Konstruktiver Dialog und gelebte Fehlerkultur

5. April 2016 • Digitales, Redaktionsmanagement • von

Von Cash zum Beobachter, von 20 Minuten online zu Watson – der 2006 mit dem Zürcher Journalistenpreis ausgezeichnete heutige Chefredakteur von Watson, Hansi Voigt, hat einen kurvigen Weg hin zum umstrittenen Newsportal zurückgelegt.

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Hansi Voigt, Chefredakteur von Watson

Von seriösen Inhalten über Katzenfilme bis hin zu spielerischen Ansätzen von ernsthaften Themen – Watson bietet eine große Bandbreite. Nicht jeder Journalist ist überzeugt von Hansi Voigts Konzept eines „guten Online-Journalismus“. Er schon. Sein Ansatz eines konstruktiven Dialogs und einer gelebten Fehlerkultur findet aber große Resonanz – in der Watson-Community, den Nutzerzahlen und auch bei den Mitarbeitern. „Ich gebe meinen Mitarbeitern sehr viel Vertrauen, und sie übernehmen sehr viel Verantwortung. Gleichzeitig versuche ich auch verzeihlich zu sein, wenn jemand einen Fehler macht“, beschreibt Voigt seine Arbeitseinstellung. Vielmehr würde er wütend sein auf diejenigen, die immer dasselbe machen ohne Fehler. „Sorgfältig etwas auszuprobieren, steht bei mir im Mittelpunkt, denn aus Fehlern lernt man am meisten“, so Voigts zu seiner Führungseinstellung.

Zu einem Fehler zu stehen sei schlussendlich auch keine große Kunst, und gerade im Digitalen leicht zu korrigieren und transparent zu machen. Nicht jeder Bereich seiner Mitarbeiter liegt in Voigts eigenem Fachbereich. Umso mehr erstaunt seine Einstellung, die Teams sehr selbstständig arbeiten zu lassen. Wie viel Übersicht und Einflussnahme ihm dabei aus den Händen gleiten könnte, ist ihm sehr wohl bewusst. „Erfindungen entstehen meist durch zufällige Gedanken, Innovationen entstehen selten in engen Strukturen“, so seine Begründung.

Wenn man ein innovatives Klima schaffen wolle, hänge dies meist auch mit einem gewissen Kontrollverlust zusammen, den man eingehen muss. Seine Kultur des Scheiterns kommuniziert Voigt auch gerne gegen außen. „Ich sagte von Anfang an: Ihr werdet uns beim Fehlermachen zuschauen können“, fügt er an. Schlimm sei dies aber nur, wenn man nicht daraus lerne. Abgesehen davon habe eine solche Fehlerkultur nichts mit mangelnder Sorgfalt zu tun – auch wenn man sehr genau arbeite, mache man trotzdem Fehler. Das soll man ehrlich zugeben. „Das macht uns auch aus, wir vertuschen unsere Fehler nicht“, so Voigt.

Watson bleibt dran

Schon im Treppenhaus der Redaktion hallen dem Besucher Pingponggeräusche entgegen. Zwei Mitarbeiter spielen auf einem Klapptisch eine Partie Mini-Pingpong, unglaublich schnell und konzentriert. Entspannt schlendern sie zurück zur Arbeit, wo Tisch an Tisch das News-Team, Reporter, Community & Marketing-, Sport- und Katzenfilmverantwortliche sich motiviert ihrer Arbeit zuwenden. Die pünktlich zum Vorstellungsgespräch erscheinende angehende Praktikantin wird erst nach Minuten bemerkt. Hansi Voigt ist noch nicht da, erscheint aber fünf Minuten zu spät unauffällig im Raum, bemüht sich gleichzeitig noch schnell um den Empfang, macht einen Kaffee und setzt sich dann gemütlich ins Sitzungszimmer. Druck scheint er keinen zu verspüren. Dem ist aber nicht ganz so. „Wir sind alle sehr motiviert“, setzt er an. „Ausserdem verfolgt man im gesamten Team einen strammen Businessplan“, so Voigt. Aber der Start ins Jahr ist geglückt. Man übertreffe die monatlichen Traffic-Ziele, kommerziell sei man auch klar im geplanten Bereich. Voigt gibt zwar zu: „Wir machen noch Verluste. Aber die Gewinnziele sind klar auf Ende 2018/2019 angelegt, um dann langsam in die schwarzen Zahlen zu kommen.“

