Non-Profit-Medien: Vision oder Notlösung?

12. Mai 2014 • Medienökonomie • von

Sie haben der traditionellen Medienlandschaft zugesetzt: Die Digitalisierung und die Anzeigenkonkurrenz im Netz, durch Google, Facebook und Yahoo. Wie soll Qualitätsjournalismus in der Zukunft finanziert werden? Diese Frage beschäftigt die Medienökonomie seit Jahren und immer häufiger wird in der Debatte der Ruf nach öffentlicher Unterstützung laut, speziell auch für neue Onlinemedien.

Doch welche Möglichkeiten gibt es dafür und wie stehen die Medienmacher selbst dazu? Dem geht eine nun veröffentlichte Studie der Medienwissenschaftlerin Rebecca Coates Nee von der School of Journalism and Media Studies an der San Diego State University nach.

Coates Nee hat dazu im Jahr 2011 zehn Führungskräfte bei neun US-amerikanischen Non-Profit-Medienorganisationen interviewt, die ihre Angebote als Antwort auf die zunehmende Boulevardisierung der Mainstream-Medien begreifen. Die anonymisiert gehaltenen Medien bestanden zum Zeitpunkt der Befragung über Zeitspannen zwischen sechs Monaten und sechs Jahren, hatten zwischen zwei und 24 Vollzeit-Mitarbeiter und waren quer über die Staaten verteilt – brachten also alle äußerst unterschiedliche Voraussetzungen mit. Doch in entscheidenden Punkten waren die befragten Journalisten dennoch einer Meinung: Sie haben viel zu wenig Geld für ihre Arbeit zur Verfügung. Und: Sie wollen dennoch weder Paywalls errichten noch Geld vom Staat annehmen. Ein prekärer Widerspruch.

Die Forderungen vieler Experten nach einer öffentlichen Förderung der Medien in den Staaten bezieht sich explizit auf die Unterstützung lokaler und regionaler Non-Profit- Onlinemedien, wie sie ab 2005 zunehmend mithilfe von Spendengeldern und Mitgliedsbeiträgen entstanden sind. Etwa 80 darunter haben sich seit 2009 zum Investigative News Network (INN) zusammengeschlossen, dem alle Interviewpartner der Wissenschaftlerin Coates Nee angehören.

Viele Experten sehen in Plattformen wie dem INN das Potenzial, Lücken in der regulären Berichterstattung zu füllen. Auch international wird oft auf das Beispiel der vielen US-amerikanischen Journalistengemeinschaften mit dem Status der gemeinnützigen Organisation verwiesen, die wie das renommierte Büro ProPublica den spendenfinanzierten Recherchejournalismus hochhalten.

Einige der progressivsten Debattenbeiträge zur künftigen Finanzierung des Journalismus in Deutschland stammen etwa von dem freien Journalisten Daniel Drepper, der durch Auslandsaufenthalte viel Erfahrung mit dem US-System gesammelt hat. Er fordert, auch in Deutschland die Gemeinnützigkeit für Medienorganisationen zu erleichtern. Dazu müsste nach Dreppers Ansicht Artikel 52 der Abgabenordnung geändert werden, sodass Medienarbeit explizit darin benannt wird. Bisher müssen Medien stattdessen die strengen Kriterien erfüllen, die an eine Bildungseinrichtung mit gemeinnützigem Status gestellt werden – was äußerst zeitraubend ist und deshalb noch von kaum einem Medium genutzt wird.

Doch bei genauerem Hinsehen zeigt sich: Dreppers Vorschläge und Empfehlungen für das deutsche System durch Experten wie etwa dem Vorsitzenden des Global Investigative Journalism Network, David Kaplan, enden an dem Punkt, der in den USA aktuell den Status Quo markiert.

Damit ist die Debatte in Deutschland bestenfalls dort angekommen, wo Coates Nees Beitrag ansetzt. Ein Problem, das viele Fans des gemeinnützigen US-Journalismus häufig übersehen, ist dabei zum einen die rechtliche Grauzone, in der viele der gemeinnützigen Plattformen agieren müssen. Während Coates Nee ihre Studie durchführte, begann die Bundessteuerbehörde der USA, den gemeinnützigen Status einiger neu entstehender Medien zu hinterfragen. Es zeichnet sich also auch in den Staaten ab, dass die Vorteile über diese Form der Medienorganisation in der Zukunft nicht mehr so selbstverständlich und einfach zu erreichen sind.

