Am Anfang

28. April 2015 • Medienökonomie • von

Wir waren die erste Schweizer Redaktion in einem richtigen Großraumbüro. Im selben Raum saßen die Journalisten, die Grafiker, die Produzenten und das kleine Online-Team. Heute würde man es Newsroom nennen.

Das war 1995. Wir gründeten das Nachrichtenmagazin Facts. Ich war der Herausgeber.

Als Herausgeber hatte ich einen entspannten Job. Denn das Ding ging ab wie eine Rakete. Nach drei Jahren lag die Auflage schon über 100.000 Stück. Die Anzeigenseiten sprudelten jede Woche dutzendfach ins Blatt. Die neunziger Jahre waren die goldene Epoche der Nachrichtenmagazine.

Dann aber ging es abwärts. Die Leserzahl fiel, das Blatt schrieb rote Zahlen. 2007 wurde Facts eingestellt. Besitzer Tamedia war auf hartem Sparkurs.

Anderswo war es dasselbe. Die Magazine Time aus den USA, Focus aus Deutschland, Panorama aus Italien und News aus Österreich standen um 1995 ebenfalls auf Rekordhöhen. Mittlerweile verkaufen sie noch die Hälfte. Die amerikanische Newsweek gab es zwischenzeitlich nur noch als Online-Ausgabe. Auch der Leuchtturm Spiegel verlor seitdem 300.000 Exemplare.

Ist der Niedergang der News-Magazine nun good news oder bad news? Eher good news.

Es ist wie im Tierreich. Wenn eine Spezies bedroht ist, dann kann man dies als Verlust an Artenvielfalt beweinen. Man kann sich aber auch freuen, dass andere Tiere die Funktion der gefährdeten Gattung übernommen haben.

In den neunziger Jahren waren die Tageszeitungen merklich ambitionsloser als heute. Griffige Reports im Magazin-Stil und gut geschriebene Analysen waren selten. Auch die Newssites im Internet waren damals nicht viel mehr als Chroniken der laufenden Ereignisse.

Facts konnte darum mit provokanten Polit-Storys von Neat bis AHV relativ locker punkten. Auch bei Ratings wie “Die besten Universitäten” und politisch Unkorrektem von Geschlechterkampf bis Ökologie war das Magazin weitgehend ohne Konkurrenz. Das Blatt vereinigte die aggressivste Truppe unter den Schweizer Redaktionen, oft über-aggressiv. Das brachte Resonanz.

Doch die Medienwelt änderte sich rasanter als gedacht. Die Tageszeitungen verloren sehr schnell ihre Beißhemmungen und wandelten sich zudem immer stärker zu täglichen Wochenzeitungen. Stil-Elemente wie Porträts, Serien und Reportagen, die früher den News-Magazinen vorbehalten blieben, wurden Alltag in den Redaktionen. Die Tagespresse lernte das sogenannte storytelling.

An der zweiten Flanke wurde auch die Konkurrenz der Sonntagsblätter immer grösser. Ihre Redaktionen waren ebenso streitlustig und ebenso schlagzeilenorientiert wie jene des einzigen Nachrichtenmagazins.

Zugleich machte auch das Internet einen gewaltigen Qualitätssprung nach vorn. Rund um attraktive Themen wurde recherchierte Hintergrundinformation, angereichert mit narrativen Blogs, zur internationalen Realität im Gewerbe. Auch dieser Trend attackierte die vormalige Kernkompetenz der News-Magazine.

Das Schöne an Medienkonsumenten ist ihre wachsende Unabhängigkeit und Illoyalität. Heutige Mediennutzer sind meist nicht mehr formal, sondern nur inhaltlich interessiert. Es ist ihnen egal, ob sie ihre Information aus Zeitungen, News-Magazinen oder aus dem Internet beziehen. Hauptsache, sie bekommen die Information.

Dieser Hang zur Illoyalität hat die frühere Markentreue erodiert. Auch Erfolgsbrands wie Facts, Focus und Newsweek erlebten Abstürze, die in ihrer Schnelligkeit und Unaufhaltsamkeit die Medienhäuser nur so überrollten.

Wir können darum nun fröhlich zwanzig Jahre Facts feiern. Wir feiern es einfach ohne Facts.

 

Erstveröffentlichung: Die Weltwoche vom 16. April 2015, S. 23

 

Bildquelle: Bas Bogers/flickr.com

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