Wer misstraut den Medien?

5. September 2016 • Qualität & Ethik • von

Immer wieder wird über das gesunkene Vertrauen der Deutschen in die Medien berichtet. Wie die Daten des Eurobarometers zeigen, hat das Misstrauen in die Medien 2015 im Vergleich zum Vorjahr tatsächlich zugenommen, es sind aber nicht „die Deutschen“, sondern vielmehr spezifische Bevölkerungsgruppen, die skeptisch gegenüber den Medien eingestellt sind.

skeptisch

Vor allem bei jungen Menschen ist das Misstrauen in die Medien drastisch gestiegen.

Der Anteil der Menschen, die der Presse misstrauen, ist im Jahr 2015 auf 49 Prozent angestiegen. Das sind vier Prozent mehr als im Vorjahr. Über einen Zeitraum von 15 Jahren gesehen ist das nicht dramatisch, es gab auch schon erheblich schlechtere Werte. Auch das Misstrauen in den Rundfunk ist 2015 gestiegen, liegt aber auf einem niedrigeren Niveau als das Misstrauen in die Presse. 37,3 Prozent der Menschen misstrauen demnach 2015 dem Radio und 43,3 Prozent dem Fernsehen. Das ist ein Anstieg von 8,7 Prozentpunkten beim Radio und 6,4 Prozentpunkten beim Fernsehen gegenüber 2014. Die Aussage, dass „die Deutschen“ den Medien zunehmend stärker misstrauen, ist jedoch sehr unspezifisch und verallgemeinert. Das gesunkene Medienvertrauen 2015 lässt sich stattdessen spezifischer auf einzelne Bevölkerungsgruppen zurückführen. Die Ursachen für den Anstieg des Misstrauens in die Presse werden in Alter, Geschlecht, in der Wahrnehmung der wirtschaftlichen Situation, in der Einstellung gegenüber Parteien und in der politischen Position der Befragten gesucht.

Hierfür wurde auf Daten des Eurobarometers zurückgegriffen. Es handelt sich hierbei um eine jährliche Bevölkerungsbefragung im Auftrag der Europäischen Kommission, die von Umfrageinstituten in den Mitgliedsländern der EU erhoben wird. Für jede Umfrage werden pro Mitgliedstaat etwa 1000 EU-Bürger im Alter ab 15 Jahren befragt. Der komplette Datensatz zur Befragung im November 2015 wurde im Mai 2016 veröffentlicht. Er beinhaltet neben der Frage nach dem Medienvertrauen auch weitere Fragen zu politischen Einstellungen und Sozio-Demografie. Diese wurden hier mit Ergebnissen aus dem November 2014 verglichen und zeigen, wer den Medien stärker misstraut als im Vorjahr.

Bei jungen Menschen ist das Misstrauen drastisch gestiegen

Betrachtet man zunächst das Medienvertrauen im Hinblick auf das Alter der Befragten, zeigt sich, dass vor allem jüngere Befragte der Presse besonders häufig misstrauen. Waren es im Jahr 2014 noch vor allem ältere Menschen im Alter zwischen 55 und 64 Jahren, die der Presse am häufigsten ihr Misstrauen aussprachen, so sind es 2015 jüngere Befragte im Alter zwischen 25 und 34 Jahren. Keine andere Altersgruppe misstraut der Presse so stark. Der Anteil unter ihnen, der der Presse misstraut, stieg binnen eines Jahres von 47,1 Prozent im Jahr 2014 auf 62,4 Prozent im Jahr 2015. Das ist ein Anstieg um 15,3 Prozentpunkte und der größte Anstieg im Vergleich zwischen allen Altersgruppen. Auch bei den 15 bis 24-jährigen stieg das Misstrauen um 7,6 Prozentpunkte. Bei den älteren Befragten gab es ebenfalls einen Anstieg, er ist jedoch teilweise erheblich geringer. Offensichtlich sind es also vor allem jüngere Menschen, die der Presse zunehmend weniger vertrauen.

Diese Entwicklung ist auch gegenüber dem Rundfunk erkennbar: Bei den 25 bis 34-Jährigen ist eine sehr starke Zunahme des Misstrauens gegenüber Radio und Fernsehen erkennbar. Sie sind 2015 die Altersgruppe, die Radio und Fernsehen am stärksten misstraut. 54,3 Prozent der 25-34-Jährigen misstrauen dem Fernsehen, 49,1 Prozent dem Radio. Die Zunahme des Misstrauens ist in dieser Altersgruppe am stärksten: mit 17,7 Prozent bei Radio und 14,9 Prozent beim Fernsehen.