Zum anderen kristallisiert sich in den vergangenen Jahren immer deutlicher heraus, in welch prekärer finanzieller Situation sich auch diese Organisationen befinden. Ein Beitrag im Medium-Magazin zum Center for Public Integrity zeigt die Problemlage auf: „Gemäß den letzten publik gemachten Zahlen aus dem Jahr 2011 befindet sich der Etat der Organisation nämlich in Schieflage. Einnahmen von 5,3 Millionen Dollar standen damals Ausgaben von über zehn Millionen Dollar gegenüber“, schreibt der Autor. „Der CPI -Geschäftsführer will noch nicht verraten, wie die Bilanz 2012 konkret aussieht, deutet aber an, dass er den Rotstift ansetzen musste: Die jährlichen Ausgaben hätten sich nun bei sieben oder acht Millionen Dollar eingependelt.“

Auch Manfred Redelfs, der sich schon in den 90ern in seiner Dissertation mit dem investigativen Journalismus in den USA auseinandergesetzt hat, beschreibt ganz offen, auf welchen Strukturen der viel gepriesene Rechercheeinsatz der Organisationen teilweise aufbaut: „Ohne das für amerikanische government watchdog organizations typische Heer an Praktikanten, die nur eine kleine Aufwandsentschädigung erhalten oder über Dritte bezahlt werden, wäre die BGA (eine Non Profit-Organisation, die Recherchen vorbereitet – Anm. d. Red.) kaum arbeitsfähig.“

Coates Nees Befragung bestätigt diese Hinweise: Obwohl in den USA traditionell eine größere Spendenbereitschaft besteht als in Deutschland, müssen die gemeinnützigen Medien darben. Alle Interviewten gaben an, dass ihre Organisationen unter starkem finanziellen Druck stehen. Fünf Journalisten empfanden die finanzielle Ressourcenknappheit ihres Mediums als starke Einschränkung. Zwei Befragte konkretisierten, dass vor allem im digitalen Bereich eine so geringe Wertschätzung für journalistische Arbeit herrsche, dass sie nur mit harter Arbeit genügend Mittel einwerben könnten. Die Kostenlos-Mentalität im Netz bedrohe eben auch die neuen digitalen Startups, die dem Gemeinwohl dienen wollen.

Sechs der neun Medienangebote erhielten damals das Gros ihrer Mittel von diversen lokalen und nationalen Stiftungen, drei zehrten dagegen von den Gaben einzelner Großspender. Diese drei von wenigen Geldgebern abhängigen Medien waren besonders unzufrieden mit der Lage. Bis auf eine Medienorganisation erzielten alle auch Einnahmen über Werbung und Sponsoring, teils von staatlichen Einrichtungen. Dasselbe galt für Einnahmen über Kooperationen, innerhalb derer die Medienorganisationen Recherchen oder Beiträge an Partner aus dem kommerziellen oder öffentlichen Mediensektor verkaufen. Diese verbreiten die Inhalte dann über ihre eigenen Kanäle – es besteht also eine Art Zuliefererverhältnis.

Allerdings beklagten sich die interviewten Journalisten, ihre Kollegen bei den kommerziellen Partnern wüssten die Recherchen ebenso wenig zu schätzen wie viele Internetnutzer und seien meist nur bereit, geringe Preise zu zahlen. Eine untergeordnete Rolle spielten Ausbildungsangebote der Medienplattformen für andere Journalisten und Nachwuchs. Auch Schenkungen und Freiwilligenarbeit fielen kaum ins Gewicht.

Vor dem Hintergrund hinterfragt Coates Nee die bestehenden Finanzierungsstrukturen und die Tabuisierung staatlicher Unterstützung. Sie versucht den Blick für neue Optionen zu öffnen, wie speziell die neu geschaffenen Onlinemedien auch ohne Selbstausbeutung der Mitarbeiter überleben können. Doch trotz ihrer prekären Lage lehnten alle zehn Medienvertreter in der Befragung direkte staatliche Unterstützung ab.

