Fotojournalismus: Der bedrohte Beruf

27. August 2015 • Forschung aus 1. Hand, Medienökonomie • von

Eine Studie des tschechischen EJO-Teams kommt zu dem Schluss, dass Fotojournalismus ein bedrohter Beruf ist. Grund dafür ist die Digitalisierung, die die Fotografie in den vergangenen zwei Jahrzehnten grundlegend verändert hat.

Fotojournalismus ist ein bedrohter Beruf. Eine Studie zeigt Gründe dafür auf.

Fotojournalismus ist ein bedrohter Beruf. Eine Studie zeigt Gründe dafür auf.

Die Art, wie Fotos gemacht, bearbeitet und präsentiert werden, hat sich gewandelt. Jeder mit einer Digitalkamera und Internetverbindung kann heute qualitativ hochwertige Fotos machen, hochladen und veröffentlichen. Viele der professionellen Fotojournalisten, die während der wirtschaftlichen Krise seit 2008 ihre Jobs verloren, wurden deshalb ersetzt durch Digitalkamera oder Handy tragende Reporter, Bürgerjournalisten oder Bürger.

Laien-Fotografen bieten zwar nicht eine vergleichbar hohe Qualität wie Professionelle; für die Medienorganisationen sind sie aber billiger und oft sogar umsonst. Angesichts dieser Konkurrenz verliert der Fotojournalismus an Gewicht und verändert seine Rolle innerhalb der Redaktion: Trotz der zunehmenden Bedeutung von Bildmaterial für die Nachrichtenproduktion, fühlen sich Fotojournalisten gegenüber ihren schreibenden Kollegen benachteiligt. Sie dürfen seltener ihre eigenen Themen einbringen und bekommen häufiger Aufträge von Redakteuren. Ihre Kollegen betrachten sie eher als Gehilfen denn als vollwertige Journalisten.

Diese Erkenntnisse basieren auf der Studie „Changing Structures and Content: Photojournalism in the Age of Network Media“, die vom tschechischen EJO-Team am Institut für Kommunikationswissenschaften und Journalismus an der Karls-Universität in Prag durchgeführt wurde. Die Forscher, Sandra Stefaniková und Filip Láb, führten zwischen Januar und März 2014 persönliche Interviews mit 30 freien Fotojournalisten aus Zentraleuropa.

Die Ergebnisse im Einzelnen:

Kinoartige Fotografie

Die Digitalisierung betrifft den gesamten Prozess der Materialproduktion des Fotojournalismus. Sie hat nicht nur die technischen Aspekte des Fotomediums und der Fototechnik beeinflusst, sondern auch neue Redaktionsroutinen und -praktiken hervorgebracht.

Die Digitalisierung hat die gesamte Rolle von Fotografie in der Gesellschaft verändert – ihre Funktion, ihren Inhalt, ihre Praktiken. Die wichtigsten Veränderungen sind dabei die virtuell scheinbar unendliche Fülle an Material, eine hohe Empfindlichkeit und Auflösung sowie der Einsatz von Fotobearbeitungssoftware. Fotojournalisten betonen deshalb, dass der größte Unterschied zur Analogfotografie das Bewusstsein über das grenzenlose Material sei. Während Filmnegative Fotoreportern etwa 72 Bilder für einen Auftrag erlaubten (2 Negativ-Filmrollen von 35mm), sind es nun selten weniger als 250.

Den entscheidenden Moment aufs Negativ bringen – das Ergebnis eines Fotografen, der geduldig darauf wartet, den Höhepunkt eines Ereignisses einzufangen – er wird ersetzt durch kinoartiges Fotografieren, bei dem mehrere Fotos kurz hintereinander geschossen werden. Das beste Bild wird dann aus der großen Menge ähnlicher Motive herausgesucht.

Die untersuchten Fotografen gaben zu, dass sie mindestens 95 Prozent ihrer Bilder bearbeiten, bevor sie sie einreichen. Das bedeutet, dass fast alle Bilder in den Medien heutzutage in irgendeiner Weise mit einer Fotosoftware bearbeitet sind – meistens Adobe Photoshop. Das Bearbeiten eines Bildes dauert im Schnitt 2,2 Minuten und kann unter anderem das Ausschneiden, Nachbelichten, Spiegeln, Abrunden, Nachschärfen und Farbkorrigieren umfassen.

