Die Zeitung ohne Redaktion und Defizite der Wissenschaft

22. Mai 2013 • Qualität & Ethik • von

Es ist schwer, Distanz zu den Emotionen zu finden, die Verfahren und Ergebnisse aufwühlen, mit denen die „Westfälische Rundschau“ (WR) aus Dortmund eine neue Runde der Medienvielfalt einleitet. Jetzt gibt es die erste Publizistische Einheit als Zeitung in Deutschland, die ohne eine Redaktion hergestellt wird.

Ohne Vorankündigung bekamen am 15. Januar 2013 alle 120 Redakteurinnen und Redakteure von der Geschäftsführung der WAZ-Mediengruppe in Essen ihre Kündigungen. Etwa ebenso viele freie Journalisten verloren ihre Arbeitsgrundlage. Keine Benachrichtigung vorher, geschweige denn Mitsprache der Redaktion waren den Kündigungen vorausgegangen.

Wirtschaftliche Erwägungen seien der Kündigungsgrund gewesen, behauptet die Geschäftsführung. Ohne Redaktion soll die WR weiterbestehen, nun zusammengefügt aus einem Mantel der Essener „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“ (WAZ) und dem Lokalteil des jeweiligen bisherigen Wettbewerbers, im Fall Dortmund also der „Ruhr-Nachrichten“ (RN). Seit dem 1. Februar 2013 ist diese Hybridzeitung nunmehr zu besichtigen. Das neue Produkt spricht Hohn gegenüber jeder bisherigen Vorstellung, was eine Zeitung sei. Die neue Zeitung liegt so weit jenseits aller früheren Fantasien, dass sie kein Mensch auf der Rechnung hatte, der durchaus die Szenarien von Kooperationen, Konzentrationen und Fusionen in der Zeitungslandschaft kennt.

Defizite in der Wissenschaft

Wer nun denkt, diese radikale Veränderung der Medien durch die Positionierung eines neuen Modells in der Zeitungslandschaft müsse Redaktionen motivieren, perspektivisch in Pro und Contra Ergebnisse und Linien der sich wandelnden Medienkultur öffentlich zur Diskussion zu stellen, wird enttäuscht. Der Journalismus lebt von der Offenheit einer Gesellschaft. Geht es um ihn selbst, bleibt er Gefangener eines geschlossenen Systems. Über die Veränderungen in ihrer Zeitungslandschaft haben die Dortmunder aus ihren Zeitungen so gut wie nichts erfahren. Auch über die massiven Proteste und Demonstrationen erfahren die Leser aus ihren Zeitungen nichts.

Die Chronistenpflicht ist redaktionell vollständig suspendiert worden, eine bittere Folge der Vielfaltserosion. Es bleiben Blogs im Internet. Es bleibt der WDR, der berichtet und in einer öffentlichen Podiumsdiskussion mit Christian Nienhaus der Frage nachgeht: „Wie werden wir uns künftig lokal informieren?“ Nienhaus gibt da zu Protokoll, die Nachrichtenunterdrückung halte er in diesem Fall für völlig in Ordnung. Es entspreche der guten alten Tradition, so argumentiert er, dass über Interna in den Medien nicht berichtet werde.

Interne Entscheidungen mit extrem starken externen Wirkungen sind „aus guter alter Tradition“ Tabus? Das muss Wissenschaftler auf die Palme bringen. Emotional und individuell ist das sicher auch geschehen. Aber mit unserem wissenschaftlichen Wissen tun wir uns schwer, zur öffentlichen Diskussion einen weiter führenden Beitrag zu leisten. Als Wissen können wir die WR-Vorgänge nur schwer verorten und in einen größeren Rahmen der gravierenden Veränderungen unserer medialen Welten stellen. Unsere Wissenschaft erwischt diese unglaubliche Geschichte an einer sehr empfindlichen Stelle. Defizite werden allzu deutlich, wie das System der Medienkommunikation als Gegenstand für die Forschungen klassifiziert ist.

Dreh- und Angelpunkt dieser Defizite ist die Tatsache, dass wir keine Methoden entwickelt haben, um die zentrale Kategorie der pub­lizistischen Vielfalt empirisch erforschen zu können. Folglich fehlt uns das Wissen, um die zu registrierenden Veränderungen der Medienkommunikation in ihren Auswirkungen für die Vielfalt darzustellen. Das ist ein zentrales Problem der empirischen Wissenschaft.

