Zahlt sich Sensationsmache aus?

29. November 2017 • Aktuelle Beiträge, Qualität & Ethik • von

Beißt ein Hund einen Mann, berichten die Medien nicht darüber, weil das Ereignis alltäglich und voraussehbar ist. Beißt aber ein Mann einen Hund, ist das eine Story wert. Soll heißen: Jeder journalistische Beitrag braucht einen Aufhänger – etwas Emotionales, Aufsehenerregendes oder Schockierendes – um die Aufmerksamt des Publikums zu erregen.

Bisherige Studien haben gezeigt, dass Medien sich vor allem dann der Sensationsmache bedienen, wenn sie unter wirtschaftlichem Druck stehen. Bislang deutete aber wenig darauf hin, dass sensationsheischende Berichterstattung tatsächlich stärker die Aufmerksamkeit des Publikums erregt und es längerfristig bindet.

Paul Hendriks Vettehen und Mariska Kleemans vom Institut für Verhaltensforschung der Radboud-Universität in den Niederlanden haben nun untersucht, ob Sensationsmache sich auf die Sehdauer von Nachrichten-Videos auswirkt (Proving the Obvious? What Sensationalism Contributes to the Time Spent on News Video).

Die beiden Wissenschaftler haben dafür 190 Teilnehmer auf einer Website bis zu 16 Nachrichtenbeiträge der niederländischen Hauptnachrichtensendung Het Journaal schauen lassen und die Sehdauer pro Beitrag gemessen.

Die Beiträge unterschieden sich in Inhalt und Aufmachung. Acht der gezeigten Videos zeigten negative Inhalte wie Brände, Unfälle, Kriminalität oder Ausschreitungen. Die anderen acht Videos beinhalteten neutrale Themen wie Kultur oder Wirtschaft. Zudem kam die Hälfte der Beiträge in einer boulevardesken Aufmachung daher – sie enthielten zum Beispiel viele unterschiedliche Kameraeinstellungen, Soundeffekte, Musik oder besondere Schnitttechniken. Die andere Hälfte der Nachrichtenbeiträge hatte eine Standardaufmachung. Auch das Alter und Geschlecht der Teilnehmer wurden bei dem Online-Experiment berücksichtigt.

Vettehens und Kleemans Ergebnisse zeigen, dass Sensationsmache im Journalismus zwar durchaus Auswirkungen hat, diese aber nicht so groß sind wie angenommen:

  • Die Videos mit den negativen Inhalten wurden doppelt so lange von den Probanden angeschaut wie die Videos mit den neutralen Inhalten.
  • Auch die boulevardesk aufgemachten Beiträge wurden länger angeschaut als die Standard-Beiträge.
  • Die Videos mit den neutralen Inhalten wie zum Beispiel Kultur und Wirtschaft, die boulevardesk aufgemacht waren, wurden länger angeschaut als die Videos mit den neutralen Inhalten, die standardmäßig aufgemacht waren.

Die Studie bestätigt also generell die Erfahrung, dass sich Blut und Gewalt gut verkaufen, dennoch deuten einige Ergebnisse darauf hin, dass Sensationsmache kein Erfolgsgarant für Medien ist. So brachte den Beiträgen mit den negativen Inhalten eine boulevardeske Aufmachung keine längere Sehdauer ein. Außerdem zogen die Videos, die negative Inhalte hatten und zudem boulevardesk aufgemacht waren, nur wenige ältere Frauen an.

Die Wissenschaftler schlussfolgerten, dass zwar eine boulevardeske Aufmachung die Zuschauer dazu bringe, sich Nachrichtenbeiträge mit neutralen Inhalten länger anzuschauen, sie bei negativen Inhalten aber, für die die Zuschauer sich sowieso schon interessierten, keinen Unterschied mache. Je mehr desto besser gilt hier also nicht.

Originalversion auf Englisch:Do Audiences Prefer Sensational News Stories?

Bildquelle: Public Domain / Screenshots

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