Heilung der Geisteskranken

22. Oktober 2010 • Digitales, Medienökonomie • von

Meinung

Düsen oder dösen? Sechs Monate nach der Geburt der Tablets ist es Zeit für eine erste Zwischenbilanz.

Der erste Tablet, der im April dieses Jahres auf den Markt kam, war der iPad von Apple. Inzwischen gibt es Tablets von Blackberry, von Samsung, Panasonic, Nokia, Fujitsu, Acer, HP, Lenovo, Toshiba und noch etwa zwölf weiteren Anbietern.

In diesem Jahr werden nach Marktprognosen etwa 20 Millionen Tablets weltweit verkauft. Im nächsten Jahr sind es 55 Millionen. Bis ins Jahr 2014 werden sich rund eine halbe Milliarde Konsumenten ein Tablet gekauft haben. Es ist darum keine gewagte Prognose, dass gegen Ende des nächsten Jahrzehnts die Mehrheit der Bevölkerung die Zeitung nicht mehr auf Papier, sondern auf einem elektronischen Endgerät lesen wird. Es spielt keine Rolle, ob es schon in fünf oder erst in zehn Jahren so weit ist. Der Wechsel ist nicht aufzuhalten.

Das ist eine gute Nachricht für die Verlagsbranche. Es ist sogar eine sehr gute Nachricht, falls sich die Verlagsbranche nicht mehr so saublöd anstellt, wie sie das in der Vergangenheit tat.
Die zweite gute Nachricht ist die, dass es neben dem iPad von Marktleader Apple auch Tablet-PCs von Blackberry, von Samsung, von Panasonic und von zwanzig anderen gibt. Natürlich werden etliche sich nicht durchsetzen können. Aber es deutet doch einiges darauf hin, dass Apple im Tablet-Markt keine Monopolstellung bekommen wird wie anfangs befürchtet. Damit bliebe die Verlagsbranche vom Schicksal der Musikindustrie verschont, wo Apple die Standards und Preise diktiert.

Die Medienhäuser haben also nicht viel Zeit, um den Wechsel von der papierenen zur digitalen Zeitung zu gestalten. Es genügt nicht, die bestehenden Zeitungsinhalte einfach in die Tablets zu kippen. Weil Lesen völlig orts- und zeitunabhängig wird, braucht es flexible journalistische Formen und einen neuen Mix von Text, Bild und Videos. Nicht einfach wird auch sein, die Inserate und Werbebeilagen aus der Zeitung auf die Tablets zu bringen.

Dann müssen die Verlage schleunigst aufhören, ihre Inhalte gratis ins Netz zu stellen. Sie tun dies heute immer noch, obwohl es sie schon Zehntausende von zahlenden Lesern gekostet hat. Es gibt eine neue Studie der Boston Consulting Group, welche die Chancen der Tablets für die Medienbranche beleuchtet. Es wird funktionieren, wenn die Leser der Zukunft bezahlen. Für die heutige Praxis der Verlagshäuser, ihre Informationen gratis abzugeben, hat Boston Consulting nur ein Wort übrig: insane, geisteskrank.

Dem Untergang entgegen

Nun ist jede Geisteskrankheit irgendwann geheilt. Dann wird es interessant, wie die Preisgestaltung funktionieren wird. Zuerst einmal wollen die Apples, Blackberrys und Samsungs dieser Welt eine Kommission von zwanzig bis dreißig Prozent. Dafür fallen aber bei den Tablet-Lesern die Papier-, Druck- und Zustellungskosten weg. Der digitale Leser rentiert darum besser als der Papierleser, selbst dann noch, wenn man ihm das Jahresabonnement etwas verbilligt anbietet.

Die Zeitungsbranche müsste also alles Interesse daran haben, den Wechsel vom Papier zum Tablet nicht passiv zu erdulden, sondern aktiv voranzutreiben. Sie müsste ihren Lesern die Tablets zu Sonderpreisen anbieten und müsste gerade das jüngere Publikum ermutigen, diese neue Form des Lesens zu nutzen.
Besonders schlau wäre es, wenn die Verlage ihren Kunden sagen würden: “Lest auf dem Tablet, aber besser nicht auf einem von Apple.”

Grammatikalisch sattelfeste Leser haben gemerkt, dass der letzte Abschnitt im Konjunktiv geschrieben war. Kehren wir von der Möglichkeitsform zum nüchternen Indikativ zurück. So, wie wir viele unserer Verlage kennen, dösen die lieber ihrem Untergang entgegen.

Erstveröffentlichung: Weltwoche 42/2010

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  • Kurt Löblich

    sehr schön. Und schlüssig argumentiert.

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