Schnelligkeit ist eine Illusion

Digitalisierung wird oft mit einer Beschleunigung im Mediensektor und der Nachrichtenproduktion verbunden. Überraschenderweise sprachen die befragten Fotografen oft von der „Illusion der Schnelligkeit.“ Während jeder einzelne Teil der Fotoproduktion sich mit der Digitalisierung erheblich beschleunigt habe, brauche der gesamte Prozess heute genauso lang wie der traditionelle, Film basierte, sagen die befragten Journalisten.

Die Illusion der Schnelligkeit hat ihre Wurzel möglicherweise in der schnellen Verrichtung von Aufgaben während jedes einzelnen Schritts der Produktion – vor allem, wenn Fotojournalisten unter hohem Stress arbeiten. Aber die digitale Welt erfordert auch neue Verantwortlichkeiten der Fotographen: sie verbringen mehr Zeit damit Bilder auszuwählen, zu bearbeiten und Überschriften für sie zu finden.

Inhaltliche Qualität und Überproduktion

Mit dem Übergang von der Analog- zur Digitalfotografie ist die technische Ausstattung deutlich besser geworden: Ein schnellerer Autofokus, automatisches Herausstellen, automatischer Weißabgleich, eine höhere Empfindlichkeit oder Kontraste beeinflussen die „formale Qualität“ der Nachrichtenfotografie. Zugleich verringern sie auch die Fähigkeiten, die jemand zum Fotografieren braucht.

Die höhere technische Qualität kann aber auch auf Kosten der bildlichen und inhaltlichen Qualität gehen. Ohne Limit Fotos zu schießen endet in einer Überproduktion. Fotojournalisten geben auch zu bedenken, dass sie keine Zeit mehr für klassische Fotoformate haben; etwa für Foto-Essays, Reportagen oder Dokumentationen. Sie betrachten einen Großteil des fotojournalistischen Materials, das heutzutage veröffentlicht wird, als “spot oder flash news”. Mindestens Zweidrittel alles fotojournalistischen Materials wird als Illustration und nicht als eigenständiger fotojournalistischer Inhalt geschaffen.

Eine Ausnahme stellt allerdings die Sportfotografie dar. Die technischen Verbesserungen hätten hier zu besserer Qualität in allen Bereichen geführt, meinen die befragten Fotojournalisten.

Fotografen als Gatekeeper und Ersatz für Foto-Editoren

Digitale Techniken, eine überbordende Zahl an visuellem Material und ein Mangel an ausgebildeten Foto-Editoren in Ländern wie in der Tschechischen Republik haben Fotojournalisten in eine neue Rolle gedrängt. Sie sind zu Gatekeepern geworden, die darüber entscheiden, welche Fotos publiziert werden sollen und welche nicht. Dieser Wechsel in den traditionellen Verantwortlichkeiten und Aufgaben der Foto-Editoren findet häufiger im Online-Mediensektor als in den Printmedien statt.

Online Nachrichtenmedien müssen nicht auf Material und Platz achten. Sie können deshalb große Mengen an visuellem Material bringen und bieten neue Möglichkeiten der Veröffentlichung: Multimediale Diashows, Soundtracks oder Geschichten auf mehreren Ebenen (multilevel storytelling). Doch viele Medien verwenden Bilder immer noch wie gedruckte Bilder. Diashows, die am weitesten verbreitete visuelle Darstellungsform, ähnelt einem einfachen Umblättern.

Fotojournalisten oder Journalisten mit Kamera?

Alle Befragten in unserer Studie stimmten in einem Punkt überein: Der entscheidende Unterschied zwischen Fotojournalisten und schreibenden Journalisten oder Bürgerjournalisten mit Kamera ist, dass Fotojournalisten darin ausgebildet sind, Geschichten visuell zu erzählen. Sie wissen wie man eine Geschichte einfängt, transportiert und eine bildliche Idee von ihr erschafft. Sie kennen die visuelle Grammatik und alle Faktoren, die berücksichtigt werden müssen, um das Spiel des visuellen Geschichtenerzählens zu beherrschen.

Die Befragten waren sich außerdem darüber einig, dass zwar jeder heute Fotos machen könne. Das mache aber noch nicht jeden zu einem guten Fotografen. Gleichermaßen gilt: Jeder kann heute schreiben, aber deshalb ist er noch lange kein guter Schreiber oder Reporter.

 

Erstveröffentlichung: EJO englisch vom 13. Mai 2015

Übersetzung aus dem Englischen: Judith Pies

Bildquelle: Erik Forsberg/flicker.com

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