Welchen Medien glauben Russlanddeutsche?

14. November 2016 • Forschung aus 1. Hand, Qualität & Ethik • von

Der angebliche Vergewaltigungsfall des russlanddeutschen Mädchens Lisa löste eine Debatte darüber aus, inwiefern Russlanddeutsche eher russischen als deutschen Medien glauben. Eine Studie liefert nun Antworten darauf.

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Artikel von Spiegel Online vom 29. Januar 2016 über den Fall Lisa.

Das russlanddeutsche Mädchen Lisa soll im Januar von Flüchtlingen entführt, festgehalten und vergewaltigt worden sein. Das berichtete zumindest der russische staatliche Fernsehsender „Perwyj Kanal“. Das Bild der Russlanddeutschen prägte in deutschen Medien daraufhin besonders eines: die bundesweiten Demonstrationen gegen Flüchtlinge als Reaktion auf den angeblichen Vergewaltigungsfall. Waren die Proteste ein Zeichen dafür, dass die Russlanddeutschen dem Bericht des russischen Fernsehens geglaubt haben? Denn die Berliner Polizei hatte zu diesem Zeitpunkt schon längst klargestellt, dass es keine Vergewaltigung gegeben hatte.

Einige Tausend Demonstranten stellen zwar nicht den Großteil der rund 3,1 Millionen Menschen dar, die als Aussiedler oder Spätaussiedler unter anderem aus den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen sind, doch die Demonstranten bestimmten das Bild der Russlanddeutschen in der deutschen Öffentlichkeit. Dort fand auch bereits eine Debatte darüber statt, dass die Russlanddeutschen in Deutschland vor allem dem russischen Fernsehen glauben, das gerade in Zeiten der sogenannten Flüchtlingskrise stark polarisiert.

Eine Studie zeigt aber: Russlanddeutsche haben bei der Berichterstattung zum sogenannten „Fall Lisa“ eher den deutschen als russischen Medien geglaubt. Das ist das Ergebnis einer Umfrage unter Russlanddeutschen, die die Autorin für ihre Bachelorarbeit durchgeführt hat. Der Titel: „Nach dem Fall Lisa: Die Glaubwürdigkeit deutscher und russischer Nachrichtenmedien im Vergleich“.

Glaubwürdig, aber nicht wahr?

Der wissenschaftlichen Definition zufolge ist Glaubwürdigkeit eine subjektive Eigenschaft, die beispielsweise ein Zuschauer einer Fernsehsendung zuschreibt. Das heißt, dass auch ein Fernsehbericht für glaubwürdig gehalten werden kann, obwohl die Aussagen darin nicht wahr sind, was gerade für die Berichterstattung zum „Fall Lisa“ relevant ist. Befragt wurden 117 Russlanddeutsche, also Menschen, die als Aussiedler oder Spätaussiedler aus den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen sind sowie deren Nachkommen.

Das zentrale Ergebnis der Studie: Die befragten Russlanddeutschen halten eher deutsche Nachrichtenmedien für glaubwürdig. Zwar ist diese Glaubwürdigkeit auch nicht richtig überzeugend, liegt jedoch im Vergleich zur Glaubwürdigkeit russischer Medien auf jeden Fall höher. Das gilt sowohl für das ganze Mediensystem als auch für einzelne Mediengattungen. Fast 60 Prozent der Befragten halten deutsche Medien alles in allem für glaubwürdig. Als Gründe dafür nennen sie die Orientierung in der Vielfalt an Themen, die deutsche Medien bieten, sowie eine Berichterstattung aus mehreren Blickwinkeln. Nur rund 17 Prozent bezeichnen russische Medien als insgesamt glaubwürdig. Hier war der meistgenannte Grund, dass russische Medien die Sorgen und Ängste der Bevölkerung aufgriffen. Gründe für die Unglaubwürdigkeit deutscher Medien waren eine einseitige Berichterstattung und bei russischen Medien eine Beeinflussung von der Politik.

