Gnadenbrot von den Genossenschaften

16. August 2007 • PR & Marketing • von

Erstveröffentlichung: Weltwoche 32/07

Der Trend in der Werbung geht in Richtung elektronische Medien. Dass die Schweizer Presse trotzdem noch Werbegeld verdient, hat zwei Erklärungen: Bolliger und Loosli.

Heute wollen wir einmal die beiden wichtigsten Männer der Schweizer Medienindustrie vorstellen. Sie heissen Herbert Bolliger und Hansueli Loosli. Die Vorsitzenden von Migros und Coop ernähren nicht nur die halbe Bevölkerung. Sie sind auch die halbe Miete für die Medien. Eben ist die Werbestatistik für das erste Halbjahr 2007 erschienen. Im ersten Halbjahr hat die Migros 145,7 Millionen Franken in Werbung gesteckt. Bei Coop waren es 101,8 Millionen. Nestlé, der drittgrösste Werbeauftraggeber, liegt mit 31,1 Millionen schon deutlich zurück.

Insgesamt wurden im ersten Halbjahr 2007 brutto 1,944 Milliarden Franken für Werbung ausgegeben, ein schönes Plus von 8,2 Prozent. Statistiken sind nur so gut wie ihre Interpretation. Wir wollen drei generelle Einsichten ablesen.

1 – TV boomt gewaltig. Die Zuwachsrate der TV-Werbung beträgt 16,3 Prozent. Die Rate von SF 1 ist noch höher. Die Strategie von Bundesrat Moritz Leuenberger ist also voll aufgegangen. Er machte TV DRS zu einem der ganz wenigen Staatssender ohne Werbebeschränkungen. Nun profitiert man enorm von dieser Günstlingswirtschaft. Im Kielwasser schwimmen die deutschen TV-Fenster fröhlich mit.

2 – 20 Minuten ist ein Weltrekord. Es gibt keine andere Gratiszeitung weltweit, die dermassen erfolgreich ist. 95 Prozent der Gratisblätter verlieren Geld. Die Notendruckmaschine des Hauses Tamedia hingegen wird in der kleinen Deutschschweiz 2007 einen Gewinn von deutlich über 40 Millionen machen. Der derzeit einzige Konkurrent, das Gratis-Abendblatt Heute, kommt im ersten Halbjahr nur auf einen Umsatz von jammervollen 5 Millionen und macht böse Verluste.

3 – Es ist auffallend, wie magersüchtig die Tageszeitungen in klassischer Werbung sind. Im Vergleich besonders umsatzschwach sind die zwei Zürcher Blätter, weil sie rasant Leser verloren haben. Die grossen Consumer-Brands aus Häusern wie Unilever, Nestlé, L’Oréal oder Procter&Gamble meiden inzwischen das gedruckte Angebot und werben fast ausschliesslich am Fernsehen.

Migros und Coop sind die Ausnahme. Drei Viertel ihrer Werbeausgaben fliessen immer noch in die Presse. Das macht in diesem Jahr brutto 350 Millionen Franken. Es wäre ein Sargnagel für die Zeitungen, wenn es Migros und Coop Konzernen wie Unilever, Nestlé, L’Oréal oder Procter&Gamble nachmachen und ebenfalls auf den attraktiveren TV-Werbekanal setzen würden.

Wir können dem Schweizer Verlegerverband nur raten, die Herren Bolliger und Loosli zu Ehrenmitgliedern zu ernennen.

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