung der Journalisten wurde zwischen dem 7. und 31. Dezember 2015 durchgeführt.

Die Studie ist zum Download verfügbar (auf Englisch)

Original-Artikel auf Englisch: What Journalists Think About Ethics, Objectivity, Politics, PR… And Pay

Übersetzt aus dem Englischen von Lena Christin Ohm

Bildquelle: Reuters Institute

 

 

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