Der Fall WR wirft auf diese wissenschaftlichen Defizite ein grelles Licht. Wir haben die Zeitung ohne Redaktion weder als möglich voraussagen können, noch wissen wir sie richtig in das System der bisherigen Erkenntnisse einzuordnen. Über die Folgen des Falles können wir wissenschaftlich breit aufgestellt kaum fachlich diskutieren, weil schon unsere Klassifikationen der Medienleistungen und Medienstrukturen konfus sind. Methodisch fehlt das Instrumentarium, Probleme der Medienstrukturen und Probleme der journalis­tischen Potenziale in empirischen Aussagen über die publizistische Vielfalt zusammenzuführen. So wundert es nicht, dass aus unseren Fächern Kommentare zu den Dortmunder Vorgängen ausbleiben.

Mit welcher wissenschaftlichen Expertise kann man sich überhaupt auf diesen Fall einlassen? Die Fehlanzeige muss zu einer Neubestimmung wissenschaftlicher Programme führen. Am besten, man geht ganz weit zurück und schaut nach, welche Überlegungen dem Plan der „Enquête über das Zeitungswesen“ zugrunde lagen, die Max Weber 1910 dem ersten Deutschen Soziologentag vorgeschlagen hatte.

Normative Anforderungen an die Medien, professionelle Anforderungen an die Journalisten auf der einen Seite und die Vermessung der Medienprodukte und ihrer Rezeption auf der anderen Seite sind in der Wissenschaft methodisch-empirisch nicht mehr miteinander verbunden. Die erste Seite gehört zu den Normen, die andere Seite zur Empirie. Jenseits der Empirie scheint alles viel zu klar. Wer ist nicht für möglichst ausgeprägte Vielfalt? Wer ist nicht besorgt über Konzentrationen und Fusionen in den Medienbranchen? Wer bestreitet den Wert der journalistischen Unabhängigkeit?

Wer will sich nicht stark machen für die Qualifizierung der Journalisten als Voraussetzung für die Qualitäten im Journalismus? Wer verfolgt nicht mit hoher Anspannung, wie das digitale Zeitalter die medialen Vermittlungen und die öffentlichen Kommunikationsverhältnisse verändert? Wer würde die quantitativen und qualitativen Befunde über gravierende Verschiebungen in der Mediennutzung missachten? Wer hat nicht seine Argumente und Spekulationen, auf welchen Wegen der Journalismus seine gesellschaftliche Reputation in Zukunft erhalten kann? Wer misstraut nicht dem Markt, alle notwendigen Leistungsanforderungen für einen pluralen Journalismus befördern zu können?

Wir haben aber kein empirisches und methodisches Wissen, mit dem wir die laufenden Veränderungen der Medien und in den Medien, mit denen wir die aus Medienstrukturen resultierenden journalistischen Arbeitsergebnisse in Beziehung zu den großen Strukturproblemen setzen können, die es im Verhältnis von Medien und Öffentlichkeit gibt. Maßstab für diese Strukturprobleme ist und bleibt die publizistische Pluralität.

Es gibt Gründe für die Defizite unserer Wissenschaft. Die Fragen, die wir stellen können und überwiegend unwissenschaftlich beantworten, sind nicht neu. Bleiben wir im Bereich der Presse. Seit den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts schleppen wir Messkategorien mit uns, die Aufschluss über den Zeitungsmarkt und seine Vielfaltsformen geben. Wir vermessen die Zeitungen nach Publizistischen Einheiten und Redaktionellen Ausgaben, klassifizieren nach Periodizität und Publizität.

Wir verlassen uns auf Marktdaten der Verlage und zählen Redaktionen. Bilder und Strukturen der Zeitungslandschaft erforschen wir in der Regel nicht selber. Wir übernehmen ungeprüft, was uns an statistischem Material von nicht wissenschaftlichen Instanzen eingereicht wird. Vor allem haben wir darauf verzichtet, die wesentlichen Kategorien der Messungen selber zu definieren oder die Definitionsvorgaben auf ihren empirischen Wert zu überprüfen.

