Geht es wirklich um Leben und Tod?

21. Juni 2012 • Medienökonomie, Ressorts • von

In den vergangenen Jahren wurde immer wieder der Untergang der Zeitungsindustrie prognostiziert – vor allem in den USA.

Eine Studie der Journalism School der University of Texas hat untersucht, wie US-Zeitungen über ihre eigene Krise berichtet haben. Übertrieben und zu emotional, sagen die Medienwissenschaftler.

Die Autoren der Studie „A Matter of Life and Death? Examining how newspapers covered the newspaper ‚crisis‘“ setzen den Begriff „Krise“ schon im Titel in Anführungszeichen und machen damit eins von vornherein deutlich: Die Krise der Zeitungen war eigentlich gar keine – die Journalisten haben in ihrer Berichterstattung überreagiert.

Zwei Jahre lang – von März 2008 bis März 2010 – verfolgten die Medienforscher Hsiang Iris Chyi, Seth C. Lewis und Nan Zheng, wie die drei auflagenstärksten Zeitungen der USA – Wall Street Journal, USA Today und New York Times – über die Zeitungskrise berichtet haben.

Die Berichterstattung der USA Today über den Einbruch des Zeitungsmarkts lässt sich kurz und knapp zusammenfassen: fast gar nicht. Im Untersuchungszeitraum fanden sich in den Ausgaben von USA Today nur zwei Artikel, in denen die Begriffe „Zeitung“ („newspaper“) und „Auflage“ („circulation“) vorkamen. Deshalb griff das Forscherteam letztlich nur auf Beiträge des Wall Street Journal (52) und der New York Times (90) zurück.

Chyi, Lewis und Zheng treffen gleich zu Beginn ihres Berichts die Aussage, dass Selbstberichterstattung ein Gebiet sei, auf dem Zeitungen meistens keine zufriedenstellenden Ergebnisse lieferten. Sie stelle Journalisten vor eine große Herausherausforderung, da oftmals Interessenskonflikte innerhalb der Medienunternehmen Journalisten davon abhielten, objektiv zu berichten.

Die Ergebnisse des Forscherteams zeigen unter anderem, dass sich die Berichterstattung der New York Times und des Wall Street Journal auf kurzzeitige Dramen konzentrierte – langzeitige Trends wurden außer Acht gelassen und der für das Verständnis nötige Gesamtzusammenhang nicht berücksichtigt. Die Schuld für den Auflageneinbruch wurde meist bei anderen und fast nie bei den Zeitungen selbst gesucht. In der Berichterstattung nutzten die Journalisten hauptsächlich eine sensationslüsterne Sprache.

So ziehen die Autoren in mehr als der Hälfte der untersuchten Artikel (54,9 Prozent) nur neuere Auflagen-Statistiken heran, lediglich in 6,9 Prozent der Fälle wird auf die Auflage vor dem Jahr 2000 eingegangen.

Ein ähnliches Muster ist in Punkto Werbeeinnahmen-Statistiken zu erkennen: 34,7 Prozent der Beiträge benutzen nur jüngeres Datenmaterial, lediglich 0,7 Prozent beachten Langzeittrends.

Nur in 6,3 Prozent der Beiträge wird erwähnt, dass die Rezession auch anderen Industrien zu schaffen macht, wie zum Beispiel der Automobilbranche, dem Einzel- und Immobilienhandel sowie dem Baugewerbe. Nicht einmal ein Prozent der Artikel geht auf die Entwicklungen in anderen Medienbereichen oder in anderen Ländern ein. So bleibt in den meisten Fällen die Tatsache unerwähnt, dass das Fernsehen mehr Zuschauer verloren hat als die Zeitung Leser. Genauso wenig gehen die Journalisten darauf ein, dass Zeitungen in vielen anderen Ländern, vor allem in Asien, weiterhin erfolgreich sind – die Probleme, die den Zeitungsmarkt betreffen, seien also nicht so universell wie angenommen, betonen die Forscher.

Als Gründe für die Zeitungskrise werden hauptsächlich der Rückgang der Werbeeinnahmen (70,8 Prozent der Artikel) angesehen, gefolgt von Unternehmensschulden (36,8 Prozent), dem Rückgang der Leserzahlen (31,9 Prozent), der wirtschaftlichen Lage (30,9 Prozent) und dem Internet (24,3 Prozent). Nur wenige Beiträge (4,9 Prozent) machen die Zeitungsbranche selbst für ihre Krise verantwortlich.

Wenn über den Einbruch des Zeitungsmarkts berichtet wird, sind Verleger und Unternehmer die meistzitierte Quelle. Sie kommen in 72,2 Prozent der Beiträge zu Wort – meistens ohne kritisch hinterfragt zu werden –, Journalisten und Redakteure in 36,1 Prozent der Beiträge. In 25 Prozent der Artikel werden Projektberichte als Quelle herangezogen, Finanzanalysten werden in 20,1 Prozent der Beiträge zitiert, Wissenschaftler und Medienkritiker in 15,3 Prozent und Leser lediglich in 3,5 Prozent.

Die Mehrheit der Beiträge – 83 Prozent – sei in einer Art und Weise verfasst, die wahrscheinlich Pessimismus unter den Lesern auslöse, so die Autoren der Studie. Die „Todes-Metaphorik“, die in 27,8 Prozent der Beiträge vorkommt, trage dazu bei: „Zeitungen sterben aus“ sei eine Aussage, die immer wieder auftauche.

Das Forscherteam zitiert in diesem Zusammenhang den US-amerikanischen Medienökonom Robert Picard: „Herausgeber und Journalisten sind ihre eigenen schlimmsten Feinde geworden, weil sie herumrennen und lamentieren, dass die Welt untergeht und sie die Situation schlimmer machen, als sie eigentlich ist.“

So auch im Fall der Schließungen der Rocky Mountain News, des Seattle-Post-Intelligencer und des Tucson Citizen, die eine umfangreiche Berichterstattung auslösten. Völlig übertrieben, sagen die Forscher, da in den meisten US-Städten inzwischen ein Zeitungsmonopol herrsche; 1986 gab es noch in 47 Städten mehrere Zeitungen, 2000 nur noch in 20 Städten. Der Trend Richtung Monopol steigere sogar die Profitabilität der Zeitung, betonen die Medienwissenschaftler.

Chyi, Lewis und Zheng kommen zu dem Schluss, dass Zeitungen in der Berichterstattung über ihre eigene Krise einiges besser machen könnten: Sie sollten ihre Probleme in einem Gesamtzusammenhang darstellen, weniger überreagieren und eine weniger emotionale Sprache benutzen. Im Gegenzug sollten Journalisten einen größeren Fokus auf wirtschaftliche Daten legen wie Auflage, Einnahmen, Kosten, Profitabilität, Mitarbeiterfluktuation und Aktienkurs.

Chyi, Hsiang Iris; Lewis, Seth C.; Zheng, Nan (2012): A Matter of Life and Death? Examining how newspapers covered the newspaper “crisis”. In: Journalism Studies, Vol. 13, No.3, S. 305-324.

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