Wie italienische Zeitungen über Korruption berichten

18. Oktober 2017 • Aktuelle Beiträge, Internationales, Qualität & Ethik • von

„Die italienische Politik beruht auf Korruption”. Diese Behauptung wiederholen die wichtigsten Nachrichtenkanäle Italiens wie ein Mantra – und inzwischen ist die italienische Gesellschaft davon quasi überzeugt. Vor allem in den vergangenen Jahren wurde hinter jeder politischen Entscheidung Bestechung oder irgendeine Form des illegalen Austauschs vermutet. Ziel unserer Studie war es herauszufinden, ob diese starke Wahrnehmung von Korruption zumindest teilweise auf die Art der Medienberichterstattung zurückzuführen ist.

Dass das Korruptionsniveau in Italien im Vergleich zu anderen europäischen Ländern anormal groß ist, beweisen der jährliche Index von Transparency International, mehrere Berichte des Eurobarometers und zahlreiche wissenschaftliche Recherchen, die dieses Problem statistischuntersucht haben. Dennoch könnten einige strukturelle Besonderheiten des italienischen MediensystemsVerzerrungen in der journalistischen Darstellung bewirkt haben.

Wenn sie über Korruption berichten, sprechen die italienischen Zeitungen vom „dicken Bauch“ der Italiener und betonen in populistischer Rhetorik den Unterschied zwischen den „ehrlichen Bürgern“ und der „korrupten Elite“. Die Berichterstattung über Korruption nährt tatsächlich einen populismo penale*, eine manchmal politisch motivierte Instrumentalisierung von Verbrechen mit dem Ziel, in der öffentlichen Meinung soziale Ängste zu schüren, die nicht immer fundiert sind. In der Vergangenheit tauchte der populismo penale in Verbindung mit verschiedenen Themen, von der Mikrokriminalität bis hin zur illegalen Einwanderung, auf. Nach besonders eklatanten Ereignissen, die die öffentliche Aufmerksamkeit erregen, konzentrieren Journalisten sich auf ein bestimmtes gesellschaftliches Problem, indem sie eine Atmosphäre der Besorgnis und Unruhe verbreiten, selbst wenn kein echter Notfall vorliegt. Unsere Studie zeigt, dass der populismo penale in Italien auch das Thema Korruption erfasst hat.

Die Analyse basiert auf vier nationalen Zeitungen (Corriere della SeraLa RepubblicaIl Giornale und Il Sole 24 Ore) und untersucht, wie diese das Thema Korruption während eines Zeitraums von zwölf Jahren (2004-2015) behandelt haben. Wir haben uns auf drei hauptsächliche Parameter zur Feststellung des populismo penale konzentriert: die Nichtbeachtung von Statistiken, Glamourisierung und Politisierung der Antikorruption.

Das erste Kriterium bezieht sich auf einen Typ der Narration, der keine statistischen Daten enthält. Das Ausmaß der Berichterstattung und das tatschliche Ausmaß des Phänomens stimmen nicht überein. Das zeigt sich, wenn die Anzahl der Jahr für Jahr in den vier Zeitungen veröffentlichten Artikel mit den Daten des Instituts für angewandte Statistik (Istat) zur Anzahl der Anzeigen aufgrund von Korruptionsdelikten verglichen werden. Vor allem zwischen 2009 und 2011 ist ein bedeutender Anstieg der Artikel über Korruption zu verzeichnen (2391 Artikel 2009 vs. 6775 Artikel 2010), dies geht aber nicht mit einem Anstieg der Korruptionsdelikte einher. Tatsächlich wurden in diesen Jahren weniger Korruptionsfälle angezeigt (2009: 2565; 2010: 2453). Dies zeigt, dass Journalisten nicht von der wirklichen Tragweite des Problems beeinflusst werden und sich nicht in gleicher Weise für alle Fälle von Korruption interessieren. Sie suchen die großen Skandale, die politische Akteure betreffen, und dramatisieren sie zeitweise auch.

