Die Alpenrepubliken unter der Forscher-Lupe

24. Oktober 2013 • Qualität & Ethik, Redaktionsmanagement • von

Nahezu zeitgleich haben Medienforscher in der Schweiz ihren diesjährigen Bericht zur Qualität der Medien sowie in Österreich den Journalisten-Report IV vorgelegt. Beide Studien liefern eine Fülle spannender Befunde und Daten, die bislang medial wenig gewürdigt wurden.

Beginnen wir in der Schweiz: Einige Kritiker haben nur die Nase gerümpft und meinten, es gebe nichts Neues, weil sich die Befunde zu den Qualitätsverlusten der Medienberichterstattung seit Jahren wiederholten. Sie haben allerdings nicht so richtig hingeguckt, denn wirklich dramatisch ist der Verlust an Medienvielfalt und die fortschreitende Medienkonzentration, welche die Forschergruppe um Kurt Imhof (Universität Zürich) feststellen.

In nur elf Jahren haben sich die drei Platzhirsche Tamedia, Ringier und NZZ-Gruppe mächtig ausgebreitet: Der Marktanteil der Tamedia AG ist in der Deutschschweiz ist seit 2001 von 19% auf 36%, der NZZ-Mediengruppe von 7% auf 19% und der Ringier AG von 21% auf 27%“ gestiegen, heißt es im Bericht. In der französischen Schweiz dominiert Tamedia seit dem Zusammengehen mit Edipresse ohnehin den Markt – und im Tessin setzt der Konzern mit seinem Gratisblatt 20 Minuti den alteingesessenen Regionalblättern mächtig zu.

Es kommt aber noch schlimmer: Ein zentraler, wenig gewürdigter Befund sei es, so Mark Eisenegger, einer der Ko-Autoren, „dass wir bei den Online-Newssites und Online-Portalen eine noch stärkere Konzentration haben als Offline. Nur gerade die drei größten Verlagshäuser konnten bislang – neben der SRG SSR – einigermaßen nutzungsstarke Newssites betreiben.“ Die Titelvielfalt sei online um 40% kleiner als im Pressesektor.

Bemerkenswerte Erkenntnisse liefert auch die österreichische Studie, herausgegeben von Andy Kaltenbrunner, Matthias Karmasin und Daniela Kraus (Medienhaus Wien). Die erste Hälfte des Titels Journalisten-Report ist missverständlich, denn der Band befasst sich weit mehr mit dem Medienmanagement in Österreich als mit dem journalistischen Fußvolk.

Mit einer Befragung spüren die Forscher den Denkweisen und Ansichten von Verlags- und Redaktionsmanagern in der benachbarten Alpenrepublik nach, die so ganz anders tickt als die Schweiz. Die Stichprobe von 131 befragten Medienmanagern ist allerdings relativ klein, was die Aussagekraft der Studie reduziert. Bei den erstmals erhobenen Basisdaten zur Berufsgruppe gibt es wenig Überraschungen: Es dominieren Männer (74 Prozent), und die wenigen Frauen in Spitzenpositionen verdienen etwa 20 Prozent weniger als ihre Kollegen. „Menschen mit Migrationshintergrund“ schaffen es allenfalls dann nach ganz oben, wenn sie aus Deutschland oder aus der Schweiz migrieren. Nur 52 Prozent der Befragten sind Akademiker.

So richtig spannend wird es erst, wenn die Forscher die Medienmanager mit den österreichischen Journalisten vergleichen. Erstaunlicherweise halten es nämlich die Manager für wichtiger als die Journalisten, „Kritik an Misständen zu üben“ sowie „Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu kontrollieren“ und die „politische Tagesordnung zu beeinflussen. Auch ‘normalen Leuten’ eine Chance geben, ihre Meinungen zum Ausdruck zu bringen.“ Das ist für den Journalismus niederschmetternd – deutet es doch auf einen gewaltigen Mangel an Biss.

Immerhin läuft es den Erwartungen diametral zuwider und zeigt deshalb einmal mehr, dass Forschung gelegentlich zu mehr Erkenntnis verhilft, als der „gesunde Menschenverstand“ glauben machen möchte. Drei Viertel der Manager befürworten darüber hinaus, dass „das Management keinesfalls Einfluss auf die Redaktion haben sollte“. Spätestens an dieser Stelle keimt allerdingst der – von den Forschern geteilte – Verdacht auf, dass ein Teil der Hierarchen auch sozial erwünschte Antworten gegeben haben könnte.

Literatur:

Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft (Hg.): Jahrbuch 2013 Qualität der Medien Schweiz, Basel: Schwabe Verlag

Andy Kaltenbrunner et al. (Hg.): Der Journalisten-Report IV: Medienmanagement in Österreich, Wien: Facultas 2013

Erstveröffentlichung: Schweizer Journalist Nr. 10+11/2013

Bildquelle: Ringier AG / http://www.ringier.com/de/media/images/schweiz/newsroom-zuerich

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