Die Krise führt zum Tunnelblick

27. März 2009 • Medienökonomie • von

Erstveröffentlichung: Neue Zürcher Zeitung

Bedenkliche Zustandsbeschreibung des US-Zeitungsjournalismus.

Die ökonomische Krise der Tagespresse verengt das Informationsangebot. Dies zeigt eine amerikanische Studie. Danach finden in den USA immer weniger Themen die Aufmerksamkeit der Medien.

Die Hiobsbotschaften aus der amerikanischen Zeitungsbranche reissen nicht ab, und der Ausblick, den das «Project for Excellence in Journalism» mit seinem soeben vorgelegten Jahresbericht zum Zustand der Medien gewährt, ist entsprechend düster: Die Branche befinde sich nahezu «im freien Fall». Vielleicht würden sich ja «noch ein paar Fallschirme öffnen», aber im dritten Jahr in Folge sei kein Boden in Sicht. Um 23 Prozent sind die Erträge aus dem Anzeigengeschäft in den letzten beiden Jahren eingebrochen, etwa ein Fünftel aller Journalisten, die 2001 noch in einer Redaktion gearbeitet haben, sind entlassen – und das schwierigste Jahr steht mit 2009 wohl noch bevor.

Fata Morgana

Als «noch kaum wahrgenommene, aber wohl wichtigste Veränderung» registriert der Report, dass das Publikum inzwischen beschleunigt ins Internet abwandert und sich auch dort mit Nachrichten versorgt. Allein im letzten Jahr habe der Verkehr bei den 50 wichtigsten Websites, die Nachrichten anbieten, um 27 Prozent zugenommen. Dies vergrössere den Druck auf die Branche, «sich neu zu erfinden» – denn bis heute werden die meisten News-Websites von ihren Mutterhäusern aus Print-Erlösen querfinanziert. Die Hoffnungen, sie künftig aus steigenden Online-Werbeeinnahmen profitabel machen zu können, erweisen sich zusehends als Fata Morgana.

Spannend an dem Bericht ist vor allem, wie sich der drastische Schrumpfprozess der Redaktionen auf die journalistische Qualität auswirkt. Die Forscher beobachten eine «deutliche Verengung» der Berichterstattungsagenda. Paradoxerweise erhielten in einer sich fragmentierenden Medienkultur, in der sich die Zahl der Anbieter dank dem Internet vervielfältige, immer weniger Themen Medienaufmerksamkeit. So habe 2008 die Hälfte der verbreiteten Nachrichten nur zwei Themen gegolten, dem Präsidentschaftswahlkampf und der «metastasierenden Wirtschaftskrise». Der Studie liegen Inhaltsanalysen von 48 Nachrichten-Anbietern zugrunde. Analysiert wurden 70 000 Beiträge, darunter 2200 Stunden Fernsehnachrichten, 600 Stunden Radio-News und 6500 Online-Beiträge. Bei den 7350 Artikeln aus Zeitungen handelt es sich allerdings nur um Storys, die auf den Titelseiten erschienen.

Bei der Inlandberichterstattung ist ein Rückgang der Berichterstattung im Gesundheitsbereich sowie zu Fragen der Einwanderung, ja sogar über Katastrophen, Kriminalität sowie über Berühmtheiten und Lifestyle zu beobachten. In der internationalen Berichterstattung sieht es noch verheerender aus. Der Irak kommt in den US-Medien kaum noch vor. Um nochmals 75 Prozent ist die Berichterstattung gegenüber dem Vorjahr zurückgegangen. Dabei hatten die Forscher schon im Jahr zuvor moniert, der Irak verschwinde allmählich aus der öffentlichen Wahrnehmung. Auch Iran und Pakistan – zwei weitere Krisenregionen, in denen amerikanische Interessen im Spiel sind – seien in den Nachrichten so gut wie nicht mehr präsent.

Die Forscher kritisieren auch, dass die Journalisten sehr spät damit begonnen hätten, sich für die Krise auf dem Immobilienmarkt und deren Implikationen zu interessieren. «In der Achterbahnfahrt bei der Berichterstattung 2008 spiegeln sich die Probleme der Presse, den Finanzkollaps zu antizipieren, ebenso wider wie ihre frenetische Neigung zu überbordender Berichterstattung, als das Ausmass der Krise allmählich offensichtlich» geworden sei.