Sechs der zehn Befragten waren um die Glaubwürdigkeit ihres Mediums besorgt, was sich etwa in dem folgenden Zitat eines Interviewpartners zeigt: „Ich meine, wie kann die Öffentlichkeit uns vertrauen, wenn die Regierung, die wir untersuchen sollen, uns finanziert?“ Vier Interviewpartner sahen mit staatlichen Geldern tatsächlich berufsethische Konflikte verbunden – dem Gedanken folgend, dass sie die Hand, die sie füttert, womöglich nicht mehr mit der Verlässlichkeit beißen könnten, wie es ihre gesellschaftliche Funktion als kritische Beobachter der Mächtigen eigentlich verlangt.

„Ich könnte nicht gut damit leben, staatliche Subventionen zu bekommen oder gar Schenkungen“, formuliert es einer der Befragten. „Ich sehe einfach nicht, wie die Spannung aufgelöst werden sollte, dass wir die Regierung kontrollieren sollen, während sie uns finanziert.“

Außerdem problematisierten vier der Medienvertreter, dass bei einer staatlichen Finanzierung eine Ungleichbehandlung verschiedener Medien drohe, weil der Staat nicht alle Medien gleich unterstützen könne und so eine – womöglich politisch geleitete – Auswahl treffen müsse. Tatsächlich wurde ein ähnliches System, mit dem in Frankreich ausgewählte Onlinemedien zwischen 2009 und 2012 mit 60 Millionen Euro gefördert wurden, aus genau diesem Grund kritisiert: Es profitierten hauptsächlich große, etablierte Medien, nicht alternative Portale.  Doch auch jene geförderte Medien, die eigentlich eine Alternative zu den traditionellen Publikationen bilden wollten, wurden angegriffen.

Die Beobachter befürchteten, dass nun auch sie sich ähnlich staatsnah geben könnten, wie es der traditionellen Presse mit den vielen engen Beziehungen zwischen Journalisten und Politikern vorgeworfen wird. Daran schloss sich mit dem Digital Publishing Innovation Fonds ein Programm an, auf das sich Frankreichs Regierung mit Google anstelle einer Regelung zum Leistungsschutz geeinigt hatte. Die 60 Millionen Euro sollten durch eine Kommission aus Verlegern, Regierungsvertretern und Google-Managern vergeben werden – was wiederum für eine relativ vorhersehbare Vergabe spricht.

Coates Nee benennt diese berechtigten Sorgen nur kurz und führt sie nicht aus – verkürzt den Sachverhalt also ebenso wie die Gegner staatlicher Subventionen. Dabei böte sich mit Dänemark ein System, auf das sie verweisen könnte: 2013 wurde dort die Medienförderung umgestellt, sodass nun nicht mehr Vertrieb und Druck-Herstellung subventioniert werden, sondern stattdessen journalistische Produkte, die einen gewissen Anteil politischer Information erfüllen. Davon sollen dann auch verstärkt genuine Onlinemedien profitieren– so, wie es Coates Nee für die USA in ihrem Modell durchspielt.

Eine Idee, wie journalistische Leistungen ohne politische Einflussnahme als förderungswürdig erkannt werden könnten, liefert die Medienökonomin Marie Luise Kiefer. Neben einer zertifizierten Professionalisierung des Berufsstandes, vergleichbar mit Juristen und Medizinern, empfiehlt sie, Journalismus mit öffentlichen Geldern zu fördern. Die Kriterien für eine Förderungswürdigkeit sollten nicht Staatssekretäre oder politische Vertreter festlegen, sondern Medien- und Politikwissenschaftler, Journalisten und Juristen in einer Kommission erarbeiten. Kiefer ist überzeugt: „Das Geld ist vorhanden, man muss es nur umschichten. Das Problem ist der Wille – der Wille der Politik und der beteiligten Gruppen.“

Eine dieser bisher unwilligen, beteiligten Gruppen sind auch die von Coates Nee befragten Journalisten. Interessant ist angesichts der strikten Ablehnung gegenüber staatlichen Geldern, dass sich die Medienmacher laut Coates Nee gar nicht immer im Klaren darüber waren, was bereits als staatliche Unterstützung zu werten ist. So gaben zwei Medienvertreter an, dass ihre Organisationen einige Einnahmen über Werbeanzeigen der lokalen politischen Einrichtungen und der Verwaltung oder über amtliche Bekanntmachungen erzielten –  wobei sie dies nicht als eine Förderung ihres Mediums begriffen. Stattdessen ordneten sie es als eine bezahlte Dienstleistung nach dem Konzept der Werbung in kommerziellen Medien ein, was Coates Nee anders bewertet. Mehrere Befragte zeigten sich offen dafür, für staatliche Einrichtungen kostenpflichtige Datenservices anzubieten – auch wenn sich dies im Graubereich zur staatlichen Abhängigkeit bewegt.

