Zwei Welten in Belgien?

1. Dezember 2011 • Qualität & Ethik • von

Belgische Medien unternehmen keinen Versuch, Flamen und Wallonen füreinander zu interessieren.

Franziska Fiedler von der TU Dortmund hat in ihrer Bachelor-Arbeit analysiert, wie oft die Fernsehnachrichten der beiden öffentlich-rechtlichen Rundfunksender über den jeweils anderen Landesteil berichten: So gut wie gar nicht.

Belgien hält einen traurigen Rekord: Schon seit mehr als 18 Monaten steht das Land ohne Regierung da, weil sich die zersplitterten Parteien aus Flandern und der Wallonie nicht einigen können. Das hat nun auch wirtschaftliche Folgen: Die Rating-Agentur Standard&Poor’s hat die Kreditwürdigkeit Belgiens herabgestuft. Die Agentur traut dem Land nicht mehr zu, den Schuldenberg abzutragen – die Übergangsregierung könne nur kurzfristige Maßnahmen in die Wege leiten.

Selbst die großen politischen Parteien haben sich gespalten – es gibt nun Sozialisten für Flamen und Sozialisten für Wallonen, Grüne für die frankophone Bevölkerung, Grüne für die niederländisch-sprachige Gemeinschaft. Aus diesem Wust an Parteien soll sich nun eine Regierung bilden. Doch das funktioniert nicht. Und noch ein skurriles Beispiel: In Belgien können Studenten ihr Erasmus-Semester, das eigentlich einen Auslandsaufenthalt ermöglichen soll, im eigenen Land absolvieren: So können die Studenten die andere Seite Belgiens kennenlernen. Für viele fühlt sich das nämlich schon wie Ausland an.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist ebenso gespalten. Es gibt VRT (Vlaamse Radio- en Televisieomroep) für die Flamen und RTBF (Radio Télévision Belge Francophone) für die Wallonen. Die beiden Sender haben nicht wirklich viel miteinander zu tun. Sie tauschen lediglich ihre tägliche Agenda per Mail aus – gemeinsame Konferenzen gibt es nicht. Es kann daher vermutet werden, dass sich die Hauptnachrichten im Fernsehen ebenfalls stark unterscheiden. Es wurde daher untersucht, wie oft die Sender über lokale Themen des jeweils anderen Landesteils berichten und wie oft  Beiträge im anderen Landesteil stattfinden. Gleichzeitig wurden die Akteure der Beiträge unter die Lupe genommen: Stammen sie nur aus dem eigenen Landesteil? Kommen auch Personen der anderen Seite zu Wort? Und schließlich: Wie unterscheiden sich die Sendungen thematisch? Werden Themen anders gewichtet oder haben die Sendungen andere Schwerpunkte?

In der größtenteils quantitativen Inhaltsanalyse wurden drei Sendewochen im Mai 2011 untersucht. Insgesamt gingen über 25 Stunden an Nachrichtenmaterial in die Analyse ein. Die Thesen konnten zum Großteil bestätigt werden. So berichten die Sender tatsächlich nur sehr selten über Ereignisse aus dem jeweils anderen Landesteil. Von allen Sendeminuten, die sich eindeutig mit lokaler Berichterstattung befassten, beschäftigten sich beim flämischen Sender VRT nur rund drei Prozent mit Themen aus der Wallonie. Das waren nur rund fünf Minuten der gesamten Sendezeit. Der frankophone Sender RTBF berichtete ebenfalls nur wenig über den Nachbarn: Flämischen Themen wurden insgesamt nur rund elf Minuten gewidmet. Dabei ist auffällig, dass die Sender in keinem Fall über kulturelle Themen des anderen Landesteils berichteten. Die Beiträge befassten sich lediglich mit Streiks, Kriminalität und vermischten Meldungen.

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Analyse der Akteure. Beim flämischen Sender konnte bei 251 Akteuren eine eindeutige Herkunft ermittelt werden. Davon kamen nur 18 aus der Wallonie. Beim frankophonen Sender gehörten nur 39 von 227 Akteuren der flämischen Gemeinschaft an. Es kommen also nur sehr selten Menschen aus dem anderen Landesteil zu Wort.

Auch bei der Themenauswahl bestätigt sich die Hypothese. Die beiden Sender gewichten bestimmte Themen anders. So hatten VRT und RTBF nur in neun von 21 Sendungen das gleiche Thema als Aufmacher. Sieben davon behandelten Auslandsthemen, die offenbar als gleich wichtig eingestuft wurden – so zum Beispiel der Tod Osama Bin Ladens oder die Verhaftung von Dominique Strauss-Kahn. Auffällig ist auch, dass die Sender andere thematische Schwerpunkte setzen. So berichtete der frankophone Sender RTBF insgesamt 67 Minuten über den Fall Strauss-Kahn, VRT nur 28 Minuten. Über den Unfalltod des flämischen Radrennfahrers Wouter Weylandt berichtete wiederum VRT ausführlicher: Während der flämische Sender insgesamt eine halbe Stunde auf das Thema verwendete, war es den Wallonen nur drei Minuten und 18 Sekunden wert.

Die Ergebnisse zeigen, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Belgien klar unterschiedliche Prioritäten setzt und den jeweils anderen Landesteil in der Berichterstattung völlig vernachlässigt. Doch wie soll ein Dialog entstehen, wenn nicht einmal die Medien versuchen, Flamen und Wallonen füreinander zu interessieren? „Was die Gesellschaft über sich weiß, weiß sie aus Veröffentlichungen über sich.“[1] Flamen und Wallonen können demnach nichts übereinander wissen, da die Nachbarn in den Medien nicht dargestellt werden. Dabei sollte es Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks sein, alle Gruppen einer Gesellschaft abzubilden. Die völlige Offenheit für Themen und Akteure ist eine Grundvoraussetzung von Öffentlichkeit. In Belgien gibt es zwei Öffentlichkeiten, die sich immer mehr zu zwei Welten entwickeln.

Damit ganz Belgien in einen Dialog tritt, müssen die Medien ihren Teil dazu beitragen – und es bedarf einem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der in allen Belangen beide Seiten zu Wort kommen lässt. Aktuell ist das nicht der Fall.


[1]   Marcinkowski, Frank (1993): Publizistik als autopoietisches System. Politik und Massenmedien. Eine systemtheoretische Analyse. Opladen. S. 120.
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