Kleiner Grenzverkehr

30. September 2014 • Medienökonomie, Medienpolitik • von

Es war fast wie Ravels Bolero: Der Präsident der deutschen Zeitungsverleger, Helmut Heinen, betonte, Zeitungen seien „für die Zivilgesellschaft systemrelevant“. Kanzlerin Angela Merkel gratulierte dem Verband zum 60. Geburtstag und hakte das Leistungsschutzrecht als Erfolg ihrer Regierungsarbeit ab.

Ansonsten war ihr Auftritt beim Jahreskongress der deutschen Zeitungsverleger eher trocken, uninspiriert, eine Pflichtübung. Nach dem Referat keine Diskussion mit den erlauchten, meist älteren Herrschaften, wie sich die Politik des notleidenden Journalismus annehmen sollte – als wollte Merkel die Verleger ihren Machtverlust im digitalen Zeitalter auch noch auf diese Weise spüren lassen. Nur beim Raushuschen ein kurzer Small talk mit dem mächtigsten aller deutschen Chefredakteure, Kai Diekmann von Bild. Sodann eine gequälte Podiumsdiskussion mit vier Partei-Vertretern, wobei auffiel, dass die Grünen nicht dabei waren. Dafür versenkte aber der Chef der aus dem Bundestag katapultierten deutschen Liberalen, Christian Lindner, die im Parlament vertretenen Partei-Granden in Grund und Boden. Allenfalls SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann mochte noch Paroli bieten, der frischgebackene Fraktionschef der EVP im Europäischen Parlament, Manfred Weber, und die Linken-Chefin Katja Kippling fielen dagegen eher durch Gemeinplätze auf, wie sie in öffentlich-rechtlichen Talkshows gerade noch durchgehen mögen – aber eben nicht vor der versammelten Verlegerschaft, zahllose Chefredakteure eingeschlossen. Beide Politiker verfehlten schlicht ihre Zielgruppe. Immerhin: Man war sich auf dem Podium weitgehend einig, dass der Monopolist Google, der in Deutschland keine Steuern zahle, ob seiner marktbeherrschenden Stellung als Suchmaschinen-Anbieter unter Kuratel genommen werden müsse. Streit gab es dagegen, ob private oder doch eher staatlich-finanzierte, aber letztlich trotzdem staatsferne Stiftungen dem Journalismus und der Verlagsbranche aus der Patsche helfen sollten.

Richtig spannend wurde es erst, als Springer-Chef Mathias Döpfner das Podium erklomm und dem Qualitätsjournalismus, aber auch der gedruckten Zeitung eine glorreiche Zukunft verhieß – unter anderem deshalb, weil sie das einzige Trägermedium sei, bei dem der Leser keine Daten-Spuren hinterlasse. Ob er das freilich selber glaubt? Und wenn ja, weshalb hat er gleichwohl alle Regionalzeitungen seines Konzerns verkauft?

Fulminanter Schlusspunkt des Nachmittags: Ein Auftritt von John Harris, des Gründers und Chefredakteurs von Politico, eines höchst erfolgreichen Start-ups, das die Washingtoner Polit-Szene ausleuchtet und mehr und mehr die Washington Post von ihrem angestammten Posten als Leitmedium der US-Hauptstadt verdrängt. Die Botschaft hier: Wenn schon „general interest“-Medien wie etwa Regionalzeitungen sich schwer tun, in der digitalen Medienwelt zu überleben, so gibt es doch zahlreiche Marktnischen, die sich neu auftun. Politico, das demnächst unter den Fittichen der Springer AG nach Europa expandieren wird, ist dafür fraglos ein herausragendes Beispiel: Das Projekt, das 2006 mit 12 Journalisten durchstartete, ist profitabel, beschäftigt inzwischen 200 Mitarbeiter und bietet alles Insider-Wissen zur Politik in Washington – von der Gratiswebsite über eine Printversion bis hin zum sündhaft teuren Newsletter, der für 10 000 Dollar Jahresabo die politischen Entscheider mit Exklusiv-Nachrichten versorgt. Eines der Erfolgsrezepte: Neue Formen des Story-Telling. Die Gründer hätten sich, so Harris, gefragt, warum „es so viel interessanter ist, einem Reporter an der Bar zuzuhören“, als „die Geschichten zu lesen, die er in seiner Zeitung veröffentlicht“.

Tags darauf dann der Auftritt von Pietro Supino, dem Verwaltungsratsvorsitzenden der Tamedia, der sozusagen im kleinen Grenzverkehr zum Gegenbesuch aus der Schweiz nach Berlin gekommen war, nachdem kurz zuvor gerade Döpfner in Zürich einen Auftritt zelebriert hatte. Supino macht eigentlich das genaue Gegenteil von Döpfner, aber bislang ebenfalls mit vorzeigbarem Erfolg: Während Springer zusammen mit anderen deutschen Großverlegern Gratiszeitungen abgewehrt hat, ist 20 Minuten zur Cash Cow von Tamedia geworden; während Tamedia sein TV- und Radio-Geschäft abgestoßen hat, hat Springer n-tv hinzugekauft, um in einer konvergenten Medienwelt multimedial aufgestellt zu sein; nachdem Tamedia im Regionalzeitungsgeschäft expandiert und sich in der Suisse Romande Edipresse einverleibt hatte, verscherbelte Springer all seine Regionalblätter, um sich digital nur noch auf die Marken Bild und Welt zu konzentrieren.

Nur exorbitant viel Geld verdienen möchten weiterhin alle beiden Konzernherrn, und einig sind sie sich auch in ihrer Skepsis gegenüber einer Ausweitung staatlicher Presseförderung, welche die Pressefreiheit und Unabhängigkeit der Verlage gefährde. Schade eigentlich nur, dass weder Supino noch Döpfner so richtig als Gurus für die kleineren Regionalzeitungsverleger taugen – weshalb man sich schon ein bisserl über die Kongress-Regie wundern darf, die ausgerechnet zwei Haien im deutschsprachigen Verlags-Karpfenteich das grosse „Vorschwimmen“ ermöglichte…

Erstveröffentlichung: nzz.ch vom 30.9.2014

Bildquelle: Thomas Geiregger / flickr

 

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