Wohin Leser schauen

5. März 2009 • Qualität & Ethik • von

Erstveröffentlichung: Schweizer Journalist 3 + 4

“Interessiert sich ein Modeschöpfer für die Nierenbeckenentzündung der Teenager, wenn die nabelfrei durch den Winter laufen müssen?”

An diese Frage fühlt sich Michael Haller erinnert, wenn er die handwerklichen Fehler untersucht, die Zeitungsdesignern noch immer unterlaufen. Zusammen mit Norbert Küpper gehört er zu den Pionieren der Forschung, die mit Blickaufzeichnungs-Geräten analysieren, wie die Leseraugen über Zeitungsseiten oder Webpages hinweg wandern. Im letzten Heft von Message (Nr. 1/2009) liefert er zusammen mit Sebastian Feuß (Universität Leipzig) und Peter Schumacher (Universität Trier) eine geballte Ladung neuer Erkenntnisse aus solchen Eyetracking-Experimenten.

Die Blickverlaufs-Messungen zeigten, so Schumacher, dass sich Leser ganz anders verhalten als von den Blattmachern intendiert. Dem Fernsehzuschauer ähnlich, der sich durch die Programme zappt, würde der Blick „über Fotos, Grafiken, Überschriften, Bildunterzeilen oder Zwischenzeilen“ hinweg gleiten, bevor sich der Leser entscheidet, an welcher Stelle er „in einen Artikel einsteigt“. Vor allem Infokästen würden so von den Lesern oft missverstanden – sie erwarteten dort Zusammenfassungen, während Journalisten gerne in Kästen sperriges Zahlen- und Faktenmaterial auslagerten, das den Haupttext ergänzt. Auch Kurzmeldungen und Einspalter erzielten oftmals mehr Aufmerksamkeit, als von den Blattmachern intendiert – „einfach deshalb, weil sie Aktualität versprechen und der Leseaufwand gering ist.

Auch für die Gestaltung von News-Websites gibt Schumacher gute Tips: Weil das Auge auf der Bildschirmseite von oben nach unten wandere, würden sich einspaltige Layouts durchsetzen. Ein zwei- oder gar mehrspaltiger Auftritt möge „zwar für Designer gut aussehen“, werde aber beim Scannen und Scrollen für den Nutzer „ein visueller Hindernislauf“. Statt sich in der Vertikale bewegen zu können, werde das Auge bei solchen Web-Angeboten immer wieder zu „horizontalen Abstechern“ gezwungen.

Quelle: Michael Haller, Design entscheidet; Peter Schumacher, Mit den Augen der Leser; Sebastian Feuß, Auf den ersten Blick – alle drei Beiträge in Message Nr. 1/2009

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