Der Kampf der Breie

15. September 2017 • Redaktion & Ökonomie • von

Zentralisierte Zeitungsredaktionen, wie neuerdings bei Tamedia, fördern Qualität und Meinungsvielfalt.

Zuerst etwas deutsche Grammatik. Im Singular heißt es: der Brei. Im Plural heißt es: die Breie.

Damit sind wir mitten in der aktuellen Diskussion der Medienbranche. Es geht um den sogenannten Einheitsbrei.

Im August stellte Tamedia ihr neues Journalismusmodell vor. Für ihre vierzehn bezahlten Zeitungen wie Tages-Anzeiger, Sonntagszeitung, Berner Zeitung, 24 heures und Tribune de Genève gibt es künftig nur noch zwei Redaktionen.

Die zentrale Zürcher Redaktion macht die zehn Deutschschweizer Blätter. Die zentrale Lausanner Redaktion macht die vier Westschweizer Blätter.

Die Titel werden inhaltlich identisch. Autonom stellen sie nur noch ihren Lokalteil her. Eine echt eigenständige Redaktion betreibt bei Tamedia nur noch das Gratisblatt 20 Minuten. Es ist der einzige Titel, der richtig rentiert.

Kaum war das neue Tamedia-Modell vorgestellt, ging das übliche Protestgeheul los. Die Medienpolitiker der Nation beklagten einen üblen Zerfall der Meinungsvielfalt. Es komme nun zum „Einheitsbrei“, fasste die Grünen-Präsidentin Regula Rytz das Geheul zusammen.

Nun ist es seit je die Eigenart unserer Medienpolitiker, dass sie von Medien keinen Schimmer haben. Das war auch diesmal so.

In Wirklichkeit stärkt die Fusion der Tamedia-Redaktionen den kritischen Journalismus. Speziell der Recherchejournalismus profitiert. Anstelle von kleinen, zersplitterten Redaktionen, die auf diesem Feld oft erfolglos blieben, tritt nun eine zentrale Kampftruppe. Sie hat gewaltige Mittel und enorme journalistische Feuerkraft.

Alle Medienhäuser denken so. Alle suchen Synergien, um mit limitierten Budgets mehr publizistische Power zu produzieren.

SRF hat darum die Teams von „Tagesschau“, „10 vor 10“ und „Schweiz aktuell“ in einer Zentralredaktion zusammengelegt. Ringier schuf ebenso einen integrierten Newsroom für Blick, Sonntagsblick und Blick am Abend. Die NZZ-Gruppe hat die Redaktionen ihrer Töchter St. Galler Tagblatt und Luzerner Zeitung verschmolzen. Auch die AZ-Medien haben für ihre Blätter wie Aargauer Zeitung und Basellandschaftliche Zeitung einen zentralen Redaktionspool geschaffen.

Für die Leser sind diese Einheitsredaktionen kein Problem. Denn sie lesen ohnehin nur eine einzige Zeitung. Nur 1,1 Prozent der Tages-Anzeiger-Leser lesen zum Beispiel auch die Berner Zeitung aus demselben Haus. Sogar nur 0,03 Prozent der Luzerner Zeitung-Leser lesen auch das St. Galler Tagblatt aus demselben Haus. Dass in allen Blättern eines Verlags dasselbe steht, ist darum den Lesern völlig egal.

Wenn wir es in der Sprache der Politiker sagen, dann stehen sich heute fünf Einheitsbreie gegenüber. Es sind dies der Tamedia-Einheitsbrei, der Ringier-Einheitsbrei, der NZZ-Einheitsbrei, der AZ-Einheitsbrei und der SRF-Einheitsbrei. Für jeden der fünf Einheitsbreie arbeiten mindestens zweihundert Journalisten. Noch nie gab es eine derart intensive Konkurrenz auf dem Informationsmarkt. Noch nie standen sich fünf derart hochdotierte Analyse- und Enthüllungszentren gegenüber.

Die Meinungsvielfalt war darum noch nie so gutfundiert wie heute. Wer das anders sieht, der hat von der Rolle der Medien in der Demokratie nichts begriffen. Meinungsvielfalt besteht nicht darin, dass jedes ausgehungerte Käseblättchen auch noch seinen Senf absondern kann. Meinungsvielfalt basiert auf journalistischer Qualität. Qualität aber kann nur mit genügend Mitteln entstehen, also in großen und zentralisierten Redaktionen.

Allzu kleine Köche verderben den Brei.

Erstveröffentlichung: Die Weltwoche vom 31. August 2017

Bildquelle: Jürg Stuker / Flickr CC: The Tagi-Reader; Lizenzbedingungen: https://creativecommons.org/licenses/by-nc/2.0/

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