Die Umsätze steigen konstant. Wichtig ist aber weiterhin, die Aufmerksamkeit der Leser weiter aufzubauen, um diese Clicks und Visits zu kommerzialisieren. „Bei Watson sieht die Banner- und besonders die Native Ad-Entwicklung sehr gut aus“, gibt sich Voigt zuversichtlich. Beim Traffic laden aktuell etwa täglich rund 300 neue Personen die Watson-App herunter. Ohne Durchhänger geht die Entwicklung bei Watson aber nicht vonstatten: „Wir mussten die Planung nach dem zweiten Jahr teilweise anpassen, wie erwartet, wurde aus dem anfänglichen Projekt ein Marathon. Jetzt, im dritten Jahr, können wir auf eigene Erfahrungswerte zurückgreifen und haben realistische Vorgaben.“ Ziel müsse es sein, die jetzigen Erwartungen noch zu übertreffen und diesen Spielraum für ein noch schnelleres Wachstum zu nutzen. In diesen Mechanismus komme man nun langsam rein.

Genauso wichtig wie die von Voigt gern kommunizierte Fehlerkultur ist ihm eine spielerische Herangehensweise, auch an teilweise ernste Themen: „Man kann zum Beispiel in ein Quiz zur Durchsetzungsinitiative unglaublich viele Informationen packen. Wenn man das Quiz dann spielt, nimmt man diese Informationen auf und kann sich gleichzeitig noch auf seine eigenen falschen Vorurteile überprüfen.“ Dahinter steht der Grundsatz, dass jedes Kind beim Spielen am schnellsten lernt und der Leser auch mal unterhalten werden möchte. Da sollten sich laut Voigt mal einige Journalisten-Kollegen ein bisschen locker machen: „Sogar die New York Times hat ein Kreuzworträtsel. Jede Zeitung hat eine Comicseite oder eine andere sogenannte Seite 12.“ Hinzu kommt: „Ein Journalist ist kein Lehrer“, stellt Voigt klar, „in unseren Tageszeitungen wimmelt es nur so von tragischen Nachrichten. Man kann bei vielen Themen auch versuchen, eine positive Perspektive zu beleuchten, anstatt immer nur zu jammern, dass früher alles besser war.“

Talentfrei zum Manager

„Ich hatte bisher viel Glück in meinem Leben“, beschreibt Voigt seinen Werdegang. Damit meint er nicht nur das Glück, das jeweils für ihn passende Arbeitsumfeld zu finden, sondern vor allem auch „mit den richtigen Personen zusammenarbeiten zu können“. Er stelle nicht gern ein Projekt ganz alleine auf die Beine, habe aber auch immer andere Wahnsinnige gefunden, die etwas ausprobieren wollen. So sind in Voigts bisherigem Leben schon einige Neugründungen entstanden. „Vieles davon hat sich gut entwickelt“, wie er betont. Voigt ist kein Einzelgänger. „Ich bin wahnsinnig gern Teil eines Teams“, bekräftigt er, „aber sicher auch in gutem Maße laut.“

Dabei geht es ihm in erster Linie darum, gemeinsam etwas zu erschaffen, mit einer neuen Herangehensweise. Gerne erzählt Voigt von seiner neuen Führungsphilosophie bei der Entstehung von Watson. „Das Geld bekamen wir zugesprochen, ohne je ein klassisches Organigramm zu zeichnen“, erzählt er selbstbewusst. Watson bezeichnet er denn auch als lebenden Organismus, verzahnt und vernetzt, sich ständig wandelnd. So ist sein Chef der App-Entwicklung gleichzeitig Digitalchef – Marketingabteilung und Community-Redaktion sind in einer Abteilung zusammengefasst –, um so die Community auch als Marketing-Tool zu verstehen, und das Verkaufsteam arbeitet eng mit der Redaktion zusammen. Ein Problem sieht Voigt hier nicht. Die Trennungslinien sind heute nicht mehr pfeilgerade, sondern gebogen, aber sie sind nicht verwischt und immer transparent.

