Die Lehre von 1969

11. März 2010 • Medienökonomie • von

Erstveröffentlichung: Weltwoche 08/10

Der industrielle Journalismus ist wie ein Porsche in die Schweiz eingerollt.

Ältere Leser dieser Kolumne können sich sicher noch an den Porsche 914 erinnern. Der Porsche 914 kam im Herbst 1969 auf den Markt. Seine Besonderheit bestand darin, dass eine Porsche-Karosserie auf ein Volkswagen-Fahrgestell montiert worden war. Der 914er hatte mit dieser Produktionstechnik für einen Porsche einen sehr tiefen Preis. Er kostete 12 250 Mark.

Damit wäre die Frage beantwortet, warum das Medienhaus Ringier letzte Woche dreißig Journalisten entlassen hat.
Die Medienbranche ist inzwischen ungefähr dort angekommen, wo die Automobilindustrie 1969 stand. Die Medienbranche stellt um auf die zwei Prinzipien der effizienten Fertigung, auf Just-in-time-Produktion und auf Just-in-sequence-Produktion. Der Herstellprozess muss zeitgerecht und durchgetaktet sein.

Konkret nennt man das Newsroom. Der Newsroom ist ein Produktionscenter. Bei Ringier zum Beispiel sind die Redaktionen von Blick, Sonntagsblick, Blick am Abend und Blick online zusammengelegt. Nun ist es nicht so, dass jeder Journalist zugleich für alle vier Plattformen arbeitet. Aber es ist zumindest nicht mehr so, wie in der Branche lange üblich, dass vier Journalisten und vier Produzenten zugleich an demselben Thema arbeiten.

Der Newsroom ist das Symbol des «industriellen Journalismus», wie man den aktuellen Trend nennt. Industrieller Journalismus passt die Arbeitsweise einer Redaktion den Effizienzkriterien an, die bei sonstigen Lieferketten gelten. Die Produktion wird standardisiert. Die individuelle Fertigung von Inhalten tritt zurück hinter das Kriterium der Mehrfachverwertung in Online und Print.

Und damit sind wir beim Problem. Der Porsche 914 wurde trotz seines attraktiven Preises kein Erfolg. Die Volkswagen-Fahrer fanden es wichtigtuerisch, im Porsche-Design zu fahren. Die Porsche-Fahrer fanden es würdelos, ein Käfer-Chassis unter dem Hintern zu haben.
Man brachte die zwei Kulturen nicht unter einen Hut. Genau dasselbe könnte auch in den Medien passieren.

Online und Zeitungen entwickeln sich derzeit rasant in eine gegensätzliche Richtung. Online-Journalismus ist populistisch und dauernd verfügbar. Für die Kunden ist er billig. Er darf auch fehlerhaft, plump, oberflächlich und anspruchslos sein. Online ist für alle Mediennutzer da, es ist der Volkswagen.

Zeitungsjournalismus hingegen wird elitärer. Für die Kunden ist er teuer. Er erscheint nur alle 24 Stunden, dafür muss er Tiefgang haben, er muss ausgewogen, analytisch, elegant und anspruchsvoll sein. Die Tageszeitung ist für ein kleineres, feineres Publikum da, sie ist der Porsche.

Schnelle Geschichten, hübsche Mädchen

Zeitungen und Online sind zwei sehr unterschiedliche Produkte mit zwei sehr unterschiedlichen Zielgruppen. Tages-Anzeiger online und NZZ online unterscheiden sich von Tages-Anzeiger und NZZ wie Tag und Nacht. Es braucht darum unterschiedliche Journalisten. Es braucht unterschiedliche Kulturen. Es macht darum wenig Sinn, die zwei gegensätzlichen Kulturen zu vermischen.

Am ehesten klappt das Newsroom-Konzept bei Titeln, wo Online und Print inhaltlich nicht auseinanderlaufen. In der Schweiz ist das tatsächlich am ehesten beim Blick der Fall. Blick online liefert schnelle Geschichten, hübsche Mädchen, Prominente, Sport, Sex- und TV-Tipps. Niemand erwartet vom gedruckten Blick am nächsten Tag die umfassende Analyse der kurdischen Widerstandsbewegung. Man erwartet auch vom Blatt schnelle Geschichten, hübsche Mädchen, Prominente, Sport, Sex- und TV-Tipps. Insofern ist der Blick mit seinem Newsroom wohl auf dem richtigen Weg. Er ist eine Ausnahme.

Bei den andern ist das 914er-Risiko zu gross.

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