Wann “rechnet” sich Zensur?

1. April 2006 • Medienökonomie • von

Message, 2/2006

Ökonomischer Blick auf Medien und Journalismus
In der Forschung zum Journalismus gewinnt seit einiger Zeit die ökonomische Perspektive an Bedeutung. Wissenschaftler diskutieren beispielsweise darüber, ob sich nicht auch Journalisten letztendlich wie „Kaufleute“ verhalten: Wenn sie abwägen, ob sie ihre knappe Ressource Zeit in ein Thema investieren sollen. Wenn sie Grenzkosten und Grenznutzen einer Recherche berechnen. Und wenn sie den „Ertrag“ überschlagen, welchen sie sich – beispielsweise in Form von Quoten- oder Auflagensteigerung – von einer Story versprechen.

Journalismusforscher, die Anleihen bei der Wirtschaftswissenschaft machen, kratzen aber nicht nur am hehren Idealbild des rasenden Reporters, der ausschließlich das Wohl des Publikums im Kopf hat – sie kommen zugleich zu spannenden neuen Perspektiven auf aktuelle Mediendebatten. Anregungen dieser Art finden sich auch in dem Band „Medienökonomik“, den Gerhard Hosp, zuvor Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Fribourg und inzwischen Mitarbeiter der Neuen Zürcher Zeitung, kürzlich vorgelegt hat. Hosp diskutiert aus ökonomischer Sicht über Medienkonzentration, Medienzensur und das Verhältnis von PR und Journalismus. Beispiel Zensur: Anders als viele feurige Kommentatoren in der Tagespresse begnügt sich Hosp nicht damit, Eingriffe in die Medienfreiheit rundweg zu verdammen – er wagt vielmehr das Gedankenexperiment, nüchtern gegeneinander aufzurechnen, welche „Kosten“ eigentlich durch die Zensur der Presse anfallen, und welche „Erträge“ sich die Zensoren hiervon erhoffen. Illustriert wird dies nicht nur am Beispiel autokratischer Regimes, sondern auch anhand von Selbstzensur in demokratischen Gesellschaften. So beobachtet Hosp in den USA für den Beginn der beiden Golfkriege eine hohe Bereitschaft der Bürger, eine Zensur der Kriegsberichterstattung zu unterstützen – und dies nicht nur, um dem Feind wichtige strategische Informationen vorzuenthalten, sondern auch und vor allem, um die „psychologischen Kosten“ zu minimieren, die anfallen, „wenn mögliche Gräueltaten der eigenen Armee bekannt werden.“ Indem Hosp die einschlägige Forschung resümiert, wirft er spannende Fragen von ungebrochener Aktualität auf – man denke beispielsweise an die auch in den USA vielfach beklagte Selbstzensur der amerikanischen Medien, die auf die zweite Welle von Folter-Fotos aus dem Gefängnis Abu Ghraib mit größter Zurückhaltung reagierten. Beispiel Medienkonzentration: Hat die Abnahme von Wettbewerb auf dem Zeitungsmarkt in der Tat Qualitätseinbußen zur Folge gehabt? Hosp beleuchtet auch diese seit langem hitzig geführte Debatte aus ökonomischer Sicht von einer neuen Seite: Am Beispiel der Schweiz weist er nach, dass die Verarmung der Zeitungslandschaft auch dazu geführt hat, dass im Schnitt immer weniger Zeit in die Zeitungslektüre investiert wird – je geringer die Vielfalt, desto unzufriedener also der Medienkonsument. Hosp bietet eine anregende, wenn auch nicht einfache Lektüre – und macht zugleich Lust darauf, durch die „Brille“ der Wirtschaftswissenschaft einen neuen Blick auf altbekannte Mediendebatten zu werfen.

 

Gerald Hosp (2005): Medienökonomik. Medienkonzentration, Zensur und soziale Kosten des Journalismus. Konstanz: UVK Medien.

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