„Nicht den Seelenfrieden der Pendler belasten“

6. März 2014 • Qualität & Ethik, Redaktionsmanagement • von

Der Blick am Abend darf zwar Realität abbilden, aber nur so weit, als dass das Zielpublikum beim Lesen der Geschichte zufrieden ist, denn „wir haben ja eine positive Grundhaltung“, sagte der Chefredakteur im Zusammenhang mit einem damals erkrankten Bundesrat zu seinem News-Chef.

Zwar gehört die positive Grundhaltung nicht zum klassischen Boulevardjournalismus, wohl aber ganz zentral zum Konzept von Blick am Abend. „Nett sein“ ist journalistisches Programm: Der Chefredakteur wird zum Dienstleister der Pendler. Er sucht nach positiven Geschichten für erschöpfte Leute, die sich werktags zwischen Wohn- und Arbeitsort bewegen. Vorzugsweise spricht sein Blatt jüngere Menschen zwischen 14 und 32 Jahren an.

Das erfährt man in der Dissertation „Eine Zeitung in vier Stunden“ (Zürich 2013, LIT-Verlag; Auszüge und Laudatio), die Franca Siegfried an der Universität Zürich vorgelegt hat. Gerade im Umfeld der Universität Zürich bei Professor Otfried Jarren sowie an der Fachhochschule Winterthur sind in den letzten Jahren wichtige Arbeiten zur Befindlichkeit von Journalistinnen und Journalisten erschienen.

Meist waren Hypothesen die Grundlage, welche die Autoren mit umfangreichen Befragungen und Inhaltsanalysen erhärteten. Franca Siegfried: „Was sich aber um den Journalisten herum abspielt, in seinem nächsten Umfeld, und was sich übergeordnet im Betrieb ereignet, kann mittels einer Befragung unmöglich erfasst werden.“ Antworten bei breit angelegten strukturierten Befragungen sind oft von idealen Erwartungen und Ideologien gefärbt. Die klassischen Befragungen operieren vorzugsweise mit Mitgliedern der Journalistenverbände, während Pendlerzeitungen meist Anfänger aus derselben „Alterskohorte wie das Zielpublikum“ – also knapp unter Dreißigjährige – einstellen; sie sind selten Verbandsmitglieder.

Für ihre Dissertation wählte Franca Siegfried deshalb die seltener gewählte Methode der „teilnehmenden Beobachtung“ – seltener, weil man zuvor in ein Redaktionsbiotop aufgenommen werden muss. Ringier hat es – verdienstvollerweise – ermöglicht, dass Frau Siegfried, die seit 1999 als freie Journalistin, Teilzeiterin und Redakteurin für das Haus tätig ist, den noch jungen Blick am Abend für ihre Dissertation „teilnehmend beobachten“ konnte. Sie saß mittendrin, nahm an Sitzungen teil, sammelte die einschlägigen Manuals, lebte den Alltag, arbeitete im Lifestyle-Ressort, führte lockere Interviewgespräche. Vier Tage widmete sie ausschließlich der vorbereiteten Beobachtung. Heute sind die Verhältnisse bereits wieder etwas anders, weil Blick am Abend inzwischen in den Newsroom der Blick-Gruppe eingegliedert ist, dessen Aufbau sich nicht zuletzt auf die Pioniererfahrungen von Blick am Abend stützte.

Franca Siegfrieds Ergebnisse: Im „journalistischen Programm“ von Blick am Abend gelten wie in jeder Zeitung Nachrichtenwerte, die die Journalisten bei der Auswahl der Meldungen anleiten sollen. 15 solche Werte gibt der angesehene Textchef den jungen Medienleuten mit – je mehr Werte ein Ereignis auf sich vereinigt, desto größer ist dessen Chance, ins Blatt zu kommen:

Möglichst eindeutig soll das Ereignis sein; für ellenlange Erklärungen fehlen Platz und Zeit. Promis sollten involviert sein: Prominenz steht über Reichtum, Ruhm über Macht. Personalisierung, also die enge Verknüpfung mit einer Person, hilft ins Blatt. Emotionalität ist gefragt: Kinder, Tiere, Tote, schreiendes Unrecht. Zeit: Was am Vormittag passiert, hat Vorrang. Konsonanz: Was sich mit unseren Vorurteilen deckt, interessiert. Variation: „Drei Autounfälle? Wir nehmen nur den schlimmsten.“ Unsere Zielgruppe, die urbanen Pendler zwischen 14 und 32, wollen Ausgang, Party, Handy vorgesetzt bekommen.

