Ziemlich falsche Freunde

22. Februar 2017 • Aktuelle Beiträge, Digitales, Medienökonomie • von

Das Verhältnis der Medien zu Facebook, Twitter & Co. ist ambivalent. Auf lange Sicht könnten die Netzwerke mehr profitieren als die Medien, meinen Kommunikationswissenschaftler.

Journalisten produzieren nicht nur Medienangebote, sie nutzen selbst auch welche, selbstverständlich auch Social Media. Und so verwundert es nicht, wenn nach Googles „Digital News Initiative“ nun auch Facebook mit dem „Journalism Project“ Millionen in die Zusammenarbeit mit der Presse investiert.

Doch wie nutzen Journalisten Twitter, Facebook & Co., worin besteht der praktische Nutzen? Und: Welchen Einfluss gewinnen Social Media damit auf Redaktionen und Journalismus?

Drei schwedische Forscherinnen haben herausgefunden, dass zwei Drittel der Journalisten täglich Social Media nutzen, sich allerdings eine gewisse Ernüchterung breitmacht: Insgesamt gaben vier von zehn Journalisten an, Social Media seien weniger wichtig für ihre Arbeit als noch vor vier Jahren. Ein Fünftel der Befragten hat ihre Nutzung zurückgefahren oder sogar ganz eingestellt. Hielten 2011 noch fast 60 Prozent Social Media für ein gutes Recherchewerkzeug, so waren es vier Jahre später nur noch ein Drittel. Auch die Bedeutung für die Kommunikation mit den Lesern ist von 56 auf nur noch 36 Prozent abgerutscht.

Der publizistische Nutzen der neueren Netzmedien wird zwar durchaus gesehen, aber der Hype ist vorbei. In den Chefetagen scheint das nicht immer anzukommen: Fast die Hälfte der Journalisten fühlten sich vor allem durch Herausgeber und Chefredakteure zur Social Media-Kommunikation gedrängt.

Aus Sicht der Medienmanager verspricht die Zusammenarbeit mit Facebook, Google oder Apple zwar keinen besseren Journalismus, aber neue Formate und bessere Vermarktung. Beides scheint notwendig, um in Zeiten rückläufiger Printauflagen und Werbeerlöse Journalismus finanzieren zu können. Allerdings stellt sich die Frage, ob Verlage und ihre Redaktionen bald nur noch abhängige Zulieferbetriebe für die neuen Plattformen sein werden. Verloren gehen könnte nicht nur die Leser-Blatt-Bindung, sondern auch die redaktionelle Autonomie. Wenn die wirtschaftlichen Interessen von IT-Unternehmen entscheiden, was publik wird und was nicht, bleibt der öffentliche Auftrag schon mal auf der Strecke: Das Verschwinden der New York Times-App in China zeigt, dass IT-Unternehmen wie Apple nicht nur mit Redaktionen, sondern auch mit autoritären Regimen kollaborieren.

Djerf-Pierre, Monika/ Ghersetti, Marina/ Hedman, Ulrika (2017): Appropriating Social Media. The changing uses of social media among journalists across time. In: Digital Journalism Vol. 4, No. 7, S. 849-860.

Erstveröffentlichung: tagesspiegel.de vom 19. Februar 2017

Bildquelle: pixabay.com

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