Dieser Organismus, wie Voigt Watson nennt, leiste viel in der Gruppe, sei dadurch sehr innovativ und am Puls der Interaktion. „Diese Gruppenprozesse zu moderieren, ist etwas, das mir wahrscheinlich schon noch liegt“, fasst Voigt etwas zu bescheiden zusammen. Seine Managerseiten hat Voigt schon früh entdeckt – jedoch weniger als Talent, sondern vielmehr als Ausweg aus den eigentlichen Berufswünschen. So wollte er als Teenager Fußballer werden. „Ich konnte ziemlich gut Fußball spielen, bis ich dann so wahnsinnig gewachsen bin“, beschreibt er das Zerplatzen seines ersten Kindheitstraums. Der nächste Berufswunsch war Fotograf. Auch diesen setzte er in die Tat um. „Eigentlich fehlte mir aber das Talent“, so Voigt spottend.

Danach versuchte er als Schlagzeuger seine musikalische Seite, musste jedoch erkennen, dass er nicht gut genug war, um seinen Ansprüchen standzuhalten. Ganz so talentfrei, wie er sich beschreibt, war Voigt aber wohl doch nicht – vielmehr anspruchsvoll: “Ich bin halt einigermaßen ehrgeizig. Nicht so gut zu sein, wie ich möchte, wäre mir peinlich.“ Diese Einstellung hat ihn dazu verleitet, eine Band zu managen anstatt mitzuspielen. In Newcastle, England, gründete er gar sein eigenes Plattenlabel und reiste mit einem Frauenduo um die Welt. So stellte sich zum Schluss heraus, dass er lieber organisiert und einen Organismus füttert und steuert. Eine positive Entwicklung, wie er rückblickend weiß: „Ich hätte immer so gerne ein eindeutiges künstlerisches Talent gehabt. Heute bin ich aber sehr froh darüber, dass ich mich anders behelfen musste.“ Als ehemaliger Journalist schreibt Voigt heute immer noch gerne selber – nur sei das leider meist lediglich noch in der Freizeit möglich. Dafür kann sich Voigt inzwischen auch schriftstellerische Projekte ausmalen: „Ich möchte irgendwann gerne ein Buch schreiben“, erzählt er begeistert. Wovon es handelt, steht auch bereits fest: Medienwandel. Ob dies jedoch eine Analyse oder eher ein Werk der Belletristik wird, soll sich noch zeigen.

Zugunsten des Neuen

Gerade hat Watson die ersten 20 Millionen Franken (ca. 18,3 Millionen Euro) aufgebraucht, weitere Investitionen sind gesprochen. Voigt selbst spricht zwar von guten Nutzerzahlen, von erfüllten Erwartungen auch in den kommerziellen Zahlen – ein solches Großprojekt zu leiten könnte allerdings den Eindruck erwecken, dass deren Chefredakteur etwas mehr unter Druck steht. Hansi Voigt sitzt jedoch eher in seinem Stuhl wie Mister Easy-Peasy höchstpersönlich – nicht arrogant oder unterbeschäftigt, aber auch keineswegs gestresst. Selbstverständlich arbeite er auch meist in seiner Freizeit – „das würde zumindest meine Partnerin sagen“, witzelt er. Aber unter Druck scheint er nicht zu sein. Zu sehr ist er überzeugt vom Erfolg des Newsportals, zu sehr auch ehrlich begeistert davon.

Dass Chefredaktion und Geschäftsleitung zu Ende des letzten Jahres auch einen Teil des eigenen Gehalts streichen mussten, nimmt er leichter als den Abgang einiger Mitarbeiter. „Das war sehr hart – vor allem auch, da man den einzelnen Personen nichts vorwerfen konnte. Obwohl auch sie alle bereits wieder irgendwo untergekommen sind. Watson ist ein guter Aufenthalt im Lebenslauf“, fügt er an. Dass er letztes Jahr einige Mitarbeiter gehen lassen musste, wäre jedoch zum Fortbestand des Ganzen geschehen, erzählt Voigt. Seine Erklärungen klingen ein wenig utilitaristisch, aber auch ein wenig fatalistisch – wie auch Voigts Journalisten-Laufbahn von Cash zum Beobachter, von 20 Minuten zu Watson. Hansi Voigt sieht sich nicht als Philosoph: „Ich mache einfach gerne etwas Neues und habe Freude am Wandel“, so Voigt kurz und bündig, „denn etwas nur erhalten zu wollen, damit sich nichts ändert, ist der falsche Weg“.

Erstveröffentlichung: Werbewoche Nr. 5 / 2016

Bildquelle: Ursina Maurer

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