Eurobarometer_1

Das Geschlecht der Befragten spielt indes eine weniger große Rolle. Das Misstrauen ist bei Frauen etwas stärker ausgeprägt bezüglich der Presse. 2015 misstrauen 53,4 Prozent der Frauen der Presse. Das sind 6,4 Prozent mehr als im Vorjahr. Unter den befragten Männern misstrauen 50,3 Prozent der Presse im Jahr 2015 ‒ ein Anstieg um fünf Prozent. Der Unterschied des Anstiegs zwischen den Geschlechtern beträgt somit nur 1,4 Prozentpunkte. Beim Rundfunk misstrauen die Männer etwas stärker, 38,3 Prozent der Männer misstrauen dem Radio (zwei Prozent mehr als bei den Frauen), 43,9 Prozent dem Fernsehen (1,1 Prozent mehr als bei den Frauen). Der Unterschied im Misstrauen zwischen den Geschlechtern ist also beim Radio am größten. Hier gab es auch den stärksten Anstieg des Misstrauens: Um 9,3 Prozentpunkte ist das Misstrauen der Männer gegenüber dem Radio zwischen 2014 und 2015 angestiegen.

Wer Parteien misstraut, misstraut auch der Presse

Medienvertrauen hängt mit dem grundsätzlichen Vertrauen in demokratische Institutionen zusammen, zeigten bereits Ländervergleichs-Studien (vgl. u.a. Tsfati/Ariely 2013). Zentrale Institutionen in der parlamentarischen Demokratie sind die Parteien. Ihnen wird in Deutschland zunehmend stark misstraut. 2015 gaben 71,4 Prozent der Befragten an, den Parteien zu misstrauen. Das sind 0,5 Prozent mehr als im Vorjahr.

Bei jenen Befragten, die den Parteien vertrauen, ist das Misstrauen in die Presse auf einem geringen Niveau und im Jahr 2015 sogar noch einmal gesunken ‒ von 21,2 Prozent im Jahr 2014 um 1,3 Prozentpunkte auf 19,9 Prozent im Jahr 2015. Misstrauen die Befragten jedoch den Parteien, so ist auch das Misstrauen in die Presse groß und im Jahr 2015 stark angewachsen ‒ um acht Prozentpunkte auf 63 Prozent der Befragten.

Ähnlich verhält es sich auch gegenüber dem Rundfunk. Bei jenen, die Parteien eher misstrauen, misstrauen auch 46,7 Prozent dem Radio: Ein Anstieg um 11 Prozent. 53,7 Prozent dieser Befragten misstrauen dem Fernsehen: ein Anstieg um 9,3 Prozent.

Die Menschen, die also nicht mehr von Parteien erreicht werden und sich von diesen abwenden, wenden sich auch von den Medien ab. Steigt das Misstrauen in die Parteien, steigt es auch gegenüber den Medien. Können hingegen Parteien die Menschen erreichen, profitieren davon auch andere demokratische Institutionen.

Eurobarometer_2

Im Vergleich zwischen den politischen Lagern sind es vor allem Befragte, die sich als politisch rechts einordnen, die der Presse und dem Rundfunk besonders stark misstrauen. Im Rechts-Links-Spektrum, in das sich die Befragten selbst einordnen konnten, ist der Anstieg des Misstrauens im Jahr 2015 bei den Rechten besonders stark. Es stieg gegenüber der Presse um 19,6 Prozent auf 82,1 Prozent. Gegenüber dem Radio um 27,7 Prozent auf 71,4 Prozent und gegenüber dem Fernsehen um 21 Prozent auf 67,9 Prozent. Der Anteil der Rechten an der Gesamtzahl der Befragten hat im Jahr 2015 hingegen leicht abgenommen, von zwei auf 1,8 Prozent. Die Befragten, die sich auch im Jahr 2015 als rechts einordnen, zeigen jedoch eine deutlich drastischere Ablehnung als im Vorjahr. Hier hat es eine erkennbare Verschärfung gegeben.

