Medien-Monopoly

7. April 2006 • Medienökonomie • von

Neue Zürcher Zeitung, 7. April 2006

Ein Überblick über die grössten Medienkonzerne
Es ist noch nicht einmal 25 Jahre her, da erregte der US-Medienforscher Ben Bagdikian mit einem Buch weltweit Aufsehen. Er prognostizierte darin, dass es nicht mehr lange dauern werde, bis eine Handvoll grosser Unternehmen vollständig kontrollieren würde, «was der Durchschnittsamerikaner zu sehen und zu hören bekommt», und stellte in Aussicht, dass diese Kraken der Medienindustrie nicht nur in den USA, sondern weltweit die Nachrichtenströme lenken würden. Das Buch hatte einen geradezu genial doppeldeutigen Titel: «The Media Monopoly».

Prognose nur teilweise eingetroffen

Das Monopoly-Spiel in der Medienbranche hat sich seither in atemberaubendem Tempo beschleunigt, aber die Prognose von Bagdikian ist dennoch nur in Bruchstücken eingetreten. Faszinierend ist eher, wie sich weltweit unter den 50 Big Players der Medienbranche noch immer die Gewichte verschieben.

Wie Lutz Hachmeister und Günther Rager in der neuesten Ausgabe ihres Kompendiums über die 50 grössten Medienkonzerne der Welt zeigen, sind zwar – konform mit Bagdikians Vorhersage – vor allem die ganz Grossen noch grösser geworden. So konnten die ersten 10 auf der Rangliste ihren Umsatz innerhalb von zehn Jahren (von 1995 bis 2004) von knapp 70 auf 170 Milliarden Euro steigern. Für die 50 Branchengrössten insgesamt hat sich dagegen das Umsatzvolumen «nur» gut verdoppelt. Dabei sollte man im Auge behalten, dass die Zeitspanne auch jene Jahre umfasst, in denen die Medienwirtschaft nach dem Platzen der New-Economy-Träume in ihre seit langem schwerste Krise taumelte.

Die drei grössten US-Medienunternehmen Time Warner, Walt Disney und Viacom konnten ihre Spitzenpositionen halten ebenso wie Rupert Murdochs News Corporation, die in Australien residiert. Die grössten Europäer, Bertelsmann und Vivendi, sind dagegen vom 2. auf den 5. beziehungsweise vom 7. auf den 9. Platz zurückgefallen.

Microsoft nicht mehr aufgeführt

Die Schweizer Ringier-Gruppe hat noch keinen Platz unter den ersten 50 ergattert. Auch deutsche Unternehmen finden sich – eben mit Bertelsmann und der ARD (Rang 15) als Ausnahme – nur auf den hinteren Rängen. Die Springer AG, die wochenlang wegen ihres Versuchs zur Übernahme von ProSiebenSat 1 in den Schlagzeilen stand, ist von Platz 28 auf Platz 44 zurückgerutscht. Burda, Holtzbrinck, die WAZ-Gruppe und ProSiebenSat 1 rangieren ganz am Ende der Rangliste. Italiens Mediaset, das TV-Konglomerat von Ministerpräsident Berlusconi, hat sich dagegen von Platz 35 auf Platz 29 vorgearbeitet. Nicht mehr gelistet wurde Microsoft, da sich «das erwartete Engagement bei den Inhalten nicht eingestellt hat». Aus ähnlichem Grund ist auch Google noch nicht dabei; 2004 war das Unternehmen – zumindest als «Content»-Produzent – noch nicht unter den ersten 50.

Aus dem gesamten asiatischen Raum sind bisher nur fünf japanische Unternehmen auf der Liste vertreten. Schon dieser Umstand lässt ahnen, dass das Medien-Monopoly weiterhin für Überraschungen gut sein wird. Wenn Hachmeister/Rager irgendwann zwischen 2010 und 2020 die Big Players der Branche porträtieren werden, ist bereits jetzt trotz allen Konzentrationstendenzen absehbar, dass es auch dann noch 50 sein werden – und nicht die von Bagdikian prognostizierten weltbeherrschenden 5.

 

Lutz Hachmeister / Günther Rager: Wer beherrscht die Medien? Die grössten Medienkonzerne der Welt. Verlag C. H. Beck, München 2005.

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