Ringgi und Springgi

19. Januar 2015 • Medienökonomie • von

Unbemerkt von der Öffentlichkeit hat Ringier soeben seine Marktmacht in der Schweiz massiv gesteigert.

 

Zuerst die nackten Zahlen der Fusion. Der gemeinsame Umsatz liegt bei 300 Millionen Franken. Der Gewinn vor Steuern und Abschreibungen erreicht 62 Millionen Franken. Das ist, in nackten Zahlen, eine beeindruckende Dimension. Nur drei Schweizer Verlagsunternehmen machen mehr als 300 Millionen Umsatz im Jahr.

Kurz vor Weihnachten fusionierten Ringier und Axel Springer Schweiz ihr Zeitschriften- und Zeitungsgeschäft. Beide Partner bringen ihr gesamtes Portfolio in das Joint Venture ein. Bei Axel Springer sind es Titel wie Beobachter, Tele, Handelszeitung und Bilanz. Bei Ringier sind es Titel wie Schweizer Illustrierte, Glückspost, Le Temps und L’Hebdo. Nur Ringiers Blick-Gruppe ist nicht Teil des 300-Millionen-Mergers.

Weil es kurz vor Weihnachten war, blieb der Deal in der Öffentlichkeit fast unbemerkt. Wir müssen darum etwas nachfassen. Es geht um die wichtigste Medientransaktion seit der Übernahme von Edipresse durch Tamedia im Jahre 2009. Gegen außen wurde die Ringier-Springer-Fusion als eine 50:50-Gemeinschaftsfirma präsentiert. Das ist sie nicht. In Wirklichkeit hat Ringier die Axel Springer Schweiz gefressen. Springer ist kein Faktor mehr

Um das zu erklären, gehen wir kurz in die Betriebswirtschaft. Bei der Fusion wurde, wie üblich, der Wert der beidseitig eingebrachten Aktivposten berechnet. Valuation nennt man diesen Prozess, der auf Umsatz- und Ertragszahlen basiert. Es lässt sich leicht berechnen, wie die Valuation ausfiel. Es zeigte sich, dass der Wert der Ringier-Titel über sechzig Prozent der gemeinsamen Firma ausmachte, der Wert der Axel-Springer-Titel aber unter vierzig Prozent lag. Axel Springer musste also gehörig nachzahlen, um ein Fünfzig-Prozent-Partner zu werden.

Springer zahlte denn auch. Allerdings zahlte das deutsche Medienhaus nicht in bar. Man bezahlte durch den Verzicht auf unternehmerische Mitbestimmung. So holte sich Ringier das Recht, das neue Joint Venture voll zu konsolidieren. Ringier kann damit hundert Prozent von Umsatz und Gewinn der gemeinsamen Firma in seiner Bilanz ausweisen, obwohl ihr formal nur die Hälfte gehört. Ringier bekam dazu im Verwaltungsrat den Stichentscheid. Ringier darf auch immer den CEO stellen.

Ringier hat also das alleinige Sagen. Axel Springer Schweiz ist nur ein Juniorpartner. De facto ist der Berliner Medienkonzern im Schweizer Markt damit kein Faktor mehr. Das ist eine bemerkenswerte Zeitwende. Zuvor war Axel Springer der einzige ausländische Verlag, der in der hiesigen Medienindustrie zu den Hauptdarstellern zählte. Der Aufstieg begann 2007, als Springer die Zeitschriften von Investor Tito Tettamanti erwarb und dann weiter auf Wachstumskurs ging. Nun ist dieses Kapitel abgeschlossen.

Verhandelt wurde der Ringier-Springer-Deal auf höchster Ebene. Bei Springer waren es Vorstandschef Mathias Döpfner und der Schweizer Ralph Büchi in seiner Funktion als President International. Bei Ringier war es CEO Marc Walder. Büchi überließ Ringier schließlich das Diktat, weil er, als guter Stratege, im internationalen Markt mehr Potenzial als in der Schweiz ausmachte. Walder, auch er strategisch denkend, kann mit der Fusion und deren Synergien seine Umsatzmarge nach oben bringen. Denn noch immer ist die Rentabilität nicht die Stärke seines Hauses. Nicht zum Zug kam hingegen Tamedia, die mit Axel Springer Schweiz ebenfalls lange verhandelt hatte.

Es war kurz vor Weihnachten, als der Schweizer Zeitschriftenmarkt neu geordnet wurde. Die Neuordnung geschah fast unbemerkt. Die neue Ordnungsmacht heißt Ringier.

 

Erstveröffentlichung: Weltwoche vom 8. Januar 2015

Bildquelle: AgenceTasmanie/Flickr.com

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