Auch in der politischen Mitte kam es zu einer Steigerung des Misstrauens gegenüber der Presse ‒ um 6,8 Prozent auf 51,3 Prozent und somit auf über die Hälfte der Befragten. Auch das Radio hat stark an Vertrauen verloren. Um 13,1 Prozentpunkte ist der Anteil der Befragten gestiegen, die dem Radio misstrauen. Erkennbar ist, dass politisch Extreme auf der linken Seite des politischen Spektrums zwar auch ein stärkeres Misstrauen gegenüber den Medien haben, als es in der politischen Mitte der Fall ist; es ist allerdings überraschend, dass sie Presse und Rundfunk im Jahr 2015 weniger stark misstrauen als im Vorjahr. Es gab einen Rückgang des Misstrauens gegenüber der Presse um 3,6 Prozent, um 3 Prozent gegenüber dem Radio und um 1,5 Prozent gegenüber dem Fernsehen.

Die Rolle der Flüchtlingskrise in Deutschland als Katalysator zur Radikalisierung der politischen Rechten und zur verstärkten Kritik der politischen Mitte an den politischen Institutionen kann nur durch einen zeitlichen Vergleich aufgezeigt werden. Die Frage, ob die Befragten einverstanden damit sind, dass ihr Land Flüchtlingen hilft, wurde jedoch 2015 erstmals im Eurobarometer-Fragebogen gestellt, so dass ein Vergleich derzeit nicht möglich ist.

Es zeigt sich jedoch, dass Menschen, die sich gegen die Hilfe für Flüchtlinge aussprechen, zu einem erheblichen Anteil auch den Medien misstrauen. 85,5 Prozent der Befragten, die völlig, und 71,9 Prozent der Befragten, die teilweise der Aussage widersprechen, dass Flüchtlingen geholfen werden sollte durch ihr Land, misstrauen auch der Presse. Auch der Anteil der Befragten, die dem Rundfunk misstrauen, ist bei jenen, die sich gegen die Hilfe für Flüchtlinge positionieren, am größten.

Eurobarometer_3

Medienvertrauen kann daher nicht losgelöst von politischen Stimmungen und der Haltung gegenüber der Demokratie bewertet werden. So geht die Zunahme des Misstrauens gegenüber den Medien vor allen Dingen von den Menschen aus, die den Parteien misstrauen, sich gegen Flüchtlingshilfe positionieren und eher am rechten Rand des politischen Spektrums beheimatet sind.

Mehr Misstrauen bei schlechter wirtschaftlicher Situation

Als weitere möglich Erklärung für sinkendes Medienvertrauen wird die wirtschaftliche Situation betrachtet. So wurde in der Forschung bereits gezeigt, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Vertrauen in demokratische Institutionen und der wirtschaftlichen Situation eines Landes gibt (vgl. Zmerli/Newton/Montero 2006). Nur beurteilen die Befragten im Eurobarometer 2015 ihre private finanzielle Situation besser als 2014. Der Anteil der Befragten, die ihre eigene Situation als sehr gut bezeichnen, ist um 4,2 Prozentpunkte auf 14,9 Prozent angestiegen. Und weniger Befragte beurteilen ihre Lage 2015 sehr schlecht ‒ nur 2,5 Prozent (ein Prozent weniger als im Vorjahr) ‒ oder eher schlecht ‒ 15,9 Prozent (0,7 Prozent weniger als im Vorjahr).

Doch trotz der Tatsache, dass es vielen Menschen im Jahr 2015 wirtschaftlich besser geht, ist das Misstrauen in die Medien bei jenen, denen es wirtschaftlich schlechter geht, enorm gestiegen. Befragte, die ihre finanzielle Situation als eher schlecht beurteilen, misstrauen zu 70,3 Prozent der Presse. Bei jenen, die ihre Lage als sehr schlecht beurteilen, sind es sogar 78,9 Prozent. Das sind bei beiden Gruppen 9,3 Prozent mehr als im Vorjahr. Bei jenen, die ihre Lage besser beurteilen, ist das Misstrauen auch gestiegen, allerdings weniger stark und auf einem niedrigeren Niveau. Auch gegenüber dem Rundfunk ist das Misstrauen bei den Befragten besonders hoch, denen es nach eigener Einschätzung wirtschaftlich schlecht geht. Der Anstieg beträgt im Vergleich zum Vorjahr jeweils über zehn Prozent.

Eurobarometer_4

Obwohl also weniger Menschen nach eigener Aussage in einer schlechten finanziellen Lage sind, sinkt das Medienvertrauen ‒ auch weil sich das Misstrauen bei jenen, denen es schlecht geht, verschärft. Es entsteht der Eindruck, dass jene 18,4 Prozent der Bevölkerung sich abgehängt fühlen von Wohlstand, Demokratie und Teilhabe und darauf auch mit einer stärkeren Ablehnung der Medien reagieren.

