Die Entschleunigung des Hauptstadtjournalismus

30. Oktober 2014 • Digitales, Redaktionsmanagement • von

Berlin-Mitte hat schon viele Beinamen verpasst bekommen. Tissy Bruns vom Tagesspiegel sprach von der „Republik der Wichtigtuer“, der heutige SZ-Chefredakteur Kurt Kister von der „Pfaueninsel“, die Journalistin Herlinde Koelbl gar von der Berliner „Meute“ der Journalisten, kurz nach dem Regierungsumzug 1999.

Auf diese Pfade zog mich die Recherche für meine Untersuchung, um herauszufinden, wie der Hauptstadtjournalismus sich im aktuellen Wandel der Medienlandschaft verändert. Dazu befragte ich acht Korrespondenten und Büroleiter aus Berlin.

Es war eine Reise durch Berlin Mitte, Zentrum der politischen wie publizistischen Elite. Die meisten Mediendependancen finden sich auf einem Quadratkilometer, nämlich zwischen Brandenburger Tor im Westen und knapp hinter der Friedrichstraße im Osten, zwischen Französischer Straße im Süden, in der die SZ ihr Büro schräg über dem Restaurant Borchardt hat, und dem Gebäude der Bundespressekonferenz im Norden, in dem unter anderem das Deutschlandradio sitzt.

„Spiegel Online macht das, müssen wir nicht auch?“

Zunächst war interessant zu beobachten, wie unterschiedlich die Tendenzen der Beschleunigung wahrgenommen werden. Zwar sehen alle Befragten, dass sich die Schlagzahl in der Redaktionsarbeit durch das Internet deutlich erhöht hat, in jüngerer Zeit ist aber bei einigen sogar schon der Gegentrend zu beobachten: „Früher hat eine Schlagzeile bei Spiegel Online deutlich mehr an Alarmismus oder Aufgeschrecktheit in unserer Innenredaktion ausgelöst“, sagt Christoph Hickmann, Korrespondent der Süddeutschen Zeitung. Reflexhaft kam der Anruf: „Spiegel Online macht das, müssen wir nicht auch?“ Solche Anrufe seien nun aber immer seltener.

Eckart Lohse, Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, ergänzt: „Schneller als viele Anbieter im Netz kann eine gedruckte Zeitung nicht sein. Wir können nicht mal so schnell wie das Netz sein. Also müssen wir uns auf das konzentrieren, was wir wirklich können, und das ist Tiefe und Breite.“ Für Stephan Detjen, Berlin-Chef des Deutschlandradios, finden sogar beide Prozesse gleichzeitig statt: „Beschleunigung bei den Onlinemedien, Entschleunigung bei den klassischen Medien.“ Es fällt auf, dass vor allem die Vertreter der überregionalen Zeitungen hervorheben, nicht mehr jedem Hype im Netz hinterherzurennen.

Ein Medium, drei Geschwindigkeiten: die taz

Bei der taz – ein interessanter Sonderfall – versucht man, alle drei Geschwindigkeiten mit den gleichen Redakteuren zu bespielen: Die schnelle Nachricht auf der Internetseite, das tägliche Geschäft einer Tageszeitung und die Wochenendausgabe, die inzwischen „mit klarem Wochenzeitungsansatz“ arbeitet, wie Parlamentsbüro-Chef Ulrich Schulte ausführt. Das bringt manche Problematik mit sich: „Es fehlt noch die Strategie, welches Produkt Vorrang hat“, erklärt er – jeder Autor muss einzeln abwägen, was er zuerst angeht. Die Medienhäuser befinden sich noch im Lernprozess, wie sie auf die geänderten Rahmenbedingungen eingehen.

