iPad-Hype

4. Februar 2010 • Medienökonomie, PR & Marketing • von

Erstveröffentlichung: Die Furche

Wie sich Journalismus und Verlage überflüssig machen

Nach der Schweinegrippe und der „Schneekatastrophe”, die eigentlich bislang nichts weiter war als ein ganz normaler Winter, wurden wir letzte Woche von einer ganz anderen Medien-Hype heimgesucht. Über Tage hinweg eroberten Steve Jobs und Apple mit ihrem iPad die Titelseiten und beschäftigten obendrein die Feuilletons und die Wirtschaftsredaktionen.

Wer die Public Relations-Branche ein bisschen kennt, wird versucht sein, das zu tun, was viele PR-Strategen in solchen Fällen machen. Um ihre Kunden zu überzeugen, wie wertvoll ihre Arbeit ist, ermitteln sie den „advertising value“: Hochzurechnen wäre demnach, wie viele Millionen und Abermillionen Dollar es Apple gekostet hätte, wenn das Unternehmen für all die Print-Artikel, TV-, Radio- und Onlinebeiträge den Platz bzw. die Sendezeit in Form von Anzeigen bzw. Werbespots hätte bezahlen müssen, statt sich der Gratis-Publicity quer durch die Medienwelt zu erfreuen.

O.k. – natürlich sollen, ja müssen Medien über Produkt-Innovationen berichten, das gehört zum Service, den wir Konsumenten erwarten. Aber wer die Sache zu Ende denkt, wird sich doch fragen, wer da wen um den Finger gewickelt hat, wenn Steve Jobs uns allerorten sein neues Lieblingsbaby vorführen durfte.

Ist Journalismus noch glaubwürdig, wenn er so willfährig das Geschäft der PR-Branche betreibt? Ruinieren nicht die Verleger ihr eigenes Business, wenn sie Redaktionen weiter ausdünnen und damit gleichzeitig so weit die Schleusen für Öffentlichkeitsarbeit öffnen? Zeitklame Redakteure verwandeln immer öfter Pressemeldungen mit einem Mausklick in „Journalismus“ – ohne kritische Prüfung und ohne Zusatzrecherche.

Das ist der zuverlässigste Weg für Journalismus und Verlage, sich selbst überflüssig zu machen. Die Dummen sind dann nämlich jene Leserinnen und Leser, die für so etwas weiterhin bezahlen; aber auch die Werbetreibenden, die teure Anzeigen oder Spots schalten, statt sich erst einmal – wie Apple – auf dem kostengünstigen Weg, über Öffentlichkeitsarbeit und mediale Inszenierungen, an ihre Zielgruppen heran zu pirschen.

Diese Kolumne hat Stephan Russ-Mohl für die österreichische Wochenzeitung Die Furche und Carta geschrieben.

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  • Tatsächlich ist es erstaunlich, welchen Medienhype Apple immer wieder loszutreten vermag. Dass es sich bei der Berichterstattung zur iPad-Vorstellung um PR- beziehungsweise Copy-Paste-Journalismus gehandelt haben soll, bezweifle ich indes. Vielerorts wurde seriös über die (inszenierte) Produktepräsentation berichtet. Nicht die Probleme des Copy-Paste-Journalismus und der knappen Ressourcen waren das Problem. Vielmehr ist es der Hype um die Firma Apple und das neue Produkt. Es ist bedenklich, wenn — wie in den Monaten vor der Präsentation — (allenfalls bewusst gestreute?) Gerüchte ohne Einordnung und im Indikativ kolportiert werden.

  • stephan russ-mohl

    Sie haben recht, lieber Herr Born, es handelte sich bei dieser Medien Hype um eine höhere Form journalistischen Herdentriebs als blossen Copy Paste-Journalismus. Wir sollten das auseinanderhalten: Auch bei der Themenwahl, bei der Bebilderung von Stories und bei der Aufmerksamkeit, die Journalisten einzelnen Themen gewähren, gibt es eine Art “copy paste”-Reflex, der nichts mit dem blanken Kopieren von Pressemeldungen zu tun hat….

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