Frankreichs Zeitungen in der Krise: Der Preis der Überheblichkeit

18. Oktober 2005 • Medienökonomie • von

Il Corriere del Ticino, 18. Oktober 2005

Die Leser haben sie dafür bestraft, dass sie sich ziemlich weit von der Realität der heutigen Gesellschaft entfernt haben
Versuchen Sie, Serge July, den Direktor der « Libération », einzuladen, und er wird nicht einmal darauf reagieren; Versuchen Sie, seinen Kollegen von « Le Monde » zu erreichen, und Sie werden es nur mit einem unüberwindlichen Anrufbeantworter zu tun bekommen; der Versuch, den „Figaro“ zu erreichen, kommt dem Ansinnen gleich, eine drei Meter hohe Mauer erklimmen zu wollen. Bis vor ein paar Jahren war das durchaus nicht so. Damals empfing einen die französische Presse kraft ihrer Tradition an journalistischer Exzellenz mit einem Lächeln und auf überaus wohl erzogene Art und Weise. Die urplötzlich zu Tage gelegte Unhöflichkeit ist das klarste Zeichen eines tiefen Unbehagens, welches nicht nur einzelne Zeitungen, wohl aber einen ganzen Bereich ergriffen hat: Die französischen Tageszeitungen stecken tief in der Krise.

Als Edouard de Rothschild sich vor einem Jahr bei « Libération » einkaufte und das Ruder übernahm, dachten alle noch: Wenn die Rothschilds in das Geschäft einsteigen, bedeutet das, dass es wieder aufwärts gehen kann. Just in diesen Tagen hat die Tageszeitung von Serge July nun Verluste in Höhe von sechs bis sieben Millionen Euro angekündigt, das sind mehr als 50% mehr als noch im Jahr 2004. Die Verkaufszahlen sind um 9.8% zurückgegangen und es zeichnet sich die Entlassung von rund 50 der insgesamt 340 Angestellten (Journalisten inbegriffen) ab. Das Gleiche ist auch beim “Figaro” zu beobachten: Die Zeitung ist zwar seit nunmehr einem Jahr in den Händen des Industriekonzerns Dassault, die Perspektiven sind jedoch alles andere als ermutigend. Die Verkaufszahlen sind auf 330.000 Exemplare gefallen, die Tatsache, dass die Gruppe trotzdem schwarze Zahlen schreibt, ist einzig und allein den Wochenzeitungen zu verdanken. Im Hause « Le Monde » schliesslich wurde vor einem Jahr der politische Direktor Edwy Plenel entlassen, die Situation heute ist aber nach wie vor alles andere als rosig, da die prestigeträchtigste Zeitung Frankreichs mit den roten Zahlen kämpft. Man könnte nun einwenden, dass sich die gesamte europäische Presse in keinem guten Zustand befindet.

Das ist richtig, der Fall Frankreich bleibt dennoch eine Besonderheit, denn kein anderes Land erlebt eine vergleichbar akute Verlagskrise, die sich über die gesamte Branche erstreckt. Was ist also los in Paris? Tatsache ist, dass die Tageszeitungen nun den Preis für ihre intellektuelle Überheblichkeit bezahlen. Jahrelang haben sie in der Annahme vor sich hin gearbeitet, dass die Leute den „Figaro“ schon weiter kaufen würden, weil es eben der „Figaro“ sei, so als ob darin die absolute Wahrheit stünde. So dachte man nicht über den eigenen journalistischen Stil nach und entwickelte keine neuen Seiten, die sich mit der Gesellschaft auseinander setzten. Die französischen Tageszeitungen haben zwar schon immer in einem abgehobenen Ton geschrieben, haben sich aber letztendlich von der Realität entfernt. Genau dafür sind sie von den Lesern bestraft worden.

Teilweise ist dies auf das Internet, vor allem aber auf die Gratis-Zeitungen, wie sie in Metro und Bussen verteilt werden, zurückzuführen. Die so genannte “Free Press” also, die mit grossen Bildern, vielen Agenturmeldungen, keinerlei Kommentaren und Interpretationen nicht gerade mit dem besten Journalismus aufwartet. Sich mit der „Qualitäts“-Presse messen zu können, schien durchaus nicht undenkbar zu sein: Viele haben sich also schlussendlich mit den kostenlosen Boulevardblättern abgefunden anstatt 1.20 Euro für eine Tageszeitung auszugeben, mit der man oft gar nicht zufrieden ist. Ein Blick auf die Gesamtzahlen eröffnet ein durchaus beeindruckendes Bild: Im Jahr 2004 ging die Anzahl der „zahlenden Leser um 800.000 zurück, das entspricht einem Anteil von 12%. Würde das Verlagswesen nicht von grosszügigen Staatssubventionen profitieren (im Jahr 2005 beliefen sich diese auf 278 Millionen Euro), hätten viele Zeitungen schon die Produktion eingestellt.

Den französischen Tageszeitungen bleibt also nur eines: Sie müssen sich erneuern, um nicht unterzugehen. Allen voran hat das just in diesen Wochen der “Figaro” getan, der sein Format um 3.4 cm verringert, seit kurzem in neuen Farben erscheint und die Artikel nun nach Themen geordnet präsentiert. Ob das wohl ausreicht? Noch ist es zu früh, um ein Urteil darüber abzugeben. Auch “Le Monde” druckt neuerdings Farbfotos und erwägt, den Erscheinungstermin der Zeitung auf den Morgen (anstatt wie bisher am frühen Nachmittag) vorzuziehen. Es drängt sich aber der Eindruck auf, dass es sich bisher lediglich um Korrekturen kosmetischer Art gehandelt hat. Für einen wirklichen Neuanfang bedürfte es aber weit mehr: Einen neuen Esprit, ein ganzes Stück mehr an Bescheidenheit, Ideenreichtum und Lebhaftigkeit. Dadurch würde man wieder zu einem Mythos der Gegenwart werden anstatt nur ein Mythos der Vergangenheit zu sein.

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