Beim Barte der NZZ

19. Dezember 2014 • Redaktionsmanagement, Ressorts • von

234 Jahre hat es gedauert, bis die Neue Zürcher Zeitung erstmals einen Chefredaktor entliess. Ein Akt der Panik.Wenn man die neusten Ereignisse in der Neuen Zürcher Zeitung verstehen will, dann muss man sich mit dem Thema des Dreitagebarts beschäftigen.

Die Träger eines Dreitagebarts versuchen, so zeigte eine Studie der deutschen Soziologin Christina Wietig, “mächtig und kontrolliert” zu sein, zugleich aber auch “freigeistig und unabhängig”.

Woher ich das weiß? Ich erfuhr es in einem Artikel der NZZ.

Als sich NZZ-Chefredakteur Markus Spillmann vor einem Jahr einen Dreitagebart wachsen ließ, hat man sich innerhalb und außerhalb des Hauses schon gefragt, was er damit signalisieren wollte. Warum tritt der Chef der traditionsreichsten Schweizer Medienmarke in der Öffentlichkeit auf einmal mit einem Gesichtsgestrüpp auf? Macht und Kontrolle? Oder eher Freigeist und Unabhängigkeit?

Genau hier liegt das Problem der NZZ. Sie weiss nicht, was sie will. Im Gegensatz zu anderen Großverlagen wie Tamedia und Ringier hat die NZZ kein Konzept für die Zukunft.

Wenn man derart unsicher ist im Wirtschaftsleben, dann tut man immer dasselbe. Man entlässt jenen, der die eigene, innere Unsicherheit gegen außen verkörpert, in diesem Fall den bärtigen Chefredakteur.

Doch die innere Unsicherheit bleibt.

Chefredakteur Spillmann war zwischen zwei Fronten. Auf der einen Seite stand seine Zeitungsredaktion, die weiterhin an die Kraft der gedruckten Qualität glaubte. Sie konnte zu Recht auf ihren Leistungsausweis verweisen, eines der besten Blätter Europas zu machen.

Freischlag im Personalbereich

Auf der anderen Seite stand der neue CEO Veit Dengler, der den Vorstoss in die digitale Zukunft forderte. Einen Leistungsausweis hat er bis jetzt nicht. Er kündigte so weit bloß an, in Wien eine kleine NZZ-Website zu eröffnen. Das aber sind Peanuts, oder Aschantinüsse, wie man in Österreich sagt.

Die NZZ-Gruppe hat in den letzten Jahren einen fürchterlichen Fehler gemacht. Sie verpasste es komplett, in digitale Stellen-, Immobilien- und Handels-Plattformen zu investieren, wo in Zukunft die Gewinne der grossen Verlagshäuser herkommen werden. Der neue CEO der NZZ korrigierte das nicht. Nun suchte er den Freischlag im Personalbereich.

Spillmann stand also zwischen dem soliden Fundament des klassischen Zeitungsgeschäfts und der fragilen Baustelle des Online-Business. Innerlich glaubte er eher an die Zeitung. Um das gegen außen zu kaschieren, ließ er sich einen Dreitagebart wachsen.

Der Dreitagebart ist das Symbol der Unentschlossenheit. Wer sich als konservativ definiert, der lässt sich einen Vollbart wachsen. Wer sich als futuristisch sieht, der rasiert sich glatt. Die NZZ sucht dazwischen.

Die NZZ wurde 1780 gegründet. Es ist das erste Mal, dass sie mit Markus Spillmann einen Chefredakteur entlässt. Man stelle sich vor, die NZZ hätte je einen Walter Bissegger, Albert Meyer, Willy Bretscher, Fred Luchsinger und Hugo Bütler entlassen. Undenkbar.

Es zeigt, wie groß die Verzweiflung und die Panik im Hause NZZ ist. Man verliert den Stil. Wenn man aber in einem Traditionshaus sogar den Stil verliert, dann verliert man mehr als den Stil. Man verliert das Vertrauen in sich selbst.

Die NZZ-Chefredakteuren waren stets die Götter im Haus. Es spielte keine Rolle, ob sie ihren Job etwas besser oder etwas schlechter machten. Sie waren unantastbar. Sie standen für die große Tradition des Hauses. Tradition hieß Loyalität.

Insofern ist die erste Entlassung eines NZZ-Chefredakteurs eine kleine Tragödie der Mediengeschichte. Eine letzte Romantik der Zeitungsbranche ist dahin. Die NZZ ist nur noch eine Firma wie alle anderen auch.

Bildquelle: Isengardt/flick.com

Erstveröffentlichung: Die Weltwoche vom 11. Dezember 2014

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