Das 1996 gestrichene Pressestatistikgesetz aus dem Jahr 1975 haben wir mehr oder minder leise akzeptieren müssen, ohne die Anstrengungen zu starten, diesen Verlust durch Schwerpunkte in der eigenen Disziplin zu kompensieren. Wir sind ein Fach geworden, das vollständig abhängig geworden ist von der Kategorienbildung und von den Datensätzen, die Zielen und Zwecken der Medienunternehmen folgen. Wir wussten zwar schon immer, dass die Kehrseite des Tendenzschutzes für Zeitungsverlage deren Intransparenz ist. Aber das hat uns in der Kommunikations- und Medienwissenschaft wenig motiviert, mehr Licht in die geheimnisvolle Dunkelwelt der Medien zu werfen.

Max Weber würde sich im Grab umdrehen, müsste er beobachten, auf welchen Kategorien gestützt heute nach dem Siegeszug der empirischen Wissenschaft in unseren Fächern die Aussagen zur pub­lizistischen Vielfalt entstehen. Realitätsfremd und völlig überholt sind als besonders krasse Beispiele die Kategorien Publizistische Einheit und Redaktionelle Ausgabe. Ihre Definitionen halten in weiten Teilen keiner ernsthaften Prüfung stand. Realitäten zu vermessen setzt aber voraus, die Eigenschaften der zu messenden Realität richtig zu bezeichnen.

Nach unseren wissenschaftlichen Konventionen wird sich die WR weiterhin als Beiträger zur publizistischen Vielfalt schmücken dürfen und einreihen in die Riege der Publizistischen Einheiten. Der Lokalteil der WR in Dortmund ist dann Indiz für eine Redaktionelle Ausgabe und, obgleich von den RN erstellt, wird das gleiche Arbeitsergebnis für die RN dann auch noch einmal als Redaktionelle Ausgabe gezählt. Was in der Realität eine Mogelpackung Zeitung ist, erweist sich beim näheren Hinsehen für die Wissenschaft als ein Skandal.

Perspektiven

Nicht die geballten Kräfte der an zahlreichen Hochschulen etablierten Medien- und Kommunikationswissenschaften – die Journalistik eingeschlossen – arbeiten diesem Skandal entgegen, sondern einsam auf weiter Flur und verlassen von der Einbindung in die großen wissenschaftlichen Diskurse das kleine FORMATT-Institut mit Horst Röper aus Dortmund. Seine Forschungsergebnisse erzeugen Bewegung, legen die Schwachstellen der Vielfaltsbilder offen – auch für die Politik nunmehr zu erkennen. Aus den Hochschulen und Forschungsinstituten hört man indessen wenig bis nichts.

Unser wissenschaftliches Dilemma besteht darin, dass wir kein empirisches Programm entwickelt haben, das uns eine Einschätzung erlaubt, wie es um die publizistische Vielfalt in diesem Land bestellt ist. Es geht in einem empirischen Programm nicht um Glauben, auch nicht um allgemeine Erfahrungen. Es hat vielmehr die medialen Dimensionen des Journalismus auf den unterschiedlichen Marktebenen zu vermessen und zumindest grob die unterschiedlichen Funktionen der Medien für die öffentliche Kommunikation zu berücksichtigen. Der Journalismus in Zeitungen, Hörfunk, Fernsehen und im Internet hat unterschiedliche Potenziale und unterschiedliche Funktionen auf unterschiedlichen Märkten. Beliebige Additionen oder Kompensationen sind nicht möglich, wenn das Konzept publizistische Vielfalt seinen normativen Wert behalten soll.

Ein solches empirisches Programm liegt in unserer Wissenschaft nicht vor. Es ist auch nicht zu erkennen, wo und wie an ihm gearbeitet wird. Es würde die Nützlichkeit unserer Wissenschaft enorm steigern, hätten wir einen nachvollziehbaren Maßstab für die pub­lizistische Vielfalt und könnten mit ihm empirisch Indexwerte für ihre quantitativen Verschiebungen und qualitativen Veränderungen ausweisen.

Mit solchen Indizes ausgestattet wären dann Brücken zu den Forschungsbereichen der Inhaltsanalysen und der Mediennutzungsforschung zu schlagen, in denen unsere Disziplinen traditionell ihre Stärken haben. Wir würden uns dann in die Proteste der Dortmunder Bürger einreihen können, denen eine Zeitung weggenommen wurde, weil man deren Redaktion entlassen hat. Vor allem könnten wir dann zu Protokoll geben, was dieser Fall für die Meinungsvielfalt in Deutschland bedeutet.

Der Beitrag wurde als längere Version im Journalistik Journal Nr. 1 / 2013 erstveröffentlicht.

Print Friendly

Schlagwörter:, , , , , , , , ,

Send this to friend