Und schuld ist der Scheff

8. Januar 2016 • Redaktionsmanagement • von

Wenn Sie sich im Job unbeliebt machen wollen, hier mein Tipp: Werden Sie NZZ-Chefredaktor.

NZZIn der Politik war es die beste Story des Jahres. FDP-Nationalrätin Christa Markwalder hatte einer Lobbyistin im Dienste Kasachstans interne Unterlagen zugesteckt.

Aufgedeckt wurde die Kasachstan-Affäre von Markus Häfliger, dem Leiter der NZZ-Bundeshausredaktion. Häfliger wurde dafür zum „Journalisten des Jahres” gewählt.

Nun verlässt Häfliger die NZZ und wechselt zum Rivalen Tages-Anzeiger. Das ist ungefähr so, wie wenn in Bern der Fraktionschef der FDP zur SP (Sozialdemokratische Partei) überlaufen würde.

Auf der NZZ-Redaktion sorgte der Abgang denn auch für helle Aufregung, zumal zwei weitere Inlandredaktoren mit Häfliger das Weite suchen. Schnell war auf der Redaktion der Grund dafür ausgemacht. Schuld ist der „Scheff”. Bei der NZZ ist der Scheff immer schuld. Denn er allein ist zuständig für die internen Klimafragen. Sonst niemand.

Eric Gujer ist seit knapp zehn Monaten als neuer Chefredaktor im Amt. Wenn ich nun mit NZZ-Redaktoren über Gujer rede, dann sagen sie mir: „Schreib, er sei ein sozialer Nomade und ein Autist.”

Tatsächlich hat Gujer sich nicht als großer Kommunikator, sondern als Entscheider eingeführt. Als Erstes entließ und frühpensionierte er auf der Redaktion zwölf Mitarbeiter. Er tat es ohne demokratische Konsultation. Dann stellte er neue Leute ein, wieder ohne demokratische Konsultation.

Ein Geist, der stets verneint

Dass Gujer solch operative Fragen zügig löste, wirft die Redaktion ihm nun vor. Seinem Vorgänger Markus Spillmann hatte sie jahrelang vorgeworfen, dass er solch operative Fragen nicht zügig löste.

Die NZZ-Redaktion ist ein Geist, der stets verneint.

Das erklärt sich durch ihre etwas schizophrene Konstellation. Sie ist ein Haufen von Individualisten, die eine kollektive Leistung erbringen müssen. So schwanken die Journalisten ständig zwischen Individualismus und Kollektivismus. Sie möchten von oben in Ruhe gelassen werden. Sie möchten von oben einbezogen werden. Sie möchten gemeinsam entscheiden. Sie möchten Führung spüren. Sie möchten weiterhin in Einzelbüros sitzen. Sie möchten in den Einzelbüros von Teamarbeit träumen.

Ähnlich gespalten ist auch die publizistische Wahrnehmung des Chefs. Der Chef kann machen, was er will, die NZZ-Redaktion bleibt der Geist, der stets verneint.

Während dreißig Jahren beklagte man sich, dass die vormaligen Chefs Hugo Bütler und Markus Spillmann keine griffigen Leitartikel zustande brachten. „Profilschwäche”, mäkelte die Redaktion. Dann kam Gujer und schrieb äußerst kontroverse Kommentare. Er setzte sich zum Beispiel für militärische Optionen in Syrien ein und forderte auch von Deutschland ein stärkeres Engagement. „Profilsucht”, mäkelt nun die Redaktion.

Die NZZ zählt 230 Köpfe. Das Wirtschaftsressort allein hat zwanzig Redaktoren, das Blatt über vierzig Korrespondenten. Das sind, NZZ online inklusive, zehn Mitarbeiter mehr als Anfang 2015. Keiner anderen Redaktion im Land geht es so komfortabel. Das ist auch Gujers Verdienst.

Wenn ich nun mit NZZ-Redaktoren über Gujer rede, dann sagen sie mir: „Schreib über seine Frau.”

Man glaubt es kaum, aber tatsächlich ist das größte Thema auf der NZZ-Redaktion derzeit die Gattin von Gujer. Sie heißt Claudia Schwartz und arbeitet im Feuilleton des Blatts. Sie gilt als sein U-Boot, aus dem Interna an die Kommandobrücke zurückgefunkt werden. Es gibt dazu unzählige Verschwörungstheorien.

„Mein Gott”, habe ich gedacht, „wenn auf einer Redaktion die größte Sorge der Gattin des Chefredaktors gilt, dann geht es dieser Redaktion sehr gut.”

Erstveröffentlichung: Weltwoche vom 10. Dezember 2015

Bildquelle: Wikimedia Commons

Print Friendly, PDF & Email

Schlagwörter:, , ,

Send this to friend