Allerdings haben insgesamt nicht sehr viele Teilnehmer der Umfrage die russischen Medien bewertet, da sie diese viel weniger konsumieren als deutsche Medien. Mehr als 90 Prozent der Befragten nutzen deutsche Medien mindestens mehrmals pro Woche. Bei russischen Medien sind es nur 34 Prozent. Dass Russlanddeutsche zum Großteil deutsche Medien nutzen, ist typisch. Schon frühere Aufsätze bestätigen das, beispielsweise der Forschungsbericht zu (Spät-)Aussiedlern in Deutschland des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge, in dem mehrere Studien zusammengefasst wurden.

Nicht auf deutsche Medien angewiesen

Natürlich haben Russlanddeutsche wie auch andere Migranten den Vorteil, dass sie aufgrund ihrer Mehrsprachigkeit nicht nur auf deutsche Medien als Informationsquelle angewiesen sind. Der Empfang ausländischer Medien ist in Deutschland dank Kabel, Satellit und vor allem auch wegen des Internets gar kein Problem mehr.

Ein Grund dafür, dass Zuwanderer auf Medien aus ihrem Herkunftsland zurückgreifen, können fehlende Deutschkenntnisse sein. Bei Russlanddeutschen ist das aber eher kein Problem: Sie können im Vergleich zu anderen Migranten verhältnismäßig gut Deutsch. Das gilt auch für diejenigen, die in der aktuellen Studie befragt wurden: Rund 74 Prozent von ihnen haben ihre eigenen Deutschkenntnisse als „sehr gut“ eingestuft.

Viele Zuwanderer können durch Medien auch eine Verbindung zum Herkunftsland aufrechterhalten, gerade bei türkischen Migranten ist das häufig so. Bei Russlanddeutschen sieht das aber meist anders aus, da sie als „Vertriebene deutscher Volkszugehörigkeit“ nach Deutschland gekommen sind und sich daher häufig als Rückkehrer in eine Art Heimatland fühlen. Ihre Vorfahren waren nämlich Deutsche, die sich im 18. Jahrhundert zum Arbeiten in Russland angesiedelt hatten. Auch in der hier genannten Studie hat mehr als die Hälfte der Russlanddeutschen angegeben, sich mit Deutschland heimatlich verbunden zu fühlen.

„Fall Lisa“: Den Medien nicht geglaubt

Bezogen auf den „Fall Lisa“ ist das Ergebnis der für die Bachelorarbeit durchgeführten Umfrage, dass Russlanddeutsche eher den deutschen als den russischen Medien geglaubt haben und diese auch für glaubwürdiger hielten. Interessant ist aber, dass rund 21 Prozent weder deutschen noch russischen Medien geglaubt haben. Bei der Frage danach, welchen Medien geglaubt wurde, wurde das am zweithäufigsten genannt. Das spricht dafür, dass die Medienberichte über den Vorfall eine große Verunsicherung ausgelöst haben, was eventuell an der sich widersprechenden Berichterstattung deutscher und russischer Medien liegen könnte. Diejenigen Russlanddeutschen, die angaben, weder den deutschen noch den russischen Medien im „Fall Lisa“ geglaubt zu haben, nannten als einen Grund, dass der Konflikt aufgebauscht wurde.

Die Ergebnisse dieser Umfrage sind zwar nicht repräsentativ für die Gruppe der Russlanddeutschen in Deutschland, da die Befragten unter anderem überdurchschnittlich gut gebildet sind, aber insgesamt stimmen beispielsweise die Daten zur Mediennutzung mit früheren Studien überein. Deshalb kann man durchaus vermuten, dass deutsche Medien unter Russlanddeutschen auch einen durchaus höheren Stellenwert haben als russische Medien. Doch trotzdem bleibt die Frage offen, wie groß der Einfluss russischer Medien auf die hier lebenden Russlanddeutschen tatsächlich ist. Denn die Anti-Flüchtlings-Demonstrationen von Russlanddeutschen bleiben im Gedächtnis.

Bildquelle: Screenshot Spiegel Online vom 29. Januar 2016

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