Die vertiefte Analyse zeigt: Es sind nicht „die Deutschen“, die den Medien zunehmend misstrauen. Es sind spezifische Gruppen, auf die sinkendes Medienvertrauen zurückgeführt werden kann. Erkennbar ist ein Einfluss der wirtschaftlichen Situation, der politischen Einstellung und des Alters auf das Medienvertrauen. Eine Zunahme des Misstrauens gegenüber den Medien gibt es vor allem bei Menschen, die jünger als 35 Jahre alt sind, ihre eigene wirtschaftliche Lage als schlecht beurteilen, den Parteien misstrauen, sich gegen Flüchtlinge positionieren und eher am rechten Rand des politischen Spektrums beheimatet sind.

Literatur:

Tsfati, Yariv/Ariely, Gal (2013): Individual and contextual correlates of trust in media across 44 countries, in: Communication Research 20 (10), S. 1-23.

Zmerli, Sonja/Newton, Kenneth/Montero, José Ramon (2006): Trust in People, Confidence in Political Institutions, and Satisfaction with Democracy, in: Jan W. van Deth/José Ramon Montero/Anders Westholm (Hrsg.): Citizenship and Involvement among the Populations of European Democracies, London, S. 35-65.

 

Bildquelle: Funky Chickens / Flickr CC: Sceptical; Lizenzbedingungen: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/2.0/

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  • Anderer Max

    Das Problem ist doch, dass die Leute, die “Vertrauen zu den Medien verloren haben” (aka. Lüschenbrässä-Schreier) ein so abgeschlossenes Weltbild haben, dass jede Meldung aus den Medien als automatisch als falsch weil systemgesteuert und Verschwörung gegen die eigene Meinung gesehen wird – Sofern sie einem nicht passt!
    Dann kommen die Alternativen medien ins Spiel (Kopp, etc.), denen dann vorbehaltlos geglaubt wird, weil sie “auf der richtigen Seite stehen”, sprich die eigene Meinung unterstreichen.
    Wenn die Schreihälse also von der “Systempresse”, etc. sprechen, meinen sie eigentlich nur die Medien, die nicht ihrer Meinung sind.
    Das ist dann das Gegenteil von Meinungfreiheit, auch wenn die “alternativen” Medien behaupten, es sein ein Kampf für Meinungfreiheit.
    Meiningsfreiheit bedeutet nämlich auch, Gegenrede zu ertragen und zu Akzeptieren, dass einem nicht jeder zuhört.

  • The Mgt.

    Ich glaube, es ist nicht zielführend, Bürger, die Vertrauen in die Medien verloren haben, als “Schreihälse” abzutun. Ebenso könnte man den Edeljournalisten Arroganz vorwerfen: alle, die nicht ihre Meinung teilen, sind “Lüschenbrässä-Schreier”. Als elitäre Edelfeder kann man da mühelos 40, 50, 60% Ablehnung und mehr verkraften. Das ist halt der ungebildete Pöbel, für den man ohnehin nicht schreiben will.
    Es sollte eher um die Gründe der Unzufriedenheit gehen und da fallen mir etliche Beispiele ein, warum ich die Medien zunehmend skeptisch sehe:
    Ungeprüftes Übernehmen von Pressemitteilungen von Interessengruppen,
    mangelhafte (oder gar keine) Recherche,
    mangelhafte Transparenz (z.B. Auswahl von Quellen und Interviewpartnern),
    mangelhafte Offenlegung von Interessenkonflikten (“der Autor ist Mitglied der Partei XX und Vorsitzender des Lobbyverbands YY” findet man selten),
    mangelhafte Trennung von Berichterstattung und Meinung
    Ich habe in meinem Spezialgebiet, das ich beurteilen kann (nicht Politik!), so viel opportunistischen Unsinn (auch in den sogenannten “Qualitätsmedien”) gesehen, dass Misstrauen mehr als angebracht ist.

  • BrunoXX

    Das Problem an der Sache ist, das es ja gerade die Mainstream-Medien (das ist jetzt nicht abfällig gemeint) die Meinung von anderen nicht akzeptieren. Sie stellen Ihre Meinung als das einzig richtige da und jeden der anderen Meinung ist, ist ein Nazi, Rechter oder Spinner. Ist eben alles alternativlos……

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