„Bei all dem geht es um die Finanzierung von investigativem Journalismus“, erklärte einer der besagten Journalisten. „Wir hoffen, mit unseren Kompetenzen im Umgang mit Daten am Markt Einnahmen erzielen zu können, die uns wiederum den Journalismus ermöglichen, den wir uns vorstellen.“

An dieser Haltung setzt Coates Nee ihre Kritik an und macht deutlich, dass die Journalisten nicht konsequent handeln und eventuell die Gefahren überbewerten, die von staatlicher Finanzierung ausgehen: „Wenn die Führungspersonen der Non-Profit-Medien eine strikte Linie ziehen und sich gegen jede staatliche Hilfe verwehren würden, müssten sie staatlich finanzierte Anzeigen und Räumlichkeiten wie in Universitäten und anderen öffentlichen Gebäuden ablehnen, könnten nicht mit öffentlichen, sondern nur mit privaten Medien kooperieren und müssten ihren gemeinnützigen Status ablegen.“ Doch gleich darauf stellt sie klar, wie sie zu solch radikalen Ideen steht: „Diese Schritte erscheinen unpassend und unnötig.“

Coates Nee erkennt die schwer lösbare Situation – und geht doch einen Schritt weiter, da sie die bisherige finanzielle Lage der Medienorganisationen als unhaltbar ansieht. Denn während alle Befragten die Gemeinnützigkeit als ihre einzige Chance ansahen, gaben fünf Journalisten auch an, dass der Status sie auch an innovativen Kooperationen und Projekten hindere, da sie sich nicht für größere Investitionen öffnen könnten.

Daran knüpft Coates Nee an und blickt auf eine neue, bisher kaum beachtete Option, die Gestaltung von Medien als so genannte Low Profit-Organisation. Laut einem Bericht der ‚Governor’s Task Force on Social Innovation, Entrepreneurship, and Enterprise‘ operierten 2013 in neun Bundesstaaten und zwei autonomen indianischen Verwaltungsbereichen staatenweit nur 711 Organisationen unter Lowprofit-Status. Dies liegt vor allem an bürokratischen Hindernissen, welche die noch relativ junge Organisationsform unattraktiv machen. Nur in 10 Staaten und den zwei Verwaltungsgebieten gibt es die gesetzlichen Rahmenbedingungen für die Unternehmensform bereits, 26 weitere Staaten haben entsprechende Entwürfe für Gesetzesänderungen entwickelt, allerdings noch nicht umgesetzt. Coates Nee fordert, hier anzusetzen und das System gangbarer zu machen. Denn dann seien die Medien offen für private Investitionen und öffentliche Gelder sowie Spenden, wobei weiterhin die Arbeit zugunsten der Gemeinheit im Fokus der Organisationen stehe.

Eine Überlegung, die auch für andere Länder wie etwa Deutschland interessant wäre, um nicht in die Situation zu geraten, wie sie die Autorin für die USA beschreibt: „Bis Journalisten, die an den gesellschaftlichen Bedürfnissen orientierte Medienorganisationen aufsetzen wollen, mehr Sicherheit und Anreize dafür erhalten, bleibt die Sicherung unabhängiger Medien-Startups den Kräften des Marktes ausgesetzt – und dem Goodwill einiger großzügiger Gönner beziehungsweise der Spendenbereitschaft der Öffentlichkeit.“

Coates Nee, Rebecca (2014): „Social responsibility theory and the digital nonprofits: Should the government aid online news startups?“ In: Journalism, Jg. 15, H.3,  S. 326-343.

Bildquelle: S. Hofschlaeger  / pixelio.de

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