Die Verengung der Berichterstattung auf praktisch zwei Grossthemen wird als Folgeproblem des derzeitigen Zustands der Redaktionen gesehen: Schrumpfende Reporterzahlen, ein schwindendes Engagement bei der Auslandsberichterstattung, aber auch eine von Kontroversen getriebene Talk-Kultur im Kabelfernsehen und beim Radio, die dazu führe, dass jeweils ein oder zwei Themen aufgeplustert würden, sowie eine vom Tempo getriebene Medienkultur, in der nachhaltige Berichterstattung so gut wie unterbleibe – all das habe, zusammengenommen, dazu beigetragen, dass die «kopflastige Mediendiät» des Jahres 2008 entstehen konnte.

Am Gängelband der Polit-Manager

In einem Sonderbericht befassen sich die Journalismus-Experten Tom Rosenstiel und Bill Kovach sodann ausgiebig mit der Wahlkampf-Berichterstattung. Auch hier fördern sie Erstaunliches zutage: Trotz dem mengenmässigen Überangebot hätten die Medien eher reagiert als agiert. Die Kampagnenmanager und nicht die Journalisten hätten die Agenda kontrolliert und das Bild der Kandidaten in der Öffentlichkeit gezeichnet.

Die beiden Forscher belegen das an zwei Beispielen: 1992 habe die «Washington Post» während des Wahlkampfs von Bill Clinton insgesamt 13 grössere Geschichten beigesteuert, die den Kandidaten porträtiert und profiliert hätten. Der Reporter David Maraniss sei dann später Clintons Biograf geworden. Während der Präsidentschaftswahlen 2008 habe die «Post» dagegen nur drei vergleichbare, eigenrecherchierte Geschichten über Barack Obama veröffentlicht. Nicht anders bei der «Los Angeles Times». Sie habe 1992 zwei Reporter nach Little Rock in Arkansas geschickt, um gründlich Clintons Vorleben auszuleuchten. Das Blatt habe damals dreimal so viele eigene Geschichten über Clinton gebracht wie 2008 über Obama. In der Redaktion arbeiten heute aber auch nur noch halb so viele Reporter und Redaktoren.

Noch einen Mythos zerstören die beiden Forscher. Die US-Präsidentschaftskampagne sei – entgegen landläufigen Darstellungen auch in Europa – nicht der erste Internet-Wahlkampf gewesen. Tatsächlich handle es sich eher um eine «hybride Kampagne», in der die «alten» und die «neuen» Medien komplementäre, eng aufeinander bezogene Rollen gespielt hätten. Jedenfalls seien die traditionellen Medien – also Presse, Fernsehen und Radio – im Wahlkampf «alles andere als irrelevant» gewesen.

Rufe nach dem Staat / Von Rainer Stadler

Rufe nach dem Staat ras. Die Finanzierungsprobleme der Presse, welche weltweit zu Stellenkürzungen, Angebotsreduktionen und Betriebsschliessungen führen, haben nicht unerwartet neue Forderungen nach Staatshilfe provoziert. Die Rufe sind vor allem in Europa zu hören. Helmut Markwort, Vorstand von Hubert Burda Media und «Focus»-Gründer, verlangte jüngst, die Mehrwertsteuer in Deutschland müsse für Pressetitel abgeschafft werden. Der nicht wirklich als Linker bekannte Markwort zielt damit auf eine indirekte staatliche Unterstützung, für die jüngst an dieser Stelle auch Norbert Neininger («Schaffhauser Nachrichten») plädierte. Frankreich hat bereits weitgehende Massnahmen beschlossen. In den kommenden drei Jahren sollen zusätzlich 600 Millionen Euro der Presse zugutekommen. Besteht aber ein Zusammenhang zwischen staatlicher Unterstützung und Medienqualität? Italien gibt im Europavergleich überdurchschnittlich viel Geld für die Presse aus (164 Millionen Euro 2007). Als starkes Presseland ist Italien allerdings nicht bekannt. Kulturspezifische Faktoren und politische Rahmenbedingungen tragen wohl mehr dazu bei, dass die Presse floriert.

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