Einiges, was der Textchef ordert, ist auch für den klassischen Oldie-Journalisten vorbildlich: „Übernehmen wir Informationen aus einer Zeitung oder online, weisen wir das aus“, sagt der Redakteur. „Das zeigt, wie breit wir Infos sammeln, und es hält unsere Leser vom herumsurfen ab.“ Blick am Abend ist also ein Hybrid zwischen Print- und Online-Journalismus, folgert Siegfried.

„Das beschleunigte Arbeitsprogramm verlangt Geschwindigkeit in den Redaktionssitzungen.“ Siegfried beschreibt, wie der Chefredakteur wählt, ohne zu zögern: „Als erste Geschichte machen wir die Karriere der Brüste von Pamela. Das Bild zeigen wir nur angeschnitten mit ihrem Dekolletee. Dann käme Kate Moss. Den Marlon Brando machen wir für ältere Leser.“

Eine junge, noch ‚grüne‘ Redakteurin zitiert Siegfried so: „Mir gefällt die Arbeit mit der Sprache […] und zum andern der humanitäre Gedanke: Aufklären.“ Die Autorin kommentiert diese noch ungetrübte Perspektive der jungen Journalistin auf ihren Job: „Mit zunehmender Berufsrealität wird auch bei ihr eine Entidealisierung einsetzen […] der pragmatische Umgang mit den Zwängen der Märkte.“ Redakteure schreiben über Filmpremieren, Sportanlässe und Tourneen von Stars, damit die Leser Lust bekommen, sich Tickets zu kaufen.

Siegfried verweist gezielt auf eine Online-Stellenanzeige vom Juli 2008: „[…] Dank Ihrem breiten Allgemeinwissen und Ihrer journalistischen Fachkompetenz bringen Sie unserer Leserschaft Themen von In/Ausland und Wirtschaft einfach und präzise näher.“ Die Autorin spottet: „Fachkompetenz ist gerade nicht gefragt.“ Der Chefredaktor nennt seine Redaktion das Farmingteam für Nachwuchsjournalisten. Gefragt ist Routine, noch mehr Leichtigkeit. Spiegeln sollte sich die Lebenseinstellung: Jungsein, Spaß, Lifestyle, Partytime. Der Textchef: „Mitbringen musst du Talent zum Schreiben, Interesse für dich und die Welt.“

„Nähe zum Publikum“ finde zunächst im Kopf des Journalisten statt – das laufe nicht wie beim klassischen Lokalredakteur, der sich unter die Leute begibt. Der Chefredakteur fordert, die Journalisten müssten kreative Zweitverwerter sein. Für die Redakteure bedeutet das laut Siegfried, dass sie von Informationen aus zweiter Hand leben. Sie recherchieren im Netz und finden Informationen, die sie als News verarbeiten. Sie finden sie auf Online-Quellen wie Spiegel.de, Bild.de, 20minuten.ch, Tagesanzeiger.ch, Google, Facebook, Verwaltungsportalen. Der Chefredakteur: „Im Internet die ganze Welt ‚abscannen‘, Originalität und schnelle Schreibe – das müssen meine Redaktoren können […] Sich überall etwas auskennen, aber nirgends vertieft.“ Gutes Copypaste als Gütemerkmal.

„Multitasking“ ist Trumpf – nebeneinander oder in kürzesten Abständen surfen, klicken und texten, Kontakte abrufen, Coca Cola trinken, essen. Alles unter dem Dogma der Aktualität und der Deadlines gegen Mittag, die unbedingt eingehalten werden müssen. Den Kopf einziehen, wenn der Textchef eine Korrektur verlangt (Diskussionen wären Zeitverschleiß). „Speed Recherche“ heißt denken im Minutentakt bei Kenntnis aller Newsquellen. Das alles im „Garagen-Groove“ eines Großraumbüros und im Austausch mit einer ebenfalls jugendlichen Peer-Group, mit der einen das Lebensgefühl, aber sonst wenig verbindet. Quintessenz: Ein 175 Jahre altes Berufsbild, nämlich jenes eines der Öffentlichkeit und Demokratie verpflichteten Journalismus, wird umgepflügt. Tempo geht über alles.

Der Jurist Peter Studer war Chefredakteur des Tages-Anzeigers und des Schweizer Fernsehens. Später präsidierte er den Schweizer Presserat. Er schreibt über Medienrecht und Medienethik.

Leicht modifizierte Erstveröffentlichung auf medienspiegel.ch am 19. Februar

 

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