Eben diese Dramatisierung zeichnet die Glamourisierung aus, das zweite Parameter, mit dem wir zeigen wollen, dass ein populismo penale besteht. In einem wettbewerbsorientierten Medienmarkt muss eine Meldung zum Thema Korruption die Öffentlichkeit schockieren, empören oder manchmal unterhalten. Das erhöht ihre Attraktivität für die Rezipienten. Aus diesem Grund werden einzelne Geschehnisse häufig in Geschichten verpackt, die das Ereignis vereinfachen, zugleich aber auch trivialisieren. Die Berichterstattung über Korruption wird zum Melodrama; es gibt immer einen Protagonisten mit Wiedererkennungswert, auf den die Leser ihren Vorwurf richten können.

Bei diesem Protagonisten handelt es sich in den meisten der untersuchten Artikel (knapp 50 Prozent) um einen bestechlichen Politiker, weil er der Allgemeinheit besser bekannt ist als eine anonyme, korrupte Privatperson und daher für Leser interessanter ist. Banker und Geschäftsleute machten zwar die zweitgrößte Gruppe der Hauptakteure aus, kamen aber nur in 13,2 Prozent der Artikel vor. Diese Art der Berichterstattung kann also einen Prozess der Stigmatisierung und Degradierung politischer Akteure in Gang setzen.

Die verschiedenen Zeitungen verallgemeinern oder teilen außerdem nicht die Missbilligung, die durch die Berichterstattung produziert wird. Das dritte Ergebnis unserer Studie ist, dass die Angriffe gegen korrupte Politiker die Parteinahme der italienischen Medien widerspiegeln. Das auffälligste Beispiel dafür stellt die Berichterstattung von La Repubblica dar. Italiens wichtigste Tageszeitung, die mitte-links ausgerichtet ist, veröffentlichte zwischen 2009 und 2011, als die Korruptionsskandale um Berlusconi und seine Mitte-Rechts-Fraktion bekannt wurden, 6215 Artikel zum Thema. Im Corriere della Sera waren es nur 4467, im Giornale 2972 und im Sole 24 Ore 2781.

Nicht nur die Anzahl der Artikel änderte sich in den untersuchten Jahren, sondern auch der Ton, in dem die Zeitungen das Phänomen der Korruption behandeln. Dieser hängt stark von ihrer jeweiligen politischen Ausrichtung ab. Dadurch tragen die Medien zu einer Politisierung der Antikorruption bei: Sanktionsversuche der Justiz oder der Strafverfolgung werden selten einstimmig akzeptiert oder unterstützt; sondern aus der politischen Perspektive der Zeitung interpretiert. Die Ermittlungen, Urteile und Strafen werden zum Inhalt der politischen Konfrontation. Zumindest einige Zeitungen werden noch stark von der Politik beeinflusst. Auch die verschiedenen politischen Gruppierungen nutzen die Korruptionsskandale für ihre Interessen– und finden in den Zeitungen wichtige Verbündete.

Kurz gesagt: Das reale Ausmaß der Korruption und deren Repräsentation in den Medien stimmen nicht immer überein. Die Berichterstattung wird stärker als sonst von einigen besonders aufsehenerregenden Fällen dominiert, da sie so mehr Aufmerksamkeit erzielt. Die Korruptionsfälle bestimmen tagelang die Schlagzeilen auf den Titelseiten und werden in vielen Beitragsarten behandelt. Vor allem aber ziehen die großen Skandale die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die politische Korruption und fungieren als Katalysator für den Vorwurf, die politische Klasse sei korrupt.

Die Öffentlichkeit nimmt so tendenziell nur eine Seite des Problems wahr, nämlich die der korrupten Politiker. Andere Aspekte, die ebenso bedeutend sein könnten, werden übersehen. Vor allem aber können die kontinuierlichen Partisanenangriffeanchmal  auf rechts-, manchmal auf linksgerichtete Politiker ein allgemeines Gefühl des Misstrauens gegenüber der Politik auslösen. So verbreitet sich die Überzeugung, dass alle Bereiche der Politik fragwürdig sind und es sich für Bürger nicht lohnt, sich politisch zu engagieren. Dadurch nähren die Medien letztendlich die Natur der Korruption.

*wörtlich: „krimineller Populismus“; bezieht sich hier auf eine Berichterstattung mit populistischem Unterton

 

Originalversion auf Italienisch: Come i giornali italiani scrivono di corruzione

Übersetzt aus dem Italienischen von Johanna Mack

 

Bildquelle: https://vimeo.com/146784435

 

 

 

 

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