Die Hauptstadtmedien haben erkannt, dass in einer Zeit, zu der  blanke Informationen überall im Netz frei verfügbar sind, exklusive Inhalte her müssen. Und interessanterweise sehen viele das gewisse Extra nicht nur darin, eine Meldung zu publizieren, die sonst noch keiner hat, sei es ein Gesetzentwurf oder eine sonstige durchgestochene Information. Marc Brost, Büroleiter der Zeit, betont, „es gibt hier eine Hatz nach Exklusivität – aber gar nicht so viele exklusive Dinge zu vermelden“.

Vielmehr setzen die klassischen Medien vermehrt auf die Einordnung der Nachrichten, auf die Sachkenntnis ihrer Korrespondenten. Das Deutschlandradio hat dafür eigens eine Frühschicht geschaffen, die ab 6 Uhr auf den Sender gehen kann und die Hintergründe zu den Nachrichten erklärt, die durch Zeitungen oder Onlinemedien morgens verbreitet werden. Die Zeit oder die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung als Wochenmedien gewinnen seit Jahren tendenziell an Auflage, weil sie ihren Lesern die Zusammenhänge hinter der Nachricht liefern. Auch bei den Tageszeitungen geht der Trend in Richtung Erklären und Einordnen.

„Exklusivität gibt es nur noch im Netz“

Solche Hintergrundinformationen sind nämlich nicht so leicht von der Konkurrenz abgeschrieben wie die klassische exklusive Meldung. Hielt sich diese früher noch bis zum nächsten Morgen, ist heutzutage das ePaper schon am Vorabend verfügbar – und die Konkurrenz springt darauf auf, schreibt ab, recherchiert weiter. Marc Brost von der Zeit befindet: „Exklusivität gibt es nur noch über das Netz und im Netz.“

Deswegen scheint sich eine andere Methode durchzusetzen, zu beobachten beispielsweise bei der taz, beim Handelsblatt oder jeden Sonntag bei Spiegel Online: Eine kurze Meldung geht auf die Internetseite, für die ganze Geschichte wird aufs Printprodukt verwiesen. So greift man die Klicks im Netz selbst ab, kannibalisiert aber nicht das Printprodukt – was bei dem Prinzip „online first“ die Konsequenz wäre, wenn die Medien besinnungslos alles auf ihre Webseiten stellten. Die Exklusivanreißer sind nur ein Beispiel für die sinnvolle und nötige Verzahnung von Print und Online, die nicht nur im politischen Berlin heiß diskutiert wird. Künftige Untersuchungen könnten unter die Lupe nehmen, ob sich diese Strategie auszahlt – etwa, weil das ePaper auf Grund solcher Verweise verstärkt abgerufen wird.

Die Berichterstattung zum Fall Wulff war „hart, aber angemessen hart“

Ein weiterer Komplex der Untersuchung beschäftigte sich mit der Macht der Medien: Was ist dran an den Vorwürfen, die zum Beispiel vom Ex-Bundespräsidenten Christian Wulff erhoben wurden, die Medien seien zu mächtig? Bis auf wenige Aspekte fanden die Befragten die Berichterstattung, wie Dirk Kurbjuweit vom Spiegel es ausdrückt, „hart, aber angemessen hart“, niemand wollte den Medien eine zu große Macht unterstellen. Im Gegenteil, Kurbjuweit sieht in der Diskussion „immer auch Versuche, die Unabhängigkeit der Medien zu schmälern“. Thomas Walde, stellvertretender Leiter des ZDF-Hauptstadtstudios, verweist darauf, „dass Politiker zur Rechenschaft verpflichtet sind. Journalisten nehmen das lediglich stellvertretend für die Öffentlichkeit wahr.“ Eckart Lohse von der FAZ sagt, Wulff sei „über sein eigenes Verhalten gestürzt und nicht über die Medien“.

Trotz mancher Exzesse (wie die Berichte, dass Wulff sich für ein Bobbycar erkenntlich gezeigt haben soll) will auch in der Wulff-Affäre kaum einer der Befragten der Medienmacht ein zu großes Gewicht beimessen, wobei natürlich zu bedenken ist, dass es sich um Selbstauskünfte von Journalisten und damit tendenziell auch um sozial erwünschte Antworten bezüglich ihres Rollenbildes handelt.

Als Kollektiv können Medien sehr wohl eine Macht entfalten

Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass die zuweilen als zu groß beklagte Medienmacht auch nur das Ergebnis aus dem Zusammenspiel mehrerer Entwicklungen ist: Zunächst, so bestätigen alle Befragten, haben alte Lager sich aufgelöst. Früher pflegten Journalisten und Politiker enge Kontakte, SPD-Politiker mit Journalisten, die ihre Stelle auf roten Tickets erlangt haben, Unions-Politiker mit Journalisten mit schwarzem Parteibuch. In Politik wie Publizistik standen sich die Blöcke gegenüber, teilweise redete man gar nicht miteinander.

Mit dem Ende der großen, die Gesellschaft beherrschenden Konflikte, seien es die Sozialstaatsreformen oder zuletzt der Atomausstieg, sind die alten Gräben zugeschüttet. Die Politik orientiert sich an Sachthemen, Journalisten werden zunehmend unideologisch. Wird einem Politiker Fehlverhalten vorgeworfen, greifen nicht die alten Verteidigungsreflexe. So war beispielsweise die eher konservative FAZ auch gegenüber dem CDU-Bundespräsidenten Christian Wulff kritisch eingestellt, oder die taz veröffentlichte einen Gastbeitrag zu den Pädophilie-Vorwürfen bei den Grünen, auch wenn das große Diskussionen in der Redaktion gegeben habe, berichtet Parlamentsbüro-Chef Schulte. Doch am Schluss stand das Fazit: „Wir berichten trotz gemeinsamer Wurzeln auch hart über die Grünen. Wir arbeiten hier als professionelle, neutrale Journalisten.“ Auch Lohse von der FAZ sieht eher die Bereitschaft, „härter zu recherchieren und zu berichten als früher. Für die Politiker ist der Umgang mit den Medien insgesamt ungemütlicher geworden.“

Spiegel Online als „Nachrichtenagentur 2.0“

Und wenn dann noch die Mechanismen des Internets hinzukommen, wenn gar manche Onlinemedien die Stoßrichtung vorgeben – Zeit-Journalist Brost bezeichnet Spiegel Online als „Nachrichtenagentur 2.0, die schon eine Bewertung abgibt und damit Anstöße liefert, dass die Herde in eine bestimmte Richtung rennt“ – dann können mächtige Berichterstattungs-Walzen entstehen und die Medien tatsächlich ein erhebliches Gewicht entfalten. FAZ-Korrespondent Lohse sieht, wie die meisten anderen Befragten, die Tendenz, dass Medien „als Kollektiv mächtig sind, aber nie ein einzelnes Medium“.

So war die Reise durch die Berliner Hauptstadtbüros maßgeblich von drei Erkenntnissen geprägt: Die Beschleunigung ist über lange Sicht zu bemerken, aber bei den überregionalen Qualitätsmedien setzen erste Gegentendenzen ein. Exklusiver Inhalt wird als Verkaufsargument wichtiger – meint aber häufig die Sachkompetenz der Redakteure und damit die Berichterstattung über die Hintergründe. Zudem hielten die Befragten die Medien allenfalls dann für mächtig, wenn sie als Kollektiv in die gleiche Richtung rennen. Dies scheint aber durch eine zunehmend ideologiefreie Welt häufiger vorzukommen.

Ein möglicher Ansatzpunkt für künftige Forschung wäre die Untersuchung der Digitalisierungsauswirkungen bei Regionalzeitungen und reinen Onlinemedien ist doch zu erwarten, dass diese Journalisten viel stärker von Beschleunigungstendenzen betroffen sind.

Bildquelle: Flickr.